Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Fünf Freunde und die große Meuterei (Folge 144)

Die Handlung:

Als die Fünf Freunde an einer Führung durch den Londoner Hafen teilnehmen, reißt sich Timmy los und rennt in einen offenstehenden Container. Die Freunde folgen ihm, denn Timmy scheint etwas gewittert zu haben. Da wird der Container plötzlich geschlossen und verladen. Als es den Fünf Freunden nach Stunden gelingt, die Türen des Containers zu öffnen, befindet sich das Schiff bereits auf hoher See. Und als sie zur Brücke wollen, um dem Kapitän Bescheid zu geben, erwartet sie eine weitere böse Überraschung … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Ob das alles so möglich ist, was da im Klappentext steht, ich weiß ja nicht … aber, nehmen wirs mal so hin und hoffen, dass die Freunde wieder vom Schiff runterkommen, bevor das in China oder Australien oder sonstwo angekommen ist.

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Die drei ??? und der weiße Leopard (Folge 212)

Die Handlung:

„Der weiße Leopard“, eine japanische Prunkschale, verschwindet trotz des hochmodernen Alarmsystems. Ein kniffliger Fall für die drei ???, denn auf der Schale liegt ein Fluch der Samurai. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Erwartet und hier ein Kombi-Fall? Zwei zum Preis für einen? Ein Kunstdiebstahl und noch ein Fluch dazu? Und … was sind denn wohl die Auswirkungen des Fluchs? Zehn Jahre eine laufende Nase? Nein … der Tod … gar nicht mehr so lustig.

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McGowan, Kathleen – Magdalena-Evangelium, Das

_Bibelrevision reloaded: Pilatus war ein Ehrenmann!_

Wer war Maria Magdalena, die angebliche Sünderin? Diese Frage stellt sich Maureen Paschal, eine junge amerikanische Journalistin, die sich offenbar durch nichts erschüttern lässt. Bis zu dem Tag, als ihr eine verschleierte Frau erscheint und sie über den Abgrund der Zeit hinweg um Hilfe bittet. In ihrer Faszination rührt Maureen an ein altes Geheimnis. Ein Vermächtnis, für das tausende Menschen gestorben sind. Und getötet haben. Das Vermächtnis ist ein in den Pyrenäen verborgener, einzigartiger Schatz. Und nur eine ganz besondere Person kann ihn heben. Ist Maureen die Verheißene?

_Die Autorin_

Kathleen McGowan, geboren in Hollywood, Kalifornien, wurde bereits als Teenager für ihre journalistischen Arbeiten ausgezeichnet. Mit 21 Jahren ging sie als Reporterin nach Nordirland. In den folgenden Jahren bereiste sie Europa und den Nahen Osten und studierte die Mythologie und Folklore der Alten Welt. Nach ihrer Rückkehr in die USA arbeitete sie für die „Irish News and Entertainment“ und später für die Walt Disney Corporation. Über ihre Reisen drehte sie – wie ihre Figur Tamara Wisdom – eine Dokumentarreihe. Sie ist mit dem irischen Folksänger Peter McGowan verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.

_Die Sprecherin_

Ursprünglich sollte Franziska Pigulla als Sprecherin vorlesen. (So steht’s in der Programmvorschau für den Herbst 2006.) Sie sprang jedoch ab und Eva Mattes für sie ein. Mattes, Jahrgang 1954, steht seit 1965 vor der Kamera, seit 30 Jahren auf der Bühne. Vor allem die enge Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder prägte ihre Karriere. Für ihre Leistungen wurde sie mit dem Filmband in Gold, dem Bayerischen Filmpreis sowie der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet. Ihre erste Filmrolle spielte sie als Zehnjährige in »Dr. med. Hiob Prätorius«, 1970 folgte die erste Hauptrolle im Antikriegsfilm »o.k.«. Weitere wichtige Filme sind u.a. »Woyzeck« (1979, W. Herzog), »Céleste« (1981), »Das Versprechen« (1994) und »Schrei der Liebe« (1997). Seit 2001 spielt sie die Tatort-Kommissarin Klara Blum.

Sie liest eine von Dr. Arno Hoven gekürzte Romanfassung. Regie im Live-Live Studio, Berlin, führte Kerstin Kaiser, die Aufnahme erfolgte durch Horst-Günter Hank, der zusammen mit Dennis Kassel auch die Musik lieferte. Die Produktion oblag Marc Sieper.

_Handlung_

PROLOG. Man schreibt das Jahr des Herrn 72, und im Süden Galliens macht sich eine alte Frau daran, ihre Erinnerungen an die gute Zeit niederzuschreiben, als sie noch mit ihrem Mann Isa in Galiläa lebte. Doch inzwischen sind die meisten der Auserwählten, die Jeschua, dem Nazarener, nachfolgten, tot. Ihr Isa starb auf Golgatha, Petrus und Paulus wurden nach Rom verschleppt. Schon seit 40 Jahren, seit ihrer Flucht aus Jerusalem, lebt die alte Frau in dieser Höhle in den Pyrenäen. Sie wartet auf ihre Tochter Sara Tamar, denn ihre beiden Söhne sind schon längst fort, um ihrer eigenen Wege zu gehen. Nachdem sie sich entschieden hat, ob sie in Aramäisch, Isas Sprache, oder Griechisch formulieren soll, beginnt die alte Frau zu schreiben, von Judas, dem treuesten der zwölf Apostel, von Petros und all den anderen. Es ist „Das Buch der Jünger“. Danach wird sie das „Buch der dunklen Zeit“ beginnen.

PROLOG 2. Im Marseille des Jahres 1997 blickt Roger Bernard Gélis dem Tod ins Auge. Der Hüter eines Schatzes und Hirte einer geheimen Gemeinde aus dem südfranzösischen Languedoc findet ein grausames Ende. Männer, die sich „die Gerechten“ nennen, schlagen ihm den Kopf ab und rufen „Necate omnes – tötet sie alle!“ Genau wie ihre Ordensbrüder vor fast 800 Jahren in Bézieres, als sie die Katharer vernichteten.

|Haupthandlung.|

Im Herbst des gleichen Jahres wandelt Maureen Paschal, eine junge amerikanische Journalistin aus Louisiana, in Jerusalem an den Stationen des Kreuzweges, der Via Dolorosa, entlang. Doch an der achten Station verirrt sie sich (hier wandte sich Jesus an die Frauen) und fragt einen einheimischen Händler, der gerade seinen Antiquitätenladen öffnet, nach dem rechten Weg. Mahmud tut sogar noch mehr: Er schenkt ihr einen uralten Ring, der Maureen wie angegossen passt. Auf dem Ring sind neun kleine Kreise eingraviert.

Zurück auf der Via Dolorosa, wird ihr jedoch schwindelig und sie setzt sich auf eine Bank. Eine Art Verschiebung ihrer Wahrnehmung findet statt, so dass sie glaubt, das, was sie nun sieht, sei eine Vision: Sie erblickt eine rothaarige Frau mit haselnussbraunem Haar, die aus dem Mob des Kreuzweges wie eine Königin herausragt, doch ihr Gesicht ist von Schmerz verzerrt: „Du musst mir helfen!“ ruft sie. An ihrer Seite laufen zwei ihrer Kinder, das dritte wartet bereits in ihrem Schoß.

Maureen erwacht mit einem Ruck. Wer war die schöne Frau? Und warum folgte sie Jesus auf seinem letzten Gang, nach Golgatha, der Schädelstätte?

In der Grabeskirche zieht ein kleiner Mann Maureen beiseite, um ihr ein Bild an der Wand zu zeigen. Dies sei Maria Magdalena, sagt er, und genau wie sie, Maureen, trage sie den Ring mit den neun Kreisen. Maureen ist verwirrt und vertraut sich ihrem Cousin Peter Healey an, einem Jesuitenpater, den sie in Irland kennen gelernt hat. Seit ihr Vater sich das Leben genommen hat, ist Peter ihr größter Beschützer in dieser gewalttätigen Welt.

Als ihre Visionen nicht enden, sondern wiederkehren, muss sie sich mit diesem seltsamen Schicksal auseinander setzen. Sie schreibt über Maria Magdalena ein Buch, das zu einem Bestseller wird: „HERstory“ (statt „HIStory“). Darin enthüllt sie die Geschichtsfälschungen um die negativsten Frauengestalten, darunter Jeanne d’Arc und Maria Magdalena, die „reuige Sünderin“. Doch Magdalena (von hebräisch migdal eda: der Turm der Herde) wurde von einem Papst diffamiert, um seine politischen Ziele zu fördern. Wer war sie in Wirklichkeit? So wie Jeschua, der Nazarener, aus dem Hause König Davids stammte, so war auch sie eine Prinzessin – sie kam aus dem Hause des Königs Saul. Sie waren miteinander verlobt, doch etwas Schlimmes muss geschehen sein …

Unterdessen findet ihr Buch seinen Weg auch nach Südfrankreich. Dort entgeht den scharfen Augen von Beranger Sinclair und Roland Gélis, dem Sohn des anno 1997 Ermordeten, nicht, dass die Amerikanerin auf dem Foto einen heiligen Ring trägt. Es ist das Erkennungsmerkmal der Nachfolgerin Maria Magdalenas, von der Sinclair seine eigene Abstammung herleitet. Ist also Maureen Paschal die verheißene Hirtin des Schatzes, den die echte Maria Magdalena in den Bergen des Languedoc versteckt hat: ihr eigenes Evangelium und dasjenige, das Jesus selbst schrieb? Er beschließt, sie für die Sommersonnenwende 2006 nach Paris und auf seinen Stammsitz im Languedoc einzuladen.

„Necate omnes!“ lautet der Schlachtruf und das Motto des „Ordens der Gerechten“, der Johanniter, geschworene Feinde der Diener jener „Hure“, die als Maria Magdalena bekannt wurde. Schon einmal zogen sie im 13. Jahrhundert gegen die Hurenjünger, die Katharer, und metzelten sie in Hekatomben nieder. Doch nun reckt die alte Schlange wieder ihr Haupt empor. Diese Maureen Paschal trägt den verfluchten Ring der Metze!

John Simon Cromwell, das derzeitige Oberhaupt der „Gerechten“, sendet zwei Kundschafter aus, um die Chancen zu erkunden, wie die neue Verschwörung im Keim zu ersticken sei. Doch wenn die Amerikanerin ihn zum „Buch der Liebe“, dem Jesus-Evangelium, führen kann, umso besser. Danach ist sie nutzlos. Das Buch möge verbrannt werden, zusammen mit ihr …

_Mein Eindruck_

Die Frauen schlagen zurück, und wer könnte es ihnen verübeln. Dan Browns Bestseller [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1897 öffnete alle Schleusen für die Magdalena-Jünger, die fest davon überzeugt sind, dass Maria Magdalena nicht nur die rechtmäßig angetraute Gattin Jeschuas war, sondern obendrein auch die erste unter den zwölf Aposteln. Im Neuen Testament gehört sie zu den Frauen, die Jeschuas Leichnam nach seinem Kreuzestod ins Grab legten und salbten.

Was liegt näher als anzunehmen, dass sie selbst über jene kritischen Ereignisse in Jerusalem schrieb, als Pilatus seine Hände in Unschuld wusch, als er den nazarenischen Prediger den rachedurstigen Hohepriestern um Kaiphas und Jonathan Hannas übergab? Folglich schrieb sie das Evangelium nach Magdalena. Und bei McGowan hat es zwei Bücher: „Das Buch der großen Zeit“ (Das Buch der Jünger) und „Das Buch der dunklen Zeit“. Hier rückt die Autorin die titelgebende Frau an den Platz zurück, der ihr nach ihrer Meinung gebührt: als rechtmäßige Verwalterin von Jesu geistigem Erbe.

So wie sich Dan Brown auf den Bestseller „Der Heilige Gral und seine Erben“ stützte, so kann auch McGowan auf Quellenforschung zurückgreifen. Manche dieser Quellen hat der |Lübbe|-Verlag bereits veröffentlicht, andere Bücher sollen noch folgen. Diese Bücher braucht man aber nicht zu kennen, denn viele der relevanten Theorien und Erkenntnisse werden bereits im vorliegenden Roman dargelegt und erörtert. Das ist die Stärke, aber auch die Schwäche des Buches.

|Drei Ebenen|

Das Werk hat mindestens drei Ebenen. Da war einmal die oben skizzierte äußere Handlung, die Maureen Paschal von A nach B und noch viel weiter führt. Dieser Weg gleicht einem spirituellen Pilgerweg. Sie weiß es zwar nicht, doch der Weg – und das ist wörtlich gemeint – soll sie zur Entdeckung des Magdalena-Evangeliums in der Nähe von Arc führen.

Alle Diskussionen, Zweifel, Verwicklungen, Erörterungen und Offenbarungen, die Maureens Weg begleiten, lassen sich als zweite, als eine Meta-Ebene zusammenfassen. Sie dient dazu, Maureen als die Verheißene in ein konfliktreiches soziales und spirituelles Umfeld einzubetten. Schließlich passiert es einer Frau nicht jeden Tag, zur Hohepriesterin einer Jahrtausende alten Sekte gekürt zu werden.

Die Ebene Nummer drei finde ich persönlich am interessantesten: Sie wird durch das Magdalena-Evangelium selbst gebildet. Der Jesuit Peter Healey, Maureens Cousin, hat die beiden von ihr gefundenen Schriftrollen in nächtelanger harter Arbeit aus dem Griechischen übersetzt und sie einem erstaunten und erschütterten Publikum vorgetragen. Endlich wird die zentrale Rolle, die Magdalena spielte, sichtbar. Und über das, was sie über Jeschuas letzte Tage berichtet, herrscht fortan nicht der geringste Zweifel.

Ihre Behauptung, Judas Ischariot sei der treueste Apostel gewesen, als er Jeschua „verriet“, wird nun endlich verständlich. Noch erstaunlicher sind ihre Mitteilungen über die Hintergründe der Verschwörung der Hohepriester und der Johannes-Anhänger, um Jeschua ans Kreuz zu bringen. Statthalter Pontius Pilatus, dessen Frau Claudia Procula, eine bekehrte Christin, für Jeschua eintrat, wird zu einer historischen Gestalt von tragischer Größe. Egal, was er gewählt hätte – Freilassung Jeschuas oder seine Kreuzigung –, er wäre so oder so durch die Intrige Herodes Antipas’ gegen ihn zugrunde gegangen.

|Jeschua der Nazarener|

Was mir jedoch Bauchschmerzen bereitet, ist die Lichtgestalt, zu der Jeschua der Nazarener stilisiert wird. Schon klar: Er befand sich in einem spirituellen Wettstreit mit Johannes dem Täufer, dem „Lehrer der Gerechtigkeit“, und ist so als politische Figur erkennbar, doch leider behielten seine Gegner, die Essener des Johannes und die Hohepriester um Kaiphas, die Oberhand. Und da die Sieger immer die Geschichte nach ihrem Standpunkt schreiben, wurde sein Bildnis in ihren Schriften verfälscht. Da Johannes ein richtiggehender Frauenfeind war, lag seinen Anhängern auch viel daran, die Rolle der Frauen in der Nazarener-Bewegung Jeschuas zu diffamieren und in Misskredit zu bringen. So wurde aus Magdalena die „reuige Sünderin“, als die sie überall porträtiert wurde, und aus Salome, der Tochter des Herodes, ein „sündige Dirne“, die mit einem „Tanz der sieben Schleier“ (der von Magdalena legitimiert wird) lüstern ihren Vater bezirzte. Reiner Humbug!

Jeschua ist für mich zu schön, um wahr zu sein: Er die Lichtgestalt, zu der Magdalena, seine Frau nach dem Tode ihres ersten Gatten Johannes, aufblickt, und die sie wiederholt verklärt. Seine Lehre ist im Gegensatz zu der von Johannes eine der Liebe, Vergebung und Güte. Als Beleg dienen seine Heilungen, die er selbst bei den Besatzern, den Römern, vornahm. Ein besonders bewegendes Beispiel ist seine Heilung der Tochter des Hohepriesters Jairus von dem todesähnlichen Schlaf, in den sie gefallen war. Jeschuas Schicksal auf der Schädelstätte Golgatha ist natürlich an Dramatik nicht zu überbieten. Taschentücher bereithalten!

In der Gegenwart des Jahres 2006 ist die Reaktion auf die abweichlerischen Mitteilungen der Magdalena geteilt, wie man sich leicht denken kann. Und es erhöht die Spannung ganz beträchtlich, als Peter Healey eines Morgens sang- und klanglos mit den heiligen Schriftrollen verschwindet, um sie nach Paris zu seinen geheimen Auftraggebern zu bringen …

_Die Sprecherin_

Eva Mattes trägt die Geschichte mit angemessener Ausdrucksweise vor, doch etwas Merkwürdiges fiel mir auf: Dadurch, dass sie die arme Maureen, die von allen herumgeschubst und nur von einem Häuflein Aufrechter unterstützt wird, mit einer naiven Unschuldsstimme ausstattete, tritt Maureens hauptsächliche und recht bescheidene Rolle als Stichwortgeberin deutlich zutage. Will heißen: Sie spielt die Rolle des ahnungslosen Unschuldslammes, eine Novizin, die nun – stellvertretend für die Leserin bzw. Hörerin – in die höheren und ein wenig düsteren Mysterien um ihre Namenspatronin eingeführt wird. Ihre stets männlichen Mentoren (Tamara Wisdom hintergeht ja Maureen) reagieren prompt auf ihre vielen Stichwörter und beantworten alle ihre Fragen mit stets freundlicher Bereitwilligkeit. Offenbar wollen sie alle etwas von ihr – was könnte es wohl sein, fragt sich die Leserin bzw. Hörerin.

Zu den Enthüllungen der Mysterien, die zu den höheren Weihen führen, gehören im Text zahlreiche Zitate aus den beiden Büchern des Magdalena-Evangeliums. Alle diese Zitate sind mit einem leichten Halleffekt unterlegt, so dass sie leicht vom restlichen Text zu unterscheiden sind. Der Eindruck einer nicht nur stimmlichen, sondern auch zeitlichen Tiefe finde ich passend.

_Unterm Strich_

Wer Dan Browns „Sakrileg“ und den Schmöker „Die Erben des Heiligen Grals“ gelesen hat, wird sich in „Das Magdalena-Evangelium“ wie zu Hause fühlen. Sogar die Rosenlinie taucht hier wieder auf, führt durch die Pariser Kirche St. Sulpice (jetzt ein Wallfahrtsort amerikanischer Touristen, die den Da-Vinci-Code entschlüsseln wollen) und kreuzt – wer hätte das gedacht? – stracks durch das Dorf Arc, wo das Evangelium darauf wartet, entdeckt zu werden. Es verwundert nicht, dass die Rosenlinie nicht so bezeichnet, sondern – du ahnst es kaum – „Magdalenen-Linie“ genannt wird.

Weil die Autorin alle diese Ort so genau beschreibt, entsteht der Eindruck, dass sie sie alle persönlich besucht hat. Dass dies nicht unbedingt den Tatsachen entspricht, zeigt ein winziges, aber verräterisches Detail. Sie lässt Maureen die Alarmanlage ihres schlossähnlichen Domizils Château des Pommes Bleues deaktivieren. Da Maureen mit Magdalena den 22. März als Geburtstag teilt, kommt ihr als erstes dieses Datum in den Sinn. Sie schreibt es als Amerikanerin zuerst mit dem Monat und dann erst mit dem Tag, also: 322. Nur dass derjenige, der diese Alarmanlage einrichtete, höchstwahrscheinlich kein Ami war, sondern entweder Franzose oder Brite und das Datum folglich 223 geschrieben hätte. Hier überträgt die Autorin ihre eigene Kultur und hofft, dass die Franzosen schon so weit amerikanisiert sind, dass die Übertragung hinhaut. Jeder Franzose dürfte sich entrüstet abwenden. Bei den Briten bin ich mir inzwischen nicht mehr so sicher …

|Die Seelenreise der Pilgerin|

Der Mangel an äußerer Handlung und Action ist der wahren Natur des Buches geschuldet: Es handelt sich im Grunde um ein uraltes Genre, dem der spirituellen Entwicklung eines Pilgers. Dies konnte beispielsweise ein reuiger Sünder sein wie in John Bunyans „The Pilgrim’s Progress from this World, to that Which is to Come“ bzw. „Die Pilgerreise“, der 1678 erschien und sofort ein Bestseller wurde. Allerdings ist dieses Buch eine Seelenallegorie und für uns ziemlich unerträglich geschrieben. Was aber bestimmend übrig blieb, sind die vielen Erläuterungen, Belehrungen und sogar Verführungen. Auch physische Auseinandersetzungen kommen vor, genau wie bei McGowan.

John Bunyan mischt Heils-, Kirchen- und Seelengeschichte. Und wenn das Magdalena-Evangelium mit seinen Offenbarungen nicht das Heil der Christenheit – insbesondere ihres weiblichen Teils – verheißt, was dann? Magdalena wertet zahlreiche Geschichtsverfälschungen auf, genau wie Maureen es in „HERstory“ tut. Das Evangelium nach Magdalena lässt sich nur noch durch das Evangelium nach Jesus toppen. Es wird als „Das Buch der Liebe“ erwähnt. Vermutlich handelt es sich um den größten Schatz der Magdalenen-Jünger bzw. der Katharer, die es 1244 vor den Papsttruppen in Sicherheit bringen konnten – so die Legende.

|Fortsetzung folgt|

Dem Leser bzw. Hörer schwant es schon: „Das Magdalena-Evangelium“ ist nur der erste Band eines Zyklus. Der O-Titel stützt diese Befürchtung: „The Expected One“ ist lediglich „Book I of the Magdalene Line“. Das dicke Ende kommt also noch.

|Ob’s gefällt?|

Ich selbst kann mit mystisch-historischen Reiseberichten à la John Bunyan wenig anfangen, nicht so sehr wegen der beliebig herbeizitierten Beweise für Magdalenas und Maureens Rolle, als vielmehr wegen der fehlenden äußeren Aktion. Entwicklung findet in erster Linie im inneren Raum statt, und für Verräter und Spione kann das schon mal ins Auge gehen (Tamara und ihr Lover Derek). Aber das Château des Pommes Bleues zu einem Camelot des neuen Glaubens hochzustilisieren, finde ich schlicht lächerlich.

Letzten Endes entscheidet über das Buch nicht etwa der literarische Geschmack, sondern der Glaube der Leserin. Will sie diesen Schmarren akzeptieren oder nicht, ist keine Frage ihrer Vernunft, sondern ihrer mystischen Gläubigkeit. Dass Maureen in Graf Sinclair, diesem Gralsritter der Magdalena, nicht nur einen geistig-spirituellen Führer, sondern auch einen Liebhaber findet, dürfte romantische Frauenherzen schmachtend schmelzen lassen – und die Kasse der Autorin ins Nonstop-Klingeln versetzen.

|Originaltitel: The Expected One. Book I of the Magdalene Line, 2006
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rainer Schumacher & Barbara Först
463 Minuten auf 6 CDs|
http://www.luebbe-audio.de

John Sinclair – Die Teufelsuhr (Folge 45)

Kreisch! Die Großvateruhr ist des Teufels!

Um 1908 beerdigen die Männer des Dorfes Miltonbury drei Kinder und einen Mann in ungeweihter Erde unter eine Eiche, die hinter einem Herrenhaus liegt. Die Zeit deckte den Mantel des Vergessens über den seltsamen Vorgang. Bald weiß niemand mehr von der Lage der Gräber, doch die Familie des Bürgermeisters wahrt das Geheimnis ihrer Existenz. 2008: Hundert Jahre später zeigt sich, dass der Fluch auf dem herrenhaus, dem die Dörfler nur munkelten, existiert und seine ersten blutigen Opfer fordert – die Kinder und der Mann kehren zurück, gerufen von einer Teufelsuhr im Haus…

Die Story erschien erstmals als Band 155 der Bastei-Romanserie.

_Der Autor_

Der unter dem Pseudonym „Jason Dark“ arbeitende deutsche Autor Helmut Rellergerd ist der Schöpfer des Geisterjägers John Sinclair. Am 13. Juli 1973 – also vor 32 Jahren – eröffnete der Roman „Die Nacht des Hexers“ die neue Romanheft-Gruselserie „Gespenster-Krimi“ aus dem Hause Bastei. Inzwischen sind über 1700 John-Sinclair-Romane erschienen, die Gesamtauflage der Serie beträgt laut Verlag über 250 Millionen Exemplare.

_Die Inszenierung_

Frank Glaubrecht spricht den Geisterjäger himself und ist die deutsche Stimme von Al Pacino, Christopher Walken, Kevin Kostner, Jeremy Irons, Pierce Brosnan und vielen mehr.
Jane Collins: Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Gillian „Scully“ Anderson
Suko: Martin May
Nadine Berger: Elisabeth Günther (Liv Tyler)
Don Mitchell: Dietmar Wunder (Cuba Gooding jr., Adam Sandler, Daniel Graig)
Marion Mitchell: Manja Doering (Reese Witherspoon, Natalie Portman)
Patrick Kiboran: Ernst August Schepmann
Mr. Crawford: Philipp Schepmann
Pfarrer: Hans-Jürgen Wolf (Chazz Palminteri, Hugo ‚Agent Smith‘ Weaving)
George Wood: Lutz Mackensy (Al Pacino, Christopher Lloyd)
Mr. Scott: Wolfgang Ziffer (‚Johnny 5‘, C-3PO)
Harry Kiboran: Helmut Krauss (Marlon Brando, James Earl Jones)
Rick Holloway: Udo Schenk (Ray Liotta, Ralph Fiennes, Gary Oldman, Kevin Bacon …)

Und viele weitere, u. a. für die Kinderstimmen.

Der Produzent ist Oliver Döring, Jahrgang 1969, der seit 1992 ein gefragter Allrounder in der Medienbranche ist. „Als Autor, Regisseur und Produzent der John-Sinclair-Hörspiele hat er neue Maßstäbe in der Audio-Unterhaltung gesetzt und ‚Breitwandkino für den Kopf‘ geschaffen“, behauptet der Verlag. Immerhin: Dörings preisgekröntes Sinclair-Spezial-Hörspiel [„Der Anfang“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1818 hielt sich nach Verlagsangaben wochenlang in den deutschen Charts.

Buch und Regie: Oliver Döring
Regieassistenz: Patrick Simon
Hörspielmusik: Christian Hagitte, Simon Bertling, Florian Göbels
Tontechnik: Arne Denneler
Produktion: Alex Stelkens (|WortArt|) und Marc Sieper (|Lübbe Audio|)

_Handlung_

Anno 1908 beklagen die führenden Bürger der walisischen Stadt Miltonbury das Verschwinden dreier Kinder: Shelley Tucker, Phil Russell und nun auch Josh Whitaker. Es gehe bereits das Gerücht um, der Teufel treibe sein Unwesen, erfährt Lehrer Crawford vom Pfarrer, und dass ein Fluch auf der Stadt liege. Der Pfarrer verweist auf das verdächtige Fernbleiben von Rick Holloway beim Gottesdienst. Holloway ist der Verwalter jenes abgelegenen Herrenhauses, das einem Geschäftsmann in London gehört und direkt an den Klippen der Küste liegt. Die Männer, die der Pfarrer zusammengerufen hat, beschließen, dem Haus einen Besuch abzustatten.

In einem Gewitter brechen sie in das Haus ein, denn Holloway ist offenbar in seiner eigenen Hütte. In der Eingangshalle stoßen sie auf wertvolle Kunstobjekte, doch dann entdecken sie eine Tür, die zu einer Kellertreppe führt. An der Wand des Kellers stehen drei Särge, aus denen Modergeruch emporsteigt. Crawford bringt den Mut auf, einen der Särge zu öffnen …

|Hundert Jahre später.|

Vier Gräber befinden sich unter der Eiche unweit des Herrenhauses, drei für die Kinder und eines für Rick Holloway, den George Wood seinerzeit erschoss. Sie sind in ungeweihter, unheiliger Erde bestattet, und nun ist es an der Zeit, dass der Fluch, der auf ihnen liegt, sich erfüllt.

Nadine Berger will sich hier mit Don Mitchell verloben, der das Haus geerbt hat, und hat ihren alten Freund John Sinclair von Scotland Yard eingeladen, mit ihr zu feiern. Auf der Fahrt hilft er Marion Matchell, Dons Schwester, aus dem Straßengraben, in dem sie wegen überhöhter Geschwindigkeit gelandet ist. Sie ist offenbar dem Kiffen und Koksen nicht abgeneigt. Der Empfang ist herzlich, doch Nadine ist nervös. Etwas hat sie erschreckt, merkt Sinclair, und befragt sie. Sie hat Angst vor einem bestimmten Zimmer im Obergeschoss. Dort spuke es, denn sie höre unsichtbare Kinder lachen.

Der Bürgermeister erzählt Sinclair gerade von den drei toten Kindern und Rick Holloway, als ein markerschütternder Schrei die festliche Gesellschaft irritiert. Sinclair erblickt die blutüberströmte Marion, neben ihr ein erstickt gurgelnder junger Mann, offenbar ihr Galan. Sinclair eilt sofort zum Ort dieser Szene im Obergeschoss, kann aber nur noch den Tod des Mannes feststellen. Er bringt die völlig hysterische Marion wieder zur Besinnung und versucht von ihr zu erfahren, was geschehen ist. Sie hat eine kleine Gestalt mit einer Kapuze gesehen, die mit einem Messer auf Freddie einstach. Dessen Blut befindet sich auf Marions Kleidern. Aber wo ist das Kind jetzt? Verschwunden.

Nadine Berger zeigt Sinclair die bemerkenswerte Standuhr, die im Mordzimmer steht und deren Ticken ihr neulich so auf die Nerven ging. Ihr Verlobter Don meint, es handle sich um ein sehr altes Erbstück. Als Sinclair sein geweihtes Kreuz daran hält, reagiert die Uhr funkensprühend: Sie ist offenbar schwarzmagisch aufgeladen. Sinclair will nur seinen Werkzeugkoffer mit magischen Objekten aus dem Auto holen, als er unter der Eiche einen Schatten erblickt – ein lachendes Kind. Ein Schlag trifft ihn von hinten, und er fällt in Bewusstlosigkeit.

Als er daraus wieder erwacht, merkt er, dass ihn die Gestalt eines gespenstischen Mannes zu den Klippen schleift, um ihn auf die Felsen hinabzuschleudern …

_Mein Eindruck_

Diese Folge der umfangreichen Serie ist so etwas wie ein Solitär. Hier treten weder Dämonen noch Teufelstöchter noch irgendwelche Angehörigen der Mord-Liga (erst wieder in Folge 46) auf. Vielmehr könnte die Folge ohne größere Änderungen an praktisch jeder Stelle der Reihe stehen. Es handelt sich um eine klassische Horrorgeschichte, die den erprobten ungeschriebenen Gesetzen des Genres gehorcht. Meinen Respekt für den Autor.

Zunächst wird der Grundstein für den Fluch der Vergangenheit gelegt. Warum der Fluch ausgerechnet hundert Jahre braucht, bis er wirksam wird, wird natürlich mit keiner Silbe begründet. Solche haarspalterische Logik liegt dem Horror fern. Jedenfalls befördern die braven Bürger Miltonburys den vom Teufel besessenen Übeltäter vom Leben zum Tode und sorgen für vier Begräbnisse in unheiliger Erde.

Das ist wichtig, denn gemäß dem Volksglauben können die Seelen nun nicht dorthin gehen, wohin sie eigentlich gehören. Sie schmoren sozusagen in der Vorhölle bzw. im Fegefeuer und sind entsprechend mies drauf, als sie wieder zurückkehren können. Dass auch die drei unschuldigen Opfer Rick Holloways kein astreines Begräbnis erhalten, liegt ebenfalls an Holloway: Er hat den Pfarrer erschossen. Manchmal kommt eben zum fehlenden Glück auch noch das Pech hinzu (um mal einen deutschen Fußballer zu zitieren).

Das Böse lauert immer und überall, diesmal in der Großvateruhr, deren Herkunft als Erbstück nicht erklärt wird. Darin wohnt jedoch der Teufel. Na ja, er könnte überall wohnen, sogar in einem Schuhlöffel, warum also nicht in einer simplen Standuhr? Sie hat zudem den Vorzug, um Mitternacht zu schlagen und die Dämonen loszulassen, die die braven Bürger von Miltonbury in Angst und Schrecken versetzen. Natürlich glaubt außerhalb Miltonburys niemand, der noch bei Trost ist, an solchen Unsinn. Das belegt Don Mitchell, ein Zweifler par excellence, wie ihn sich der Teufel nur wünschen kann.

Selbstredend lauert das Böse nur darauf, dass eine Sünde begangen wird, um sich der armen Seele des sündigen Tropfes bemächtigen zu können. Schon mit der Ankunft der zügel- und hemmungslosen Marion Mitchell – sie versucht ausgerechnet den Cop John Sinclair zum Koksen zu verführen – schwant dem Hörer Übles, und es dauert denn auch nicht lange, bis der Sünden-Fall eintritt, ein Schrei ertönt und das erste Blut fließt. Den armen Freddie hat’s diesmal erwischt. Kein Wunder, dass Marion der Verstand flöten geht und sie reif für die Klapse ist.

Doch wie vertreibt man einen Teufel aus seinem angestammten Domizil, zumal, wenn er vier Helferdämonen hat, die ihm zuarbeiten? Es kommt also endlich zum ersehnten Showdown. Mehr soll nicht verraten werden, außer dass sowohl Rick Holloway als auch die drei Horrorkinder sich als sehr untot erweisen und nur mit Mühe an ihren endgültigen Bestimmungsort geschickt werden können. Wie es das Genre verlangt, wurde der Fluch beendet und die Ursache des Übels beseitigt.

The spoils to the victor – der Lohn des Kampfes winkt dem Sieger. Und John Sinclair bekommt das Mädchen. Sie heißt Nadine Berger. Bemerkenswerterweise scheint er auf Entzug zu sein, was sein Liebesleben angeht (Jane liegt im Krankenhaus), und so akzeptiert er dankbar, was sie ihm anzubieten hat (womöglich die Äpfelchen des Paradieses).

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Macher der „Geisterjäger“-Hörspiele suchen ihren Vorteil im zunehmend schärfer werdenden Wettbewerb der Hörbuchproduktionen offensichtlich darin, dass sie dem Zuhörer nicht nur spannende Gruselunterhaltung bieten, sondern ihm dabei auch noch das Gefühl geben, in einem Film voller Hollywoodstars zu sitzen. Allerdings darf sich niemand auf vergangenen Lorbeeren ausruhen: bloßes Namedropping zieht nicht, und So-tun-als-ob ebenfalls nicht.

Die Sprecher, die vom Starruhm der synchronisierten Vorbilder zehren, müssen selbst ebenfalls ihre erworbenen Sprechfähigkeiten in die Waagschale werfen. Zum Glück erledigen Pigulla (diesmal aus dem Off), Kerzel, Glaubrecht und Co. dies in hervorragender und glaubwürdiger Weise. Statt gewisse Anfänger zu engagieren, die mangels Erfahrung bei den zahlreichen emotionalen Szenen unter- oder übertreiben könnten, beruht der Erfolg dieser Hörspielreihe ganz wesentlich darauf, dass hier zumeist langjährige Profis mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Sätze vorzutragen wissen.

Übertriebene Ausdrucksweisen heben die Figuren in den Bereich von Games- und Comicfiguren. Das kann bei jugendlichen Hörern ein Vorteil sein. Die Figuren schreien wütend, fauchen hasserfüllt oder lachen hämisch. Diesmal sind die Lacher allerdings eher auf Seiten Rick Holloways, und die Opfer wälzen sich unter Kreischen und Gurgeln von der Bühne. Auftritt John Sinclair als spiritus rector und Inkarnation von Güte und Vernunft. Allerdings hängt er schon bald am Rande einer Klippe – Mitbibbern ist angesagt!

|Geräusche|

Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem halbwegs realistischen Genre-Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Schlüsselszenen recht stimmungsvoll aufgebaut. Diesmal herrschen die Geräusche vor, die man im Umfeld von Herrenhäusern zu hören erwartet, sei es drinnen oder draußen: erst Gelächter, dann Gekreisch, und hin und wieder eine tickende Uhr – memento mori. Die Geräuschkulisse ist erstaunlich realistisch, wirkt aber nie überladen, sondern stets erscheinen die Geräusche als notwendig. Ein Markenzeichen der Serie sind Schüsse und Funkdurchsagen. Von beidem gibt es stets jede Menge.

|Musik|

Die Musik gibt ziemlich genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und leitet in den kurzen Pausen bzw. Übergängen gleich zur nächsten Szene über. Sie wurde von einem Orchester eingespielt, und so entsteht der Eindruck, die Begleitmusik zu einem alten Hollywood- oder British-Horror-Movie zu hören. Stets gibt sie sehr genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und ist mit einem klassischem Instrumentarium produziert. Mit einer einzigen Ausnahme: Die Titelmelodie der Serie erschallt in einem hämmernden Rock-Rhythmus aus den Lautsprecherboxen. Sehr sympathisch.

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

|Das Booklet|

… enthält im Innenteil Angaben über die zahlreichen Sprecher und die Macher. Der Verlag empfiehlt sein Werk ab 16 Jahren.

_Unterm Strich_

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Stimmen von Hollywoodstars einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis. Dabei kommt aber die Action nie zu kurz, auch nicht die Romantik. Nadine Berger wendet sich furchterfüllt an den Retter John Sinclair, der die bösen Dämonen vertreiben wird, oder etwa nicht?

Die Polizei ist dein Freund und Helfer, und zwar auch im Bereich des Übernatürlichen. Das hat den Vorzug, nicht immer logisch sein müssen. Warum erfüllt sich der Fluch erst nach exakt hundert Jahren? Warum sitzt der Teufel in einer Standuhr? Warum tragen die Kinder mit den Messern – sie erinnern an [„Wenn die Gondeln Trauer tragen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4438 – die Ziegenfratze, die Satan nur auf uralten Darstellungen präsentiert? Warum können nur die Erzengel Beistand leisten, nicht aber simple Projektilwaffen – weil die Angreifer untot sind. Wenigstens eine Antwort kenne ich.

Darf ich mir jetzt auf die Schulter klopfen? Man darf eine Horrorserie, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt, auch nicht als ernst gemeint beurteilen, sonst wäre man entweder ein Beckmesser oder ein Narr. Ich hoffe, weder das eine noch das andere zu sein.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Die Action kommt niemals zu kurz, was die Game-Freunde doch einigermaßen zufriedenstellen sollte.

55 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3370-7
http://www.sinclairhoerspiele.de
http://www.luebbe-audio.de
http://www.wortart.de

Philip Ardagh – Schlechte Nachrichten (Eddie Dickens 3)

Diese Geschichte ist der dritte und damit leider schon letzte Teil der Eddie-Dickens-Trilogie, die in „Schlimmes Ende“ ihren schlimmen Anfang nahm und in [„Furcht erregende Darbietungen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=367 so grässlich fortgesetzt wurde. Klarer Fall: Wir sollten uns auf das Schlimmste gefasst machen!

Das drei CDs umfassende Hörbuch dauert 215 Minuten, also etwa dreieinhalb Stunden.

Der Autor

Der Ire Philip Ardagh ist über zwei Meter groß und trägt einen buschigen Bart (und ähnelt damit dem Sprecher Harry Rowohlt in frappierender Weise) – wie sein Foto belegt (das sich auf der fabelhaften und unterhaltsamen [Homepage]http://www.philipardagh.com/ des Autors finden lässt). Außerdem hat er mehr als 60 Kinderbücher geschrieben, für Kinder jeden Alters und unter verschiedenen Pseudonymen. „Allerdings keines, das nur annähernd so wäre wie ‚Schlimmes Ende‘ „, verrät der Verlag. Ardagh lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einem Küstenort in England. Er arbeitete als Werbetexter, als Krankenhausputzkraft, als Bibliothekar und als Vorleser für Blinde, bevor er aus dem Schreiben einen Fulltime-Job machte. Im Booklet ist ein Porträt zu sehen.

Der Sprecher

Auch dieses Buch wurde wieder von Harry Rowohlt übersetzt, und er ist auch der Sprecher des ungekürzten Hörbuchs. Rowohlt lebt in Hamburg, ist Übersetzer, Autor, Rezitator, Zeit-Kolumnist und Gelegenheits-Schauspieler in der „Lindenstraße“. Er hat weit über hundert Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Die Liste der ihm verliehenen Preise würde den Rahmen sprengen. Seine Lesung von „Pu der Bär“ gehört zu den erfolgreichsten Hörbuchproduktionen der letzten Jahre.

Handlung

Eddie Dickens soll nach Amerika segeln. Ja, schön, aber warum ausgerechnet Eddie und wozu überhaupt?

Um dies verständlich zu machen, sind natürlich längere Erklärungen notwendig. Eddies Mutter hat eine Artilleriegranate über ihren Gartenzaun geworfen. So etwas tut man nicht alle Tage, nicht ungestraft und schon gar nicht ohne entsprechende Folgen. Die Explosion der Granate tötet einen friedlich unter Rhabarberblättern schlummernden Ex-Soldaten des Wahnsinnigen Onkels Jack (W.O.J.), verteilt seine Bestandteile über den Garten, streckt Mutter Dickens nieder und wirft Vater Dickens aus dem Baum, so dass er fürs Erste nur noch liegenderweise arbeiten kann. Letztere sind also reiseunfähig.

Dass W.O.J. und die Noch Wahnsinnigere Tante (N.W.T.) Maude ebenfalls nicht als Reisende infrage kommen, dürfte wohl einleuchten. Man kann sie einfach nicht auf die Menschheit loslassen. Man engagiert also eine Gesellschafterin, die Eddie auf der Schiffspassage begleiten soll. Lady Constance Bustle spricht zwar schönstes Oxford-Englisch, doch eines an ihr ist merkwürdig: Alle ihre früheren Arbeitgeber sind eines mehr oder weniger unnatürlichen Todes gestorben. Natürlich hat sie deren Erbschaften gerne angenommen und das Testament in keinem Fall angefochten. Ein Frauenzimmer in Zeiten Königin Viktorias muss sehen, wo es bleibt. Außerdem sei sie farbenblind. Welch ein entsetzliches Schicksal.

Der Zweck der Reise ist weniger zwielichtig. Der W.O.J. hatte zwei Brüder, Percy und George. Während Percys Nase stets in einem – und zwar immer demselben – Buch gesteckt hatte, begab sich George auf in die Neue Welt und gründete eine Zeitung, die nur die Wahrheit verkündete: Sie hieß „Schlechte Nachrichten“. In letzter Zeit sind die Rechenschaftsberichte der Betreiber vor Ort ausgeblieben, und als Einziger der Familie Dickens kann sich Eddie nach Amerika begeben, um herauszufinden, ob es Unregelmäßigkeiten gegeben hat. Schließlich wollen W.O. Jack und sein Bruder, Eddies Vater, wissen, wo ihr Geld geblieben ist. Sie könnten es jetzt, nachdem ihr Zuhause „Schlimmes Ende“ abgebrannt ist, gut gebrauchen.

Auf geht’s! (Endlich, nach zwei Dritteln des Buches!)

Die Bahn bringt Eddie in Begleitung seines W.O. Jack und der Lady Bustle nach Bad Schlammingen, wo auf dem Fluss schon der Segler „Riesenross“ auf ihn wartet. Ein Ruderboot unter dem Kommando eines gewissen „Jolly Roger“ bringt sie an Bord. Eddie entdeckt bald, dass es noch einen dritten Passagier gibt. Öha, es ist der Sträfling Protz, den Eddie in Teil 2, „Furcht erregende Darbietungen“, ins Gefängnis gebracht hatte.

Nach der Abfahrt der „Riesenross“ meldet der W.O. Jack auf der Polizeiwache von Bad Schlammingen, dass er seine Frau, die N.W.T. Maude, vermisse. Der Kriminalinspektor schließt aus Jacks Angaben messerscharf, dass sie sich wohl in Eddies Überseekoffer versteckt habe und sich nun ebenfalls auf der „Riesenross“ befinde. Ob dieses Trio wohl je lebendig in Amerika ankommen wird?

Mein Eindruck

Bangen und Zweifel sind durchaus angebracht, denn schließlich fahren ja auch eine vielfache Mörderin und ein entflohener Sträfling mit. Es grenzte an ein Wunder, sollte sich dieser Schlamassel zu einem Happyend entwickeln. Mit Verlaub gesagt: Es |ist| ein Wunder.

Der Autor wendet sich in seinem Buch bzw. Hörbuch natürlich an Kinder, empfohlen ist ein Alter ab zehn Jahren. So alt dürfte nun wohl auch Eddie sein, der Held, dem unsere ganze Sympathie zu gelten hat, denn schließlich hat er es wahrhaftig nicht leicht in einer Welt voller Geisteskranker und Mörder. Und wenn Erwachsene ausnahmsweise einmal weder wahnsinnig noch mörderisch daherkommen, dann sind sie, wie Eddies Eltern oder der Captain der „Riesenross“, garantiert so unterbelichtet und naiv, dass sie den Schurken im Stück nichts entgegenzusetzen haben. Bleibt also nur Eddie übrig, um den Tag zu retten. Ist ja klar: Er ist der Held dieses Stückes, und von ihm hängt es ab, ob das Buch bzw. die Geschichte zu einem glücklichen Ende findet oder nicht. Nicht, dass es ihm irgendjemand danken würde.

Philip Ardagh ist mit keinem anderen Autor, den ich kenne, zu verwechseln. (Oh ja, man kann ihn mit allen möglichen vergleichen, wie etwa Eoin Colfer, aber das bringt nichts.) Keinem gelingen derart skurrile Gestalten und unglaublich verwickelte Situationen (wie jene mit der Granate). Und keiner geht derart gnadenlos mit seiner Hauptfigur um. Dennoch entwickelt die Geschichte von „Schlechte Nachrichten“ wider Erwarten eine Spannung, die von innen heraus kommt, als sich die uns bereits ausführlich vorgestellten Figuren in Machenschaften von großer krimineller Energie verwickelt sehen.

Zu den Eigenarten des Autors gehört eine weitere Marotte: Immer wieder verwendet er kulturelle und sprachliche Rätsel. So kommen einige Details über Schiffstypen der viktorianischen Ära zur Sprache, deren Erklärung lehrreich sein kann. Sprachliche Rätsel sind häufiger. Abgefahrene viktorianische Ausdrücke wie „revivifizieren“ (vulgo: wiederbeleben, im Sinne von „die Lebensgeister wieder erwecken“) oder auch seemännische Ausdrücke wie „krängen“ (vulgo: schwanken, schlingern) werden allsogleich vom Sprecher/Übersetzer erklärt.

Und überhaupt: Wo kommt der Mondschein her, wenn der Mond weder ein inwendiges Feuer besitzt noch einen Satz Batterien? Merke: Der Schein des Mondes stammt von der Sonne. Darauf muss man erstmal kommen. Wie man sieht, lernt man in einem Ardagh-Buch immer etwas dazu.

Der Sprecher

Harry Rowohlt macht als Sprecher einen phantastisch guten Job. Er verleiht jeder Hauptfigur ihre eigene Ausdrucksweise. So ist Mrs. Dickens die verhuschte, zurückhaltende viktorianische Dame („seen but never heard“), während die Wahnsinnige Tante Maud ihr „brutalstmögliches“ Gegenteil darstellt: Ihr schnarrendes Gebrüll jagt einem immer wieder den Schreck in die Glieder. Dennoch ist ihr Mann, der W.O. Jack, völlig in sie verknallt.

Klein-Eddie klingt wie die Stimme der Vernunft, der gegenüber der Wahnsinnige Onkel Jack und die Noch Wahnsinnigere Tante Maude – nun, was wohl? – verkörpern. Ihnen gegenüber ist Lady Bustles verfeinertes Upper-Class-Englisch der reinste Wohlklang. Wie doch Stimmen täuschen können! In ihr verbirgt sich das schwarze Herz einer Mörderin.

Hier bringt Rowohlt sein in jahrelanger Übersetzungsarbeit erworbenes und verfeinertes Sprachgefühl ein: Es gibt keine falschen Noten in sprachlicher Hinsicht und schon gar nicht in intonatorischer Hinsicht. Allenfalls über die Betonung des einen oder anderen Satzes könnte man sich streiten. Nicht jedoch bei den VERSALIEN: Man hört förmlich die Großbuchstaben. Ein weiteres Schmankerl ist zu hören, wenn zwei Stimmen gleichzeitig erklingen. Hat sich der Sprecher verdoppelt? Mitnichten, er hat sie nur zeitversetzt aufgenommen und übereinandergelegt.

Einen kleinen Scherz genehmigt man sich schließlich mit Erlaubnis des Autors, als „die Stimme seiner Lektorin“ ertönt. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Kastratenversion von Harry Rowohlt, sondern um eine echte Frau, möglicherweise um Wanda Osten, die Regisseurin und Tontechnikerin des Hörbuchs.

Apropos Tontechnik: Die Aufnahmequalität ist vom Feinsten. Denn die Lautstärke des Vortrags schwankt ständig, und einmal klopft der Sprecher sogar an das Mikrofon, um einen entsprechenden Laut zu simulieren. All dies auf höchster Qualitätsebene abzufangen, verlangt schon einige Nerven. Die Technik sei hier ausdrücklich gelobt.

Das Booklet

Es kann nicht unterbleiben, das Booklet zu beschreiben. Im Vergleich zu den beiden früheren CDs der Eddie-Dickens-Reihe scheint man sich diesmal viel mehr Mühe bei der grafischen Gestaltung gegeben zu haben. Es enthält sechs Originalillustrationen des unnachahmlichen David Roberts und vermittelt somit eine gute Vorstellung von der grafischen Pracht des Buches.

Nicht genug damit, sind auch die Oberseiten der Discs mit Illustrationen bedruckt (bei den Unterseiten wäre das wohl ein wenig zu viel des Guten gewesen). Sie zu beschreiben, wäre wirklich müßig und würde dem Interessenten die Vorfreude verderben. Muss man einfach selber gesehen haben.

Unterm Strich

Wie schon in den zwei Vorgängern dauert es auch in „Schlechte Nachrichten“ erst einmal eine ganze Weile, bis Eddie – und mit ihm der Hörer – weiß, wo’s langgeht und was Sache ist. Siehe meine obigen ersten Fragen. Nach Bewältigung diverser Startschwierigkeiten „geht’s dann los“ – und gleich rein ins Abenteuer, in dem sich unser Held als ebensolcher entpuppt und bewährt.

Die spiralförmige Erzählbewegung, die Ardaghs Markenzeichen geworden ist, mag ja nun nichts jedermanns Sache sein, ist aber unbedingt notwendig, um den Figuren Leben einzuhauchen. Auch wenn sie dabei noch so unwahrscheinlich erscheinen – den Kinder gefällt es bestimmt. Denn idealisierte Helden wie einen gewissen Harry Schotter gibt es schon viel zu viele.

Harry Rowohlts Übertragung ins Deutsche und sein kongenialer Vortrag macht das Hörbuch zum Erlebnis. Allerdings bietet die Erzählung so viele merkenswerte Einzelheiten, dass sich eine mehrfach eingelegte Pause dringend empfiehlt. Es sei denn, man macht sich wie ich laufend Notizen, um nicht den Überblick zu verlieren. (Wer hätte beispielsweise gedacht, dass die Farbenblindheit Lady Bustles noch einmal wichtig werden könnte, hm, wer? Na, also.)

Und endlich: Es gibt eine Altersempfehlung vom Verlag! Man lernt! Ein Lichtblick am umwölkten PISA-Horizont.

https://www.luebbe.de/luebbe-audio/hoerbuecher/alle-hoerbuecher/id_3429433

Colfer, Eoin – Artemis Fowl III – Der Geheimcode (Lesung)

Dieser Roman ist der mittlerweile dritte in der Serie um den 13 Jahre jungen Meisterverbrecher Artemis Fowl, der ständig mit der Welt der Unterirdischen im Clinch liegt. Dieses Buch wurde nominiert für den |Deutschen Bücherpreis 2004|.

|Der Autor|

Aus dem Booklet: |“Bis zu seinem Welterfolg mit ‚Artemis Fowl‘ arbeitete Eoin [ausgesprochen: ouen] Colfer als Lehrer. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. Seine früheren Bücher für junge Leser standen in Irland, England und den USA an der Spitze der Bestsellerlisten. Colfer lebt mit Frau und Sohn im irischen Wexford und widmet sich gegenwärtig ganz dem Schreiben.“| Kein Wunder, dass die nächsten Artemis-Bände schon fertig und ebenfalls als Hörbuch zu haben sind!

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Musik und Geräusche gibt es keine. Die Hörfassung ist leicht gekürzt worden.

_Handlung_

Immer darum bemüht, das Vermögen des Fowl-Klans zu mehren, trifft sich Artemis Fowl in London mit dem amerikanischen Unternehmer John Spiro in einem Restaurant dessen Wahl. Beide Seiten sind mit ihren Bodyguards gekommen: Spiro mit Arno Blunt und Artemis mit Butler. Beide Seiten sind gut vorbereitet. Aber auf was?

Artemis hat etwas ganz Besonderes anzubieten: den C-Cube, wobei C für Control steht. Es handelt sich um einen kombinierten Minicomputer plus Handy plus Scanner, drahtlos und mit Spracheingabe. Von der erstaunlichen Miniaturisierung mal abgesehen, ist der würfelförmige und leicht tragbare C-Cube in der Lage, sowohl Satelliten anzuzapfen als auch jeden Geheimcode zu knacken. Spiro lässt sich dies gerne demonstrieren. Das Wunderding knackt den 512-Bit-Code seines Handys im Handumdrehen (dieser Code ist viermal stärker als die aktuelle Bit-Stärke für SSL-geschützte Übertragungen im Internet). Kein Wunder: Es ist aus Material der Elfen-ZUP hergestellt worden.

Spiro ist beeindruckt und will das Zauberding sofort haben. Er ist selbst Elektronikhersteller mit Schwerpunkt Kommunikation. Mit dem C-Cube könnte er seinem schärfsten Konkurrenten |Phonetix| den Garaus machen: Er braucht nur deren Forschungsergebnisse auszuspionieren.

Leider verweigert Artemis die Transaktion. Vielmehr läuft sein Deal ganz anders. Er bringt den C-Cube |nicht| auf den Markt, ruiniert Spiro nicht und bekommt dafür eine Tonne Gold für sein nettes Entgegenkommen. Spiros Deal sieht auch anders aus: Er schnappt sich den C-Cube, lässt Fowls Leibwächter Butler abknallen und verschwindet – aber nur, weil er Artemis plötzlich nicht mehr sieht.

Butler hat gerade noch Zeit, eine Schallbombe zu zünden und alle Gegner außer Gefecht zu setzen, bevor er den Löffel abgibt. Geistesgegenwärtig steckt Artemis seinen Freund ins Gefrierfach der Restaurantküche und mietet sofort ein Fach im Kryogenik-Institut von Dr. Constance Lane an. Dann erst ruft er die Unterirdischen zu Hilfe, allen voran Holly Short von der Zentralen Untergrund-Polizei (ZUP), damit sie Butler wiederbelebt.

In Haven City, der Stadt der Unterirdischen, fällt der Strom aus und sämtliche Schotts zur Außenwelt schließen sich automatisch. Nicht nur Elfen-Cop Holly Short ist beunruhigt. Ihr Vorgesetzter Root und sein Techniker, der Zentaur Foaly, sind es noch viel mehr. Eine fremde Macht versucht offensichtlich, Haven City anzugreifen. Wer ist es und was will er?

_Mein Eindruck_

So beginnt ein rasantes Abenteuer, das starke Ähnlichkeit mit einer |Mission Impossible| hat. Denn natürlich müssen Artemis Fowl und die Unterirdischen den C-Cube wiederbeschaffen. Er ist eine Bedrohung für die ganze Welt, die obere wie die untere.

Der Höhepunkt der Action ist die minutiös geschilderte Einbruchsaktion in Spiros extrem gut gesichertes Hochhaus, in dessen extrem gut gesichertem Tresorraum der C-Cube nun ruht. Mir fiel auf, dass dabei technische Einzelheiten in Hülle und Fülle erwähnt werden, so dass kein Jugendlicher unter etwa 15 Jahren damit zurechtkommen dürfte: Die oberirdische Technik ist auf dem modernsten Stand, aber die unterirdische ist noch wesentlich weiter – genau wie der C-Cube. Fans von „Mission: Impossible“ und SWAT-Team-Filmen kommen hier jedenfalls voll auf ihre Kosten.

Nicht so toll, geradezu langweilig und nervend fand ich dann die dramaturgischen Aufräumarbeiten, nachdem Spiro – nach einigen Tricks – endlich besiegt ist. Denn nun geht es Artemis Fowl selbst an den Kragen. Die Unterirdischen haben endgültig genug von seinen Eskapaden auf ihre Kosten – und löschen sein Gedächtnis. Das klingt schlimmer als es ist, aber der Auszug aus Artemis‘ Tagebuch, das den Epilog bildet, ist doch recht putzig anzuhören. Wie er sich über bestimmte Dinge und Beinahe-Erinnerungen wundert. Jedenfalls ist er bereit für neue Abenteuer, soviel steht fest.

Im zweiten Abenteuer haben die Leser viele bemerkenswerte und sonderbare Figuren lieb gewonnen, so etwa den Zwerg Mulch Diggums, der nun für die Mafia arbeiten soll, und Artemis‘ wehrhaften Butler namens Butler (eigentlich Domovoi). Neu im Team ist nun Butlers junge Schwester Juliet: Sie ist eine wahre Kampfmaschine, und als Artemis sie zu Hilfe ruft, befindet sie sich gerade in einem karg ausgestatteten japanischen Trainingslager, wo sie ihre Kampfsporttechnik vervollkommnet. Sie wird sich noch als sehr nützlich erweisen.

Natürlich hat auch der Gegner neue Figuren aufzuweisen. Doch wie üblich umgibt sich der unumschränkte Herrscher – Spiro – wieder mal nur mit hirnamputierten Muskelprotzen, so dass sie für die Angreifer von der ZUP keine ernst zu nehmenden Hindernisse darstellen. Spiro verlässt sich lieber auf die Technik, aber auch in dieser Hinsicht haben die Unterirdischen bekanntlich die Nase vorn.

Nach Bezügen zur realen Gegenwart möchte ich lieber nicht suchen, denn die alten ideologischen Fronten existieren nicht mehr – jedenfalls nicht im Maße wie während des Kalten Krieges. Die eigentlichen Kriege finden zunehmend zwischen multinationalen Konzernen statt.

|Der Sprecher|

Rufus Beck schafft es wieder, jeder Figur ihre individuelle Stimme zu verleihen. Dabei scheint er mühelos tiefste Tiefen und höchste Höhen zu erreichen, selbst astreine Dialekte wie Berlinerisch sind ihm nicht fremd. So fällt es leicht, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten, selbst wenn man sich ihre Namen nicht merken können sollte. Und diese Charakterisierung trägt wesentlich dazu bei, aus dem Roman ein Hörspiel mit verteilten Rollen zu machen, das an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn nur die Story nicht entgleisen würde.

_Unterm Strich_

Der Aufbau des neuesten Fowl-Abenteuers ähnelt auffallend dem des vorhergehenden. Doch gilt es diesmal nicht, irgendwelche Aufständischen unschädlich zu machen, sondern à la James Bond einen größenwahnsinnigen Unternehmer, der die Welt zu beherrschen droht – mit Elfen-Technik, wohlgemerkt. Und das finden die Elfen gar nicht witzig. Sie schlagen ihn mit ihren eigenen Waffen, die teils recht magisch daherkommen. Für Fowl-Fans ist wohl wichtiger, dass Fowls bester Freund, sein Leibwächter Butler, stirbt – zumindest vorübergehend.

Insgesamt ist das Abenteuer wesentlich technischer ausgerichtet als etwa die Abenteuer von Fowls größtem Konkurrenten: Harry Potter. Dort herrschen Elemente aus Fantasy und Mystik (Basilisk, Phönix usw.) vor. Und bei Fowl fehlt eine Hierarchie der Gesellschaft vollständig: keine Magier, die Fowl sagen, was er zu tun hat. Aber auch kein Erzfeind, gegen den er sich profilieren könnte. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Artemis-Fowl-Film in unsere Kinos kommt.

Das Hörbuch ist sehr actionreich und flott erzählt. Allerdings sollte man sich davon, wie ich merkte, nicht allzu viel auf einmal zu Gemüte führen: Ein Sättigungseffekt tritt schon nach zwei bis drei CDs ein. Eine Pause hilft, das Gehörte zu verarbeiten. Und Rufus Beck zuzuhören, kann schon ein wenig anstrengend sein.

|Umfang: 386 Minuten auf 5 CDs|

Homepage der Serie: http://www.artemis-fowl.de/

H. P. Lovecraft / Lin Carter / Robert E. Howard / D. R. Smith / Christian von Aster – Der Cthulhu-Mythos (Lesungen)

Zwei dieser Horror-Erzählungen begründeten den Cthulhu-Mythos, die anderen führen ihn weiter. Die inszenierte Lesung wird getragen von der beeindruckenden und (in Grenzen) wandlungsfähigen Stimme von Joachim Kerzel. Ein Schmankerl sind die Lebensbeschreibung und die Story-Einführungen von „H. P. Lovecraft selbst“, geschrieben von Verleger Frank Festa.

Dieses Produkt wurde zum „Besten Hörbuch/Hörspiel des Jahres 2002“ (|Deutscher Phantastik-Preis| 2003) gewählt.

Die Autoren

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die |Großen Alten|, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Robert E. Howard (1906-1936) ist der Schöpfer mehrerer Fantasygestalten, der aber nur wegen einer einzigen in unserer Erinnerung fortlebt: wegen Conan, dem Barbaren. In einem |Heyne|-Sammelband aus dem Jahr 2003 sind diese Erzählungen professionell ediert zu finden, inklusive Varianten. Dass der Mann aus Texas, der ein enger Freund HPLs war, auch anständigen Horror zu schreiben vermochte, belegt die hier aufgenommene Erzählung.

Lin Carter (Pseudonym von Linwood Vrooman Carter, 1930-1988) war ein amerikanischer Herausgeber und Autor, der sich zwar um die Verbreitung von Fantasy in Taschenbüchern und Magazinen verdient gemacht hat, meiner Ansicht nach aber auch HPL einen Bärendienst erwies: Er nahm vom Meister Bruchstücke einer Erzählung oder gar nur Notizen für eine Idee zu einer Story – und baute diese dann im Namen HPLs aus, als wäre er ein regulärer Co-Autor des Meisters aus Providence gewesen. Das führte meines Erachtens dazu, dass seine minderwertigen Arbeiten das Ansehen von HPLs eigenen Arbeiten beeinträchtigte. Die „Encyclopedia of Fantasy“ lobt hingegen seine Leistung als Popularisierer von Fantasy und als Wiederentdecker von William Morris.

Über D. R. Smith (nicht zu verwechseln mit dem Könner Clark Ashton Smith) ist mir leider nichts Näheres bekannt. Der deutsche Autor Christian von Aster hingegen stellt sich ausführlich auf seiner Webseite http://www.vonAster.de vor. Er schreibt in allen Genres der Phantastik, tritt aber auch im Kabarett auf und beteiligt sich an Comic-Projekten.

Die Sprecher

Der Erzähler Joachim Kerzel ist Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

David Nathan: ein Regisseur und einer der besten Synchronsprecher Deutschlands – die deutsche Stimme von Johnny Depp. Er spricht die Passagen von Lovecrafts fiktivem Ich.

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Gillian Anderson („Akte X“), spricht die Ansage.

Die Geschichten

{Anm. d. Lektors: Wem die Geschichten noch nicht bekannt sein sollten, der möge auf eigene Gefahr die jeweiligen Zusammenfassungen lesen, denn es werden wesentliche Wendungen der Handlung erwähnt.}

1) H. P. Lovecraft: „Der Ruf des Cthulhu“ (1928)

Dies ist die grundlegende Erzählung, die jeder kennen muss, der sich mit dem |Cthulhu|-Mythos und den |Großen Alten|, die von den Sternen kamen, beschäftigt. (Dies ist kein Privatmythos: Seit den 30er Jahren schreiben andere Autoren [s.u.] an diesem Mythos weiter.)

Der Erzähler untersucht die Hintergründe des unerklärlichen Todes seines Großonkels Angell, eines Gelehrten für semitische Sprachen, der mit 92 starb. Angel hatte Kontakt zu einem jungen Bildhauer namens Wilcox, der ein Flachrelief sowie Statuen erschuf, die einen hockenden, augenlosen Oktopus mit Drachenflügeln zeigten. Wie sich aus anderen Quellen ergibt, ist dies der träumende Gott Cthulhu (sprich: k’tulu), einer der |Großen Alten|. Er wird in Westgrönland ebenso wie in den Sümpfen Louisianas verehrt, wo man ihm Menschenopfer darbringt. Am wichtigsten aber ist der Bericht eines norwegischen Matrosen, der im Südteil des Pazifiks auf eine Insel stieß, wo der grässliche Gott inmitten außerirdischer Architektur hervortrat und die Menschen verfolgte – genau zu jenem Zeitpunkt, als Angells junger Bildhauer (und viele weitere Kreative) verrückt wurden. – Der Erzähler hat alle Beweise zusammen: Cthulhu und seine Brüder warten darauf, die Erde zu übernehmen, alle Gesetze beiseite zu fegen und eine Herrschaft totaler Gewalt und Lust zu errichten. Man brauche sie nur zu rufen, und sie würden in unseren Träumen zu uns sprechen …

Die Geschichte ist trotz ihres recht verschachtelten Aufbaus durchaus dazu angetan, die Phantasie des Lesers/Hörers anzuregen und ihn schaudern zu lassen. Das Erzählverfahren ist überzeugend, denn zuerst werden mehrere Berichte eingesammelt und überprüft, bevor im Hauptstück, dem Augenzeugenbericht eines Matrosen, das Monster endlich selbst auftreten darf, um seinen langen Schatten durch die Geschichte/Historie zu werfen.

Kerzel macht nur einen einzigen Aussprachefehler, den aber permanent: Er spricht den Namen der Jacht „Alert“ anders aus, als es ein Englischsprecher täte (nämlich „ejlert“ statt korrekt „ä’lört“).

Robert E. Howard: „Der Schwarze Stein“ (1931)

In dem Buch „Die namenlosen Kulte“, das der (fiktive) deutsche Exzentriker von Junst im Jahr 1839 veröffentlichte, findet der Erzähler den Hinweis auf einen schwarzen Monolithen, der Menschen im Umkreis des abgelegenen ungarischen Bergdorfes Stregolczkavar – was „Hexenstadt“ bedeutet – in den Wahnsinn treibt.
Er fährt selbst dorthin und wird, nach einigen unheilvollen Geschichten, zu der Berglichtung gewiesen, auf der der Schwarze Stein steht: eine dunkle Säule von etwa fünf Metern Höhe, die mit nichtmenschlichen Schriftzeichen bedeckt ist. In der Nähe liegt ein Fels, der wie ein Sitz geformt ist: Hier nimmt der Erzähler in der unheilvollen Mittsommernacht Platz – und schläft ein.

Ist’s ein Traum, was er erblickt, als er „aufwacht“? In Tierfelle gehüllte Ureinwohner des Landes tanzen frenetisch vor dem Monolithen, und ein Priester mit einer Goldkette um den Hals peitscht eine junge Tänzerin bis aufs Blut, die schließlich den Fuß der Säule küsst. Denn dort oben hockt ein Monster, das seine Verehrer beäugt und erst zufrieden ist, als ein Säugling an der Säule zerschmettert wird. Da wacht der Träumer auf.
An der Säule findet sich keine Spur, also auch kein Beweis. Doch er erinnert sich an eine türkische Schriftrolle, die 1526 dem ungarischen Verteidiger des Landes in die Hände fiel und mit ihm unter Burgruinen begraben wurde. In ihr findet sich der Beweis, dass der Monolith ein Schlüssel ist …

Auffällig ist die sorgfältige Konstruktion der Geschichte, die sich erst zahlreicher Zeugnisse bedient, bevor die eigentliche Horrorszene beschrieben wird – und die eine effektvolle Pointe nachreicht.

H. P. Lovecraft & Lin Carter: „Die Glocke im Turm“ (1989)

Ein frischgebackener Besitzer des verbotenen Buches „Necronomicon“, Williams, erzählt seinem Nachbarn davon, um ihn um Hilfe bei der Übersetzung des altertümlichen Latein zu bitten. Der alte Mann rastet total aus und warnt Williams dringend vor der Lektüre des unheiligen Buches. Der Grund liegt in der Lebensgeschichte dieses Lord Northams selbst. Er stammt aus einem Adelsgeschlecht, das bis in die Römerzeit zurückreicht. Im Stammschloss gibt es daher uralte Gemäuer und Grüfte. Eines Tages durchsuchte er die Familienbibliothek nach mehr esoterischem Wissen. Hinter dem „Necronomicon“ stieß er auf eine Geheimtür und stieg in einen Turm hinauf.
Dort oben befand sich eine leere Schreibstube, die von einer großen silbernen Glocke beherrscht wurde.

Die Aufzeichnungen seines Ururgroßvaters erzählten von Experimenten mit dieser Glocke und verwiesen auf eine Stelle im „Necronomicon“: Im „Buch der Pforten“ ist das „Ritual der Glocke“ mit einer dicken Warnung versehen. Northam führt das Ritual elfmal aus und gelangt immer tiefer in eine Anderswelt voll historischer und fremder Wesen – bis er eines Tages von den Anderen erblickt wird. Obwohl er sein Experiment sofort abbricht, transportiert ihn fortan der Klang von Kirchenglocken sofort in diese Furcht erregende Anderswelt, wo Pilger einem hungrigen Gott huldigen …

Leider nur eine minderwertige Story ohne „kosmisches Grauen“, sondern mehr über einen Sucher, der an Dinge rührt, von denen er lieber die Finger lassen sollte.

D. R. Smith: „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ (1950)

Al Hazred ist der bereits von Lovecraft zitierte arabische Verfasser des Zauberbuches „Necronomicon“ aus dem 7. Jahrhundert. Erzählt wird eine von Al Hazred als letztes Kapitel wiedergegebene Episode aus dem Leben des Marcus Antonius, der durch seine Affäre mit Königin Cleopatra in die Geschichte einging. Er hat sich mit seinen Soldaten in einem engen kahlen Bergtal in den Alpen verirrt, als er schließlich auf einen Bach und eine finstere Höhle stößt, aus der ein unaussprechlicher Gestank hervorströmt. Als er hineingeht, um das Tier zu erlegen, das dort haust, hören seine Männer Geräusche eines Kampfes. Nach einer Weile kommt ihr Anführer mit einem seltsam schleimigen Wesen heraus, das er ins Feuer wirft und dessen Herz er danach isst. Es handelt sich laut Al Hazred um den Vater der |Großen Alten|, den verstoßenen Erzeuger von Azathoth und Cthulhu etc.

Man darf sich schon etwas verblüfft fragen, was zum Geier ein Obergott in einer obskuren Alpengrotte verloren hat und wie es kam, dass ein simpler Mensch ihn überwältigen konnte. Kein Wunder, dass Al Hazred darüber verrückt wurde.

H. P. Lovecraft: „Dagon“ (1917)

… ist der Prototyp zu dem viel besser erzählten „Der Ruf des Cthulhu“. Ein entkommener Kriegsgefangener des 1. Weltkrieg strandet nach einer Irrfahrt auf einer ungastlichen Insel im Südpazifik. Der Strand besteht aus einem schwarzen, toten, schleimigen und ekligen Sumpf, auf dem nichts lebt. Er schleppt sich vier Tage lang (ohne Wasser!) zu einem Hügel hoch, der sich als Vulkankrater entpuppt. Ist dies der Eingang zur Unterwelt?, fragt er sich. Sein Blick fällt auf einen weißen Monolithen auf der gegenüberliegenden Felswand. Er ist bedeckt mit Sinnbildern, Flachreliefs und Schriftzeichen: Zu sehen sind humanoide Fischwesen, die aber so groß wie Wale sind.

Eines dieser Wesen taucht aus dem Kratersee auf, um den Monolithen, einen Altar, zu verehren. Der Gestrandete wird wahnsinnig. Er findet heraus, dass es bei den Philistern der Antike einen Fischgott namens Dagon gab und fragt sich, wann Dagons Geschlecht die im Großen Krieg untergehende Welt übernehmen werde. Da ertönt ein Klopfen an der Tür, eine schuppige Hand zeigt sich. Der Erzähler springt aus dem Fenster seiner Mansardenwohnung. (Zu |Dagon| siehe auch den Kurzroman [„Der Schatten über Innsmouth“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=506 der ebenfalls in der Lovecraft’schen „Bibliothek des Schreckens“ als Hörbuch erschienen ist.)

Christian von Aster: „Ein Porträt Torquemadas“ (2002)

Diese ausgetüftelte Erzählung erreichte den 1. Platz in einem Cthulhu-Storywettbewerb.

In einem Hospital sitzt der vom Vatikan geschickte Dominikanermönch Cajetanus am Bett von Felix Ney, um sicherzustellen, dass Neys Aufzeichnungen niemand Unbefugtem in die Hände fallen. Ney war als Kunsthistoriker in München tätig, als er dort in der Pinakothek ein Gemälde zerstörte. Offenbar konnte ihn nur ein Hirntumor zu dieser Wahnsinnstat veranlasst haben. Doch dies ist Neys Geschichte aus seinem Tagebuch:

Ney untersuchte vier Gemälde eines florentinischen Malers des 15. Jahrhunderts auf Geheimnisse. Der Maler Delcandini, so findet er heraus, hat Bruchstücke einer geheimen Botschaft sieben Jahre lang über alle vier Gemälde verteilt. Das letzte Gemälde zeigt den spanischen Großinquisitor Torquemada, der Hunderttausende von Menschen auf den Scheiterhaufen schickte. Das Bücherregal im Bild zeigt – übermalt – das verbotene „Necronomicon“ des Abdul Al Hazred! Auch die anderen Gemälde hätte die Katholische Kirche nicht zerstört und so blieb die Botschaft erhalten.

Diese besteht aus dem Protokoll eines Gesprächs zwischen Torquemada und Papst Ignatius: Sie verbünden sich, um mehr Macht zu gewinnen. Allerdings ist Torquemada ein Anhänger Cthulhus und seiner Brut. Cajetanus befürchtet, dass Torquemadas Nachfolger immer noch im Vatikan wirken. Er ist nämlich selbst ein Handlanger der Inquisition.

Die HPL-Zwischentexte und Vorworte stammen von Verleger Frank Festa, die Ansage von Franziska Pigulla.

Den Abschluss bildet eine vierzehn Minuten lange Hörprobe aus der langen Novelle „Der Schatten über Innsmouth“ ausgezeichnete Einstimmung auf die eigentliche Geschichte aus dem Jahr 1931.

Die Sprecher

Joachim Kerzel verleiht den Erzählungen mit seiner tiefen, rauen Stimme erst den eigentlichen gruseligen Touch. Die düsteren Gothic-Chöre, die längere Passagen abtrennen, verstärken den Eindruck dunkler Mächte noch. Kerzel ist aber in „Der Schatten über Innsmouth“ als Zadok Allen noch viel eindrucksvoller.

David Nathan ist nicht sonderlich gefordert, wenn er die Sachtexte liest. Ab und zu hört man mal ein amüsiertes Heben der Stimme.

Was ist eine „inszenierte Lesung“? Es handelt sich um ein Mittelding zwischen Lesung und Hörspiel. Während die Lesung nur auf den Text setzt, bringt das Hörspiel auch Musik und Geräusche ein (von einschneidenden Kürzungen mal ganz abgesehen).

Dem Thema der bösen |Großen Alten| entsprechend, setzt die Musik von Andy Matern auf düstere Effekte à la „Dies irae“, ohne allerdings auf konkrete Vorbilder zurückgreifen. Die kompetente Regie führten Sven Hasper & Oliver Rohrbeck.

Unterm Strich

Hoffentlich machen schön inszenierte und rundum informativ gestaltete Hörbücher wie dieses bald Schule! Die Sprecher, die über den Erfolg entscheiden, gehören zu den besten (und bestbezahlten) der Republik (trotzdem ist auch Kerzel nicht gegen Aussprachefehler gefeit, s.o.).

Die Musik verleiht ihnen den emotionalen Rahmen, mit dem sie arbeiten können. Dem nicht genug, bekommt der Hörer auch hilfreiche Informationen zum Autor H. P. Lovecraft geboten. Sie erklären zwar nicht den Zweck des |Cthulhu|-Mythos, machen aber zumindest seine Entstehung verständlich. Diese literaturhistorischen Hinweise sind beim Hörbuch „Der Schatten über Innsmouth“ sogar stärker ausgebaut.

Umfang: 275 Minuten auf 4 CDs
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H. G. Wells – Die Zeitmaschine

Der Zeitreisende, den H. G. Wells als erster in die Zukunft schickt, erlebt sehr viel mehr – und zugleich weniger – als in den bislang zwei Verfilmungen seines erfolgreichen Romans geschildert wird. Was aber meist weggelassen wird, sind die Gedanken, die sich der wissenschaftlich gebildete Voyageur über die Evolution von Mensch und Universum macht. Keineswegs dogmatisch verbohrt, stellt er immer wieder eine Theorie auf, nur um sie unter dem Druck neuer Phänomene sofort zu revidieren, wohlwissend, dass sie nur Modelle sein können, um eine ungewöhnliche Situation zu beschreiben. Dabei fällt er ironischerweise selbst auf die primitivste Stufe der menschlichen Kultur zurück …

|Der Autor|

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Lloyd Alexander – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

Die vorliegende Audio-CD ist das erste Hörspiel zu einem der fünf-Taran-Romane überhaupt und verdient deshalb wohl besondere Aufmerksamkeit.

Der Autor

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus „Chroniken von Prydain“:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

Die Sprecher, die Produktion

„Das Buch der Drei“ ist eine Produktion des Südwestrundfunks Baden-Baden aus dem Jahr 2004. Die Hörspielbearbeitung besorgte Andrea Otte, die Musik trug „der deutung und das ro“ bei, Regie führte Robert Schoen.

»Jürgen Hentsch gab schon mal den Herbert Wehner in einem Doku-Drama. Tim Sander spielte bei GZSZ den Lover der Figur, die Jeanette Biedermann spielt. Natalie Spinell ist die Lolita in einem Nabokov-Hörspiel. Michael Habeck spricht Ernie, Barnie Geröllheimer, Harry Potters Dobby, aber auch Danny de Vito. Und Tommi Piper ist besser als die Stimme von ALF bekannt.« (Informationen von |Ciao|-Mitgliedern – danke!)

Erzähler: Jürgen Hentsch

Taran (Waisenjunge): Tim Sander

Eilonwy (Prinzessin): Natalie Spinell (Aussprache: e’lónwi)

Dallben (Zauberer): Rolf Schult (Aussprache: da[stimmloses th]ben)

Coll (Kämpfer): Heinrich Giskes

Fflewdur Fflam (Barde): Jens Harzer (Aussprache: flodjir flam)

Fürst Gwydion (einer der Könige von Prydain): Tommi Piper

Gurgi (Waldwesen): Joachim Kaps

Doli (Zwerg): Michael Habeck (Aussprache: dolí)

Eiddileg (Zwergenkönig): Franz Josef Steffes (Aussprache (e[stimmhaftes th]íleg)

Achren (Zauberin): Anja Klein

Handlung

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hilfshirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Annuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote „Kesselkrieger“ sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern in Spiral Castle, dem Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört, aber Gwydion keineswegs. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

Mein Eindruck

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Das Mabinogi

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht als Hochkönig über einen Großteil von Prydain. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Der Autor vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten. Allerdings muss der junge Hörer auch den gehörnten König dem Fürsten der Unterwelt als Vasallen zuordnen.

Achterbahnfahrt

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden von Wales, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste „Verschönerung der Wahrheit und Wirklichkeit“ erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

Die Feinde

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen Furcht einflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Dass Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit und sich der Gerettete revanchiert, wurde im Hörspiel gestrichen.

Aber auch die Zwerge, das Kleine Volk, dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangennimmt, heißt Achren und ähnelt einer weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander. Doch im Hörspiel wird ihre verführerische Konfrontation Gwydions ganz direkt geschildert. Sie ist offensichtlich ganz schön durchgeknallt.

Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich. Sie ist nicht nur selbst eine Schülerin der Magie – weshalb sie ja ihre Tante Achren besucht -, sondern findet in den Felsenhallen unter dem Spiral Castle ein superwichtiges Zauber- und Königsschwert, Durinwyn. Selbstverständlich wird es eine entscheidende Rolle spielen.

Die Sprecher, die Produktion

Zur Einstimmung beginnt das Hörspiel mit einem keltisch anmutenden, möglicherweise walisischen Volkslied. Es wird noch des Öfteren im Hintergrund angespielt und stammt von einem Duo mit einem bemerkenswerten Namen: „der deutung und das ro“. Dabei handelt es sich um Tobias Unterberg und Robert Beckmann, die bereits die Hörspielproduktion „Schloss Draußendrin“ unterstützten und bei alternativen Bands wie |The Inchtabokatables|, |Milar Mar| oder |Deine Lakaien| mitmischen. Der Zuhörer mit ein wenig Erfahrung in keltisch inspirierter Folk-Musik fühlt sich sofort in selige Zeiten von |Clannad|-Konzerten zurückversetzt. Wo immer man in Irland, Schottland oder Wales als Tourist hingelangt, kann man diese Art von Musik finden. Denn diese ist nicht einfach Touristenattraktion, sondern ein integraler Teil der Identität der keltischen Völker.

Wir sind also schon mal auf der richtigen Baustelle. Dann erklingt das helle „Ping!“ aus der Schmiede von Coll. Sofort entspinnt sich der erste Dialog zwischen Taran, Coll und dem Magier Dallben. Wenig später tragen die Abenteuer Taran hinfort, bis zum glücklichen Ausgang. Mehr darf nicht verraten werden. Doch bei den walisischen Namen sollte man die Ohren spitzen. Sie sind für unsere Hörgewohnheiten doch recht ungewöhnlich. Siehe dazu meine Aussprachehinweise oben.

Die Stimmen der Sprecher finde ich sehr passend und angemessen. Es gibt kein Zögern, keine falschen Töne, so dass die Sätze ganz natürlich klingen und nicht, als hätte man sie ein Dutzend mal geübt. Ich war erstaunt, dass Tommi Piper, der mit einer Fernsehserie in den 70ern oder 80ern bekannt wurde, inzwischen eine derart tiefe und raue Stimme hat, dass er ohne weiteres die Autorität ausstrahlt, die einem Fürsten wie Gwydion gebührt. Am lustigsten ist sicher die Stimme der quicklebendigen Prinzessin Eilonwy, die Taran in Grund und Boden plappert.

Da dies ein Hörspiel ist, gibt es nicht nur Stimmen, sondern auch Geräusche. Dazu gehören grunzende, quiekende Schweine ebenso wie reißende Harfensaiten. Am eindrucksvollsten sind jedoch das Erdbeben unter dem Spiral Castle und die finale Schlacht gegen den Gehörnten König: Blitz und Donner kommen hier in einer beeindruckenden Kombination zusammen. Die Tonregie hat saubere Arbeit geleistet.

Unterm Strich

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. (Das ändert sich in den Folgebänden.) Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette und hilfreiche Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann.

Das Hörspiel, das vom Sender SWR selbst als „Taran und das Zauberschwein“ (der frühere Buchtitel) angekündigt wird, ist eine professionelle Produktion ohne irgendwelche Ausfälle oder Mängel. Vielmehr bereitet die schnelle Abfolge der Begegnungen und Abenteuer unterhaltsame Kurzweil für junge Hörer. Es mag sich aber als hilfreich erweisen, das Buch zu lesen, um die Zusammenhänge ein wenig besser zu durchschauen. Man kann aber alternativ das Hörspiel mehr als einmal anhören und sich so die Zusammenhänge selbst erarbeiten. Denn was dafür nötig ist, ist vollständig vorhanden.

Mein Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“. Auch die Fortsetzung mit dem Titel „Der schwarze Kessel“ ist bereits als Hörbuch-CD erhältlich.
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Marklund, Liza – Rote Wolf, Der

Ein gesuchter schwedischer Terrorist kehrt nach 30 Jahren im französischen Exil, wo er für die baskische ETA tötete, in seine alte Heimat zurück, um hier zu sterben. Zur gleichen Zeit beginnt eine Reihe von mysteriösen Morden, die Liza Marklunds Serienheldin Annika Bengtzon, eine Reporterin, neugierig machen. Wenn sie sich mal nicht die Finger an dieser Story verbrennt.

|Die Autorin|

Liza Marklund, geboren 1962, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis. „Olympisches Feuer“ wurde laut Verlag fürs Kino verfilmt. Marklund lebt mit ihrer Familie in Stockholm. (Verlagsinfo)

Mehr Infos: http://www.lizamarklund.net.

|Die Sprecherin|

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane:

„Olympisches Feuer“,
„Paradies“,
„Prime Time“,
„Mia. Ein Leben im Versteck“ und
„Studio 6“

gelesen, die alle als Buch und Hörbuch bei |Hoffmann & Campe| erschienen.

Winter liest die von Gabriele Gierz gekürzte Fassung. Regie führte Georg Gess.

_Handlung_

PROLOG. Ein alter Mann kehrt aus der Fremde zurück in seine schwedische Heimat, nach Luleå (ausgesprochen ‚lüvleå‘). Vorerst hat er keinen Namen, aber wir erfahren, dass er todkrank ist (Krebs?) und gegen die Schmerzen Morphium nehmen muss. In seinen Albträumen hat er dunkelrotes Blut an den Händen. Er erinnert sich an die glorreiche Zeit vor 30 Jahren, an seine früheren Kameraden in der „Bewegung“. Und unter ihnen an „Roter Wolf“. – Schon bald geschieht ein Mord in Luleå, dann, wenig später, ein zweiter …

HAUPTTEIL.

Die Journalistin Annika Bengtzon vom „Abendblatt“ – Marklunds Serienheldin – hat ihrem Chefredakteur Anders Schümann erfolgreich eine neue Serie „verkauft“: Sie will unaufgeklärte Terroranschläge zum Thema machen. Die neue, faktenorientierte Ausrichtung des Blattes, für die Schümann verantwortlich zeichnet, erlaubt es ihr.

Als sie hoch im Norden in Luleå ankommt, ist ihr Kontaktmann tot: Benni Ekland wurde am selben Morgen von einem Auto überfahren, offenbar war es ein Unfall, glaubt die Polizei. Annika wollte mit dem Reporter von der Lokalzeitung ihre Aufzeichnungen kollegial austauschen. Nun erfährt sie überrascht, dass er seinen Artikel bereits am Freitag zuvor veröffentlicht hat, und auch noch mit Infos und Formulierungen, die von ihr stammen. Saubere Arbeit, denkt sie zynisch.

Sie waren beide am gleichen Thema dran: Vor 30 Jahren erfolgte in der Nacht zum 18. November 1969 ein Anschlag auf den Fliegerhorst Norrbottn. Ein Militärflugzeug vom Typ F-21 flog in die Luft, angeblich nachdem jemand einen Eimer Restbenzin angezündet hatte. Dabei kam ein Mann ums Leben, ein zweiter wurde verletzt. Wie unwahrscheinlich diese Ursache wirklich ist, erfährt Annika nicht vom Pressesprecher des Fliegerhorstes.

Und es waren wohl auch nicht die Russen, wie er behauptet, sondern eine linke maoistische Splittergruppe, wie ihr Kommissar Suub erzählt. Deren Kopf operierte wie alle Gruppenmitglieder unter einem Decknamen; seiner war „Ragnvald“: das isländische Wort für den „Beherrscher göttlicher Mächte“. Er ging später erst nach Uppsala, kam zurück und verließ nach dem F-21-Anschlag das Land, um sich der baskischen Separatistengruppe ETA anzuschließen. Ragnvald ist offenbar Bombenspezialist.

Der Kommissar erzählt ihr dies nur, weil ihm Annika berichtet, was sie von einem jungen Augenzeugen des „Unfalls“, der ihrem Kollegen Ekland zugestoßen war, erfahren hatte. Ekland wurde von einem Mann in einem schweren Volvo mehrfach überfahren und praktisch zermalmt. Es war kaltblütiger Mord. Am Tag nach der Zeitungsveröffentlichung dieser Erkenntnis wird dem Augenzeugen, dem Jungen Linus Gustafsson, die Kehle durchgeschnitten. Annika ist von schweren Schuldgefühlen geplagt. Ihre Klaustrophobie kommt unter seelischem Stress immer stärker zum Ausbruch, wobei sie imaginäre Stimmen hört, die sie trösten wollen.

Hat die neuerliche Mordserie etwas mit dem F-21-Anschlag vor dreißig Jahren zu tun und mit Eklands Artikel darüber? Wenn ja, dann schwebt auch Annika in Lebensgefahr, die sich nun auf die Spur des Terroristen Ragnvald und seiner Freundin „Roter Wolf“ gesetzt hat, obwohl es ihr der Chefredakteur ihres Blattes verboten hat. Er glaubt nicht an Terroristen in Nordschweden, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Doch Annika hat Recht: Ein Mitglied von Ragnvalds Maoistengruppe nach dem anderen findet einen unnatürlichen Tod. In einem alten verstaubten Archiv stößt Annika auf ein brisantes Bild: Es zeigt Ragnvald neben einer jungen Frau, wie sie im November 1969 ihre Hochzeit proben. Die junge Frau ist Karina Björnlund, die gegenwärtige Kultusministerin …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal packt Liza Marklund in Gestalt ihrer Serienheldin Annika Bengtzon ein heißes Eisen an: die früheren linken Splittergruppen der sechziger Jahren, deren Mitglieder dann entweder Normalos wurden oder in den terroristischen Untergrund gingen. Nach dreißig Jahren ist der Spuk aber nicht vorbei, sondern geht in Luleå von neuem los. Lange Zeit ist unklar, ob wirklich „Ragnvald“, mit bürgerlichem Namen Göran Nilsson, hinter der neuen Mordserie steckt – oder ob nicht ein Trittbrettfahrer sich die Rückkehr des alten Leitwolfs zunutze macht, um alte Rechnungen zu begleichen. Daher bleibt die Handlung auch bis zum Finale spannend.

|Zweites Finale|

Aber es gibt noch ein zweites Finale. Dieses schließt einen zweiten Handlungsstrang, der in meiner Inhaltsangabe nur angedeutet wird. Hier steht Chefredakteur Anders Schümann im Mittelpunkt. Sein Herausgeber und Verlagseigner Wennargren bietet ihm einen Karrieresprung an: Schümann könnte Vorsitzender des mächtigen Verlegerverbandes werden und in dieser Position die Medienpolitik der schwedischen Regierung im Sinne Wennargrens beeinflussen.

Und das ist auch dringend nötig, denn die Amerikaner drängen mit aller Macht auf den schwedischen Markt, indem sie digitales Fernsehen forcieren, das im gesamten Skandinavien zu empfängen wäre, würde es die Regierung, sprich: Björnlund, ohne Vorbehalte erlauben. Doch genau diese Vorbehalte spielt den beiden nun Annika Bengtzon in die Hand, ohne es zu ahnen: Die Tatsache, dass Björnlund eine Art „Terroristenbraut“ war, macht sie erpressbar. Schon bald stößt Annika in Björnlunds (öffentlich zugänglichen!) Briefwechsel auf seltsame Botschaften – nicht nur von einem „Gelben Drachen“ (= Ragnvald), sondern auch von Herrn Wennargren.

Im Finale dieses Handlungsstrangs hauen sich Schümann und Bengtzon gegenseitig die jeweiligen Verfehlungen um die Ohren. Schümann hat die Regierung manipuliert, doch Annika hat ihrerseits ihre journalistische Freiheit missbraucht, um die Geliebte ihres Mannes zu diffamieren und um den Job zu bringen.

|Drittes Finale|

Und so kommt es im dritten Handlungsstrang denn auch zu einem weiteren Finale. Das nimmt nicht die Form eines lautstarken Ehekrachs an, sondern vollzieht sich quasi heimlich, still und leise. Annika hat aus ihren Beziehungen gelernt. Sie hat zwei wunderbare Kinder, die sie liebt und die sie ihrerseits lieben. Doch Thomas ist frustriert über Annikas häufige dienstliche Abwesenheiten, gerade an Wochenenden. Daher kommt ihm ein weiches Weibchen, das ihn verwöhnt, gerade recht: Sofia Grenburi ist eine Kollegin, die er fast täglich in seinem Landtagsverband sieht.

Allerdings ist er so verschossen in sie, dass er auf der Straße unvorsichtig wird, wo ihn Annika eines Tages voll Entsetzen in den Armen einer anderen sieht. Der Schock sitzt tief, und sie weint sich bei ihrer besten Freundin Anne Snapfane (aus „Prime Time“) aus. Doch Anne geht es selbst nicht so gut, denn die Regierung unter Björnlund will ihren Sender |TV Scandinavia| praktisch dichtmachen. (Wir wissen, warum.) Annika kriegt auch diesmal die Kurve und packt den Stier bei den Hörnern. Drei Anrufe einer neugierigen Journalistin beim Landtagsverband genügen und Sofia Grenburri ist als rechtsextreme Steuerhinterzieherin und Betrügerin gebrandmarkt.

|Ergo|

Das wiederum bringt Annika zwar ihren Thomas zurück, spielt aber Schümann einen Trumpf gegen sie in die Hand (Sofias Vorgesetzte haben sich bei ihm über Annika beschwert). In dem beschriebenen zweiten Finale stellt Annika ihn vor eine schwere moralische Entscheidung: Entweder er geht den von Wennargren vorgezeichneten Weg die Karriereleiter hinauf und erpresst Björnlund weiterhin – oder er bringt Annikas Hintergrundartikel mit der Wahrheit über Björnlund, die Maoistengruppe und den wahren Mörder in Luleå. Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Natürlich gibt es noch ein viertes Finale, in dem sich Annikas Konfrontation mit dem Serienmörder von Luleå abspielt, doch es wäre wirklich fies, irgendetwas darüber zu verraten.

|Nobody like you|

Thomas erkennt aufgrund des Artikels im „Abendblatt“, mit welch einer einzigartigen Ehefrau er gesegnet ist: „Es gibt einfach niemanden, der so ist wie Annika.“ Na, das ist doch schön, wenn ein Ehemann das erkennt, nachdem er fremdgegangen ist! Doch wir wundern uns von Anfang an, ob es nicht vielmehr auch die Stimmen in Annikas Kopf sind, die sie so einzigartig machen. Mehrere Male ist Annika nahe dran, aufzugeben und sich wie zu einem Fötus zusammenzukauern, weil die Gewalt, die sie bedroht, so unüberwindbar und überwältigend erscheint. Dann melden sich die Stimmen, die sie trösten und verwirren: Sie singen von Sommerabenden und Blumen und wie schön es in ihrer Jugend war, als sie die Großmutter (die in „Paradies“ starb) besuchte.

Annika muss sich immer selbst zur Ordnung rufen, um dem Sirenengesang Einhalt zu gebieten und der äußeren Welt Widerstand zu leisten. Da Annika wahrlich einzigartig zu sein scheint, ist anzunehmen, dass eine Reihe von Frauen es nicht schafft, diesen Widerstand zu leisten. In „Studio 6“ erzählte Marklund von zwei Frauen im Sexgewerbe, denen dies nicht gelang.

Annika, keineswegs der Übermensch, hat aber auch Angst vor „dem Tunnel“. Es blieb mir im ganzen Hörbuch unklar, ob ein bestimmter Tunnel gemeint ist, denn ich kenne „Olympisches Feuer“ nicht. Oder ob mit „dem Tunnel“ beziehungsweise „dem Tunnelblick“ ein ähnliches Angst- und Stressverhalten wie bei den Stimmen gemeint ist. Der „Tunnelblick“ ist ein allgemein bekanntes Phänomen, das beispielsweise bei Wut und Übermüdung auftritt. Deshalb wäre es vielleicht nützlich, doch das Buch zu lesen.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, offenbar geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher höhere Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, wenn die Aussprache schwankt. Die Aussprache des wichtigsten Namens, Luleå, schwankt allerdings nicht. Glücklicherweise ist Schwedisch nicht so schwierig wie das Walisische. 😉

So etwas wie Musik ist zwar ebenfalls zu hören, aber es handelt sich lediglich um einen einzelnen, bedrohlich klingenden Basston, der Anfang und Ende einer CD begrenzt. „Musik“ würde ich das nicht nennen.

_Unterm Strich_

Wieder einmal legt Marklund ein wirklich packendes Abenteuer ihrer Heldin Annika Bengtzon vor. Sie zeigt auf, dass die Vergangenheit keineswegs tot ist, sondern im Gegenteil einen langen Schatten wirft, der bis heute und in höchste Regierungskreise reicht. Welche Konsequenzen dies haben kann, zeigt die Medienpolitik auf, die Marklund von innen heraus kennt. Aber auch für Annika erweisen sich die Folgen der Rückkehr eines früheren Terroristen als verhängnisvoll – besonders dann, als sie trotz Pflicht- und Schuldgefühlen nicht aufhören will, den Spuren auf den Grund zu gehen.

Auch diesmal macht Judy Winter das Marklund-Hörbuch zu einem Hörereignis erster Güte. Dies macht sich am eindrücklichsten in jener klaustrophobischen Szene bemerkbar, als Annika mit den anderen Ex-Mitgliedern von Ragnvalds Gruppe in einem eiskalten, stockdunklen Häuschen aus Beton eingesperrt ist – und den anderen Anwesenden nacheinander die Sicherungen durchbrennen. Annika hat größte Mühe, nicht ebenfalls in Panik auszubrechen und aufzugeben. Denn das wäre ihr Ende im Kältetod. Diese Szene ist unvergesslich; das ist größtenteils Winters Verdienst.

|Umfang: 443 Minuten auf 6 CDs|

Raymond Jean – Die Vorleserin

Nur wenige kennen jenen verschmitzt-erotischen Film von Michel Deville aus dem Jahr 1988: „Die Vorleserin“. (Der Film wurde 1988 bei den Filmfestspielen in Montreal mit dem Großen Preis ausgezeichnet.) Aber er ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Literatur und ihre Macht, sondern auch an die Erotik, die vom Akt des Vorlesens ausgehen kann. Denn Liebe und Lesen sind Verwandte: Beide stellen eine Reise dar, sagt Raymond Jean in seinem Werk, gleichgültig, ob es sich um Film, Buch oder – wie hier – um Hörspiel handelt.

Der Autor

Raymond Jean, geboren am 21. November 1925 in Marseille, ist ein französischer Schriftsteller, der zunächst vom Sozialrealismus und dem |Nouveau Roman| beeinflusst wurde. Außer „Die Vorleserin“ (1986), einer satirischen Sozialkomödie, verfasste er drei weitere Romane, darunter „Mademoiselle Bovary“ (1991), „Les Grilles“ (1963) und „La Vive“ (1968). Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Professor an der Universität der Provence. (Jedenfalls wurde sein Ableben noch nicht im Internet verzeichnet.) Erst durch den Erfolg des schönen Filmes von Michel Deville mit Miou-Miou in der Titelrolle wurde Raymond Jean mit seinem Werk bekannter.

Die Sprecher

Svenja Pages spricht Marie Constance, eine weitere bekannte Stimme ist Anne Moll. Ingesamt sind 14 Sprecher verzeichnet. |Radio Bremen| und |Saarländischer Rundfunk| produzierten das Hörspiel 1999 gemeinsam. Die Hörspielfassung stammt von Andreas Lammers, Regie führte Hans Helge Ott, und Rudolf Schmücker steuerte die Musik bei.

Handlung

Marie Constance, schon 34, hat ihr Studium abgebrochen, die Schauspielschule aufgegeben und lebt neben ihrem arbeitsbesessenen Mann Philippe in den Tag hinein. „Mach wenigstens etwas!“, drängt ihre beste Freundin Francoise. „Warum bietest du deine Dienste nicht einfach als Vorleserin an?“ Und das tut Marie Constance (MC) dann auch. Aber was soll sie vorlesen? Ihr alter „Meister“, das heißt ihr früherer Professor Roland, empfiehlt ihr Maupassant: „Die Hand“. Eine gruselige Erzählung.

Der Mann in der Anzeigenannahme der Zeitung rät ihr gleich, unzweideutig zu formulieren. Für was solle man sie denn halten? Also bietet sie nicht sich selbst, sondern lediglich ihre Vorlesedienste an. Die erste Kundin ist die Mutter des gelähmten Jungen Eric. Sie liest ihm „Die Hand“ vor, während ihr der Kleidsaum immer höher rutscht. Eric kommt mit einem schweren Asthmaanfall ins Krankenhaus, und MC fühlt sich schrecklich schuldig. Zum Glück strahlt Eric bald wieder. Der Kleidsaum darf künftig noch höher rutschen.

Kundin Nummer zwei ist die 82 Jahre alte Generalswitwe Dumesnil, kurz „Die Generalin“ genannt. Obwohl sie aus einer ungarischen Adelsfamilie stammt, ist sie glühende Verehrerin der Revolution und lässt MC prompt nur noch Karl Marx vorlesen. Welch grässliche Prosa, findet MC. Die Generalin schläft dabei regelmäßig ein.

Der dritte Kunde ist ein vielbeschäftigter Generaldirektor, der sich angeblich vorgenommen hat, etwas für seine Bildung zu tun. Nachdem er aber gestanden hat, seit einem halben Jahr von seiner Frau getrennt zu leben und sich nach weiblicher Gesellschaft zu sehnen, ist für MC der Fall klar. „Retten Sie mich!“ ruft Michel Dautrand. Sie bietet ihm hilfreich ihren Mund dar. Der weitere Weg führt ins Schlafzimmer. Denn Lesen ist wie die Liebe: beides ist eine Reise.

Die vierte Kundin ist eine gluckenhafte Geschäftsfrau mit einer total unterdrückten achtjährigen Tochter Clorinde. Dieser liest MC natürlich „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll vor. Während sie mit ihr anschließend in den Park spazieren geht, ruft die Mutter die Polizei und meldet eine Kindesentführung samt Juwelenklau …

Bei der Generalin geht es hingegen lustiger zu. Kur vor dem 1. Mai, sozusagen dem Feiertag der Revolution, spielt sie „Die Internationale“ ab und schwenkt eine rote Fahne. Marie Constance wird aufs Polizeirevier zitiert, wo man sie schon als notorische Unruhestifterin kennt, wie Kommissar Belloit meint. Das Einzige, was ihm an MC gefällt, sind offenbar ihr Beine.

Am 1. Mai schließlich kommt es zur Krise: Die Generalin zwingt MC, in der ersten Reihe der Arbeiterkundgebung mitzumarschieren. Und o weh! Da kommt auch die kleine Clorinde, um sich der Demonstration anzuschließen. Ihre Mutter wird außer sich sein. Prompt wird MC wieder aufs Revier zitiert. Die Anklage lautet auf Aufrührerei. Belloit warnt sie.

Doch es kommt noch schlimmer, und MC muss einsehen, dass auch ihre Toleranz beim Vorlesen eine Grenze kennt. Bei de Sade, den man sie vorzulesen bittet, hört der Spaß eindeutig auf.

Mein Eindruck

Marie Constance scheint, oberflächlich betrachtet, in mehrere amouröse, skurrile bis aberwitzige Situationen zu geraten. Da ist der querschnittsgelähmte Eric, die vernachlässigte Clorinde, die einsame Klassenkämpferin, der unter Sexentzug leidende Generaldirektor. Ihnen allen bringt die Literatur Linderung ihrer Leiden. Aber ist es wirklich das Vorgelesene und nicht vielmehr die Vorleserin selbst, die ihnen etwas gibt? Was könnte das sein?

Denn es gibt auch die Gegenseite: der Kommissar Belloit, der MC zur Rebellin und Aufrührerin hochstilisiert, um sie zu warnen; der Medizin-Professor D’Arc, der an ihr Verantwortungsbewusstsein appelliert, um MC zu kontrollieren; schließlich die Geschäftsfrau, die sofort die Polizei ruft, wenn ihr Töchterlein an die frische Luft will. Die Krönung dieses Unterdrückungsapparates bildet das „Vorlese-Fest“, das drei ehrenwerte Männer für MC vorbereitet haben: ausgerechnet der Kommissar, der Arzt und ein Magistrat mit distinguierter Stimme (s. u.). Symbolisch für ihr Begehren steht der Marquis de Sade.

Diesen „Kontrollorganen“ steht Marie Constance gegenüber. Einfach indem sie ihre Dienste und ihre erotisierende Präsenz anbietet, setzt sie bei ihren älteren – und jüngeren – Kunden eine Befreiungsbewegung frei: Dem Generaldirektor gewährt sie entspannte Liebe, der Generalin einen Ausbruch von klassenübergreifender Solidarität, der 14-jährige Eric entdeckt die Wonnen der Erotik („Könnten Sie nächstes mal bitte ohne Höschen kommen, Madame?“) und die kleine Clorinde reißt sich von der Mutterhand los, um sich an MCs Seite in die Mai-Kundgebung einzureihen.

Dass so viel Erotik und Befreiung als aufrührerisch und befreiend angesehen wird, kann nicht ausbleiben. Die Kontrollorgane ergreifen die Initiative. Diese junge Dame hat bereits genug gesellschaftlichen Erfolg gehabt, nicht wahr? Belloit & Co. machen nun die Probe auf’s Exempel: Wenn MC sich ihren demütigenden Wünschen beugt, soll sie auch in die höchste Ebene der „ehrenwerten Gesellschaft“ aufgenommen werden dürfen – quasi als Stiefelleckerin. Denn darum geht es bei dem Zitat aus de Sades „120 Tage“ (und um noch viel Intimeres). Im Klartext: Die Aufrührerin wird ihrer Ehre und Selbstachtung beraubt, woraufhin man sie an die Kandare legt, wenn sie alles erfüllt, was man von ihr verlangt. Ob sich MC wohl darauf einlässt?

Wenn man Raymond Jeans Text von der gefälligen Verpackung befreit, enthüllt sich eine handfeste Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Die Hörspielbearbeitung durch Andreas Lammers beschneidet diese Aussage nicht, sondern arbeitet sie vielmehr heraus, ohne dabei die vorgetragene Literatur zu unterdrücken (das wäre ja noch schöner!).

Die Sprecher, die Inszenierung

Als Erstes hören wir Svenja Pages‘ angenehme (erotisierende?) Stimme, die ein Gedicht von Charles Baudelaire rezitiert, und zwar so, dass die Verse und Worte deutlich und einzeln zur Geltung kommen. Im ganzen Hörspiel wird nichts heruntergeleiert, im Gegenteil: Allen Sprechern hört man die Sprechausbildung aus der Schauspielausbildung an. Dies hat mehrere Effekte.

Der Intimität, die zwischen den beiden Freundinnen MC und Francoise durch raschen Wechsel und sogar Überlagerung hörbar wird, stehen die Szenen gegenüber, in denen MC quasi im „Außendienst“ ist. Der Kontrast zwischen den Gedanken, die MC äußert, und dem, was sie sagt und sich anhören muss, führt oft zu Ironie. Diese Ironie ist häufig sympathisch gegenüber den Profiteuren von MCs Vorlesediensten, allen voran Eric und der Generaldirektor, manchmal aber auch recht kritisch, so etwa gegenüber dem geilen Kommissar.

Manchmal tritt MC auf wie eine Agentin im Auftrag ihrer Majestät, der Literatur und Erotik. Sie verkleidet sich mit einem strengen Kostüm und einer Brille mit nicht-optischen Gläsern. Sie wappnet sich mit Rüstung und Lüge, doch sie passt nie ihre Stimme an. Darum können wir andererseits nachvollziehen, wie aus der Agentin eine verehrende Jüngerin der Venus wird, wenn sie mit dem Generaldirektor ins Bett geht. Schöner gehauchte Zitate hat man selten gehört. (Man stelle sie sich dann auch noch in Französisch vor!)

Die schönste Stimme aber hat meiner Meinung nach die „Generalin“, die einmal „die schönste Frau auf den Bällen der Militärattachées“ gewesen sein will. Ihre Stimme klingt rauchig, gereift wie alter Wein, und doch kraftvoll. In bizarr-ironischem Kontrast dazu steht ihre närrische Vorliebe für die knöchernen Sätze des deutschen Frühkommunisten Marx. Wenn er über Edelmetalle doziert, bekommt sie beinahe einen Anfall der Ekstase – davon wird sie zum Glück von der Demo draußen auf der Straße abgehalten. Man kann sich die Ungarin in ihrer Jugend gut als feuriges Frauenzimmer vorstellen.

Die einzige Stimme, die meiner Ansicht nach nicht passt, ist ausgerechnet die des jungen Eric, den MC so aufreizend mit Baudelaire und hochgerutschtem Rocksaum beglückt. Eigentlich sollte er mit 14 Jahren ja seinen Stimmbruch bereits hinter sich haben, doch sein Sprecher klingt leider, als hätte er diesen vokalen Einschnitt noch weit vor sich.

Der verschlagenste Profi-Sprecher ist gegen Schluss zu hören: Mit der distinguiertesten, gepflegtesten und offensichtlich ehrbarsten Stimme bittet Jürgen Thormanns Figur des Magistrats um das schlimmste Stück Literatur, das MC bis dato untergekommen ist. Natürlich kann dessen Inhalt dem Hörer nicht vorenthalten werden, da es ja als Beleg für die finsteren Absichten des Kunden dient. Jürgen Thormann ist der Beweis dafür, wie sehr eine ausgebildete Stimme den Eindruck von den wahren Absichten seiner Figur zu verschleiern vermag. Thormann ist ein echter Künstler. Leider enthüllt das mager ausgestattete Booklet nichts über seinen Namen; aber man kennt Thormann aus Fernseh- und Kinofilmen, in denen er britischen Adligen seine Stimme leiht.

Musik

Alle Episoden sind durch Pausenmusik abgetrennt. Dabei handelt es sich um sehr gefällige Caféhausmusik, Piano-Jazz mit brasilianischen Rhythmen und Hintergrundgesang. Da diese Rhythmen aber auch die angenehmen Szenen dezent begleiten, entsteht dabei eine heiter-beschwingte Stimmung, wie sie den Spätsommer-Episoden sehr angemessen ist. Bei ernsten Szenen hingegen fehlt die Musik, aus hoffentlich verständlichen Gründen.

Unterm Strich

Das Hörspiel bietet eine sehr gefällige und heiter-beschwingte, leicht ironisierende Darbietung des Textes. Doch eine genauere Strukturanalyse ergibt, dass es sich bei „Die Vorleserin“ durchaus um ein handfestes Stück Kritik der bürgerlichen Gesellschaft handelt. Aber sowohl Leute, die sich unterhalten lassen wollen, als auch Hörer, die auf die tiefere inhaltliche Seite achten, kommen auf ihre Kosten. Die Episoden sind kurzweilig, überschaubar, skurril und aussagekräftig genug, um die Aufmerksamkeit des Hörers zu fesseln. Und manche Stellen sind wirklich o lalá.

Das Hörbuch

Das Hörspiel ist sehr professionell inszeniert, alle Sprecher bis auf eine Ausnahme klingen passend und professionell. Die Musik trägt die entspannt-verspielte Grundstimmung voran: Es ist Sommer … Möge die ‚Vorleserin‘ auch den Weg in eure Stuben finden.

Umfang: 58 Minuten auf 1 CD

Henning Mankell – Die Pyramide

An der schwedischen Küste stürzt ein Sportflugzeug von Drogenkurieren ab. In dem ansonsten so idyllischen Städtchen Ystad, wo Kommissar Kurt Wallander tätig ist, explodiert wenig später das Haus zweier ehrbarer Schwestern. Und zu guter Letzt wird Wallanders Vater in Ägypten wegen Pyramidenbesteigung verhaftet. Unser Serienheld hatte es offenbar schon im Jahr 1989 nicht leicht in seinem Beruf.

_Der Autor_

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Moçambique, wo er seit 1996 das |Teatro Avenida| in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem |Deutschen Krimi-Preis| und mit dem |Deutschen Bücherpreis|.

„Die Pyramide“ erschien 2002 in dem Erzählband „Wallanders erster Fall“. Auch die anderen Erzählungen aus dem Storyband „Wallanders erster Fall“ sind im Hörbuch zu bekommen.

_Die Sprecher_

Kurt Wallander (KW) wird diesmal gesprochen von Heinz Kloss, der schon beinahe jugendlich klingt: Im Jahr 1989 ist Wallander erst Anfang Vierzig. Schon schon in dieser Anfangsphase seiner Laufbahn als Kommissar hat Wallander einen engen Assistenten: Martinsson. Er wird gesprochen von Thomas B. Hoffmann. KWs namenlosen Vater spricht Peter Groeger, seine Tochter Linda (die später in die Fußstapfen des Vaters tritt) Katrein Frenzel.

Das Hörspiel erarbeitete Dramaturg Moritz Wulf Lange von der Produktionsgesellschaft |STIL|, die schon „Der Mann, der lächte“ hervorgebracht hat (mit durchwachsenem Ergebnis). Regie, Musik, Schnitt und Ton erfolgten in Personalunion von Simon Bertling und Christian Hagitte.

_Handlung_

Am Anfang werden wir erstaunt Ohrenzeugen eines Flugzeugabsturzes an der Küste von Südschweden. Es ist ein Rätsel: Was machten die Piloten des Sportflugzeugs in dieser Gegend, und warum stürzte ihre Maschine ab?

Es folgen einleitende Musik und Ansage.

Kurt Wallander erzählt in der Ich-Form von seiner kürzlich zurückliegenden Scheidung von Mona, die mit seiner Tochter Linda nach Malmö gezogen ist. Im Verlauf der Handlung taucht Linda allerdings mehrmals frustiert von Monas Kontrollfanatismus bei ihrem Vater auf. KW hat jetzt die Krankenschwester Emma Lundin zur Freundin.

An der Absturzstelle des Flugzeugs in Mossby erfährt KW, dass es sehr tief geflogen sein muss, denn es war nicht auf dem Radarschirm aufgetaucht. Wahrscheinlich war es ein Drogenkurier, der seine Fracht abwarf. Auf dem Revier verhört KW vergeblich einen aalglatten Drogenhändler namens Holm, der Südschweden mit Heroin versorgt. Sein Haus liegt in der Nähe der Absturzstelle. Dort wurden starke Scheinwerfer bemerkt, die nun aber verschwunden sind: die Abwurfstelle?

Etwas mehr Erfolg hat Wallanders Order, in dem explodierten Haus der Schwestern Eberhardsson notfalls bis in den Keller zu graben. Heureka! Die Experten finden nicht nur die zwei verkohlten Leichen der Schwestern, sondern auch einen versteckten Safe, in dem sage und schreibe fünf Millionen schwedische Kronen deponiert sind. Diese enorme Summe haben die beiden sicher nicht mit ihrem Strickwarenladen verdient. Jemand hatte etwas gegen ihren Reichtum: Sie wurden per Genickschuss hingerichtet. War es Holm? Er ist untergetaucht.

Unterdessen fliegt Wallanders alter Vater nach Ägypten, um die Pyramiden von Gizeh zu besuchen. Diesen Vorsatz nimmt er ein wenig zu wörtlich, denn die Polizei buchtet ihn wegen verbotenen Besteigens der Cheops-Pyramide ein. Sie verlangen per Telegramm 10.000 Kronen Buße von KW, sonst muss sein Vater zwei Jahre lang in ägyptischen Gefängnissen schmachten. KW fliegt hin und überzeugt den Alten, dass der es zwei Jahre lang ohne Malen nicht im Knast aushalten würde. Auch KW bewundert die nachts angestrahlten Weltwunder.

Und dieser Anblick bringt ihn auf die zündende Idee: Wer konnte denn die starken Scheinwerfer besorgen, um dem Drogenkurierflugzeug die Abwurfstelle zu markieren?

_Mein Eindruck_

„Die Pyramide“ ist ein ziemlich geradliniger Kriminalfall und wäre schon relativ früh vorhersehbar, wenn nicht Wallanders Ermittlungen mit Episoden aus seinem Privatleben variiert würden. Und auf dieser Seite seines Lebens hat er ja sozusagen die „Erleuchtung“, um in dem festgefahrenen Fall die richtige, die wichtigste Frage zu finden. Denn die Pyramide ist auch der schematische Aufbau des Falles. KW hat drei Ecken des Falls, aber ihm fehlt sozusagen die Spitze der Pyramide, der gemeinsame Nenner, um die richtige Lösung zu finden.

Wallander teilt uns auch seine Erkenntnis mit, dass sein Abmühen in dem Polizeijob ebenfalls einer Pyramide gleichkommt. Er und seine Kollegen mühen sich an zahlreichen kriminalistischen Fronten ab, doch die Spitze der Pyramide erreichen sie in den seltensten Fällen. So auch in diesem Fall. Wer waren die Geldgeber und Drahtzieher der Drogengeschäfte in Südschweden? KW wird es nie herausfinden, es sei denn, ihm kommt Kommissar Zufall zu Hilfe.

Denn am Ende der Geschichte gibt es einen erbitterten Schusswechsel, in dem der Kommissar ins Kreuzfeuer gerät, und später einen toten Hauptzeugen. Dumm gelaufen, Herr Wallander.

|Die Sprecher|

Alle Sprecher klingen wie professionell ausgebildete Schauspieler. Yara Blümel beispielsweise war schon in dem Poe-Hörspiel „Die Maske des Roten Todes“ zu hören. Heinz Kloss spricht wie schon in „Der Mann, der lächelte“ unseren Lieblingskommissar. Allerdings klingt seine Stimme, wie gesagt, schon fast jugendlich. Sie hebt sich deutlich von der Stimme von Wallanders Mentor, dem alten Kommissar Rydberg (Peter Panhans), ab. Interessant fand ich den mit einem Akzent versehenen Ägypter Radwan, gesprochen von Marc Oliver Bögel.

|Geräusche & Musik|

Wie bereits angedeutet, gibt es zwei akustische Höhepunkte des Hörspiels: am Anfang und am Ende. Der Flugzeugabsturz klingt fast, als säße der Hörer selbst im Cockpit der Piloten. Keine Angst, hier stürzt keine Stuka mit lautem Geheul ab, sondern lediglich ein Sportflugzeug.

Das finale Feuergefecht schließlich findet auf Holms Bauernhof statt: Im Hintergrund bellt ständig ein Schäferhund, und Wallander stutzt, als das Bellen aufhört. Gerade noch rechtzeitig, denn schon in der nächsten Sekunde peitscht ein ziemlich realistisch klingender Schuss durch die hell erleuchtete Fensterscheibe, an der er eben noch stand. Man kommt sich vor wie im Wildesten Westen. Schade, dass diese CD keinen DD-5.1-Sound hat!

Die Musik von Bertling / Hagitte versteht es, auf wirkungsvolle Weise Spannung zu erzeugen und Bedrohung anzudeuten. Dies geht auch mit einfachen Mitteln, wie zu hören ist. Der Einsatz der Musik erfolgt niemals aufdringlich, sondern unterstützend.

_Unterm Strich_

Anders als in „Der Mann, der lächtelte“ sind diesmal keine Fehler in der akustischen Umsetzung festzustellen. Deshalb konnte ich das Hörspiel unbeschwert genießen: die geradlinige Kriminalhandlung um Drogenhandel wird durch mehrere Ereignisse in Wallanders Privatleben – vor allem die Verhaftung seines übereifrigen Vaters – variiert.

Interessant, dass die Erleuchtung, die Wallander zur Aufklärung des Falls verhilft, gerade aus dieser Nebenhandlung abgeleitet ist. Aber so arbeitet eben unser Gehirn manchmal: Per Assoziation kommen in unseren Träumen die seltsamsten und verblüffendsten Verbindungen zustande.

Im Mankellschen Werk nimmt diese Erzählung sicher nur einen Platz auf den unteren Rängen ein, doch sie gewährt uns einen Einblick in die Anfänge des Meisterkommissars. Für Einsteiger liefert sie genaue Profile zur Hauptfigur, seinem Vater und seiner Tochter – allesamt Figuren, die im späteren Werk laufend auftauchen.

Der Dramaturg, die Produktionsgesellschaft STIL sowie die Regisseure haben zusammen mit den professionellen SprecherInnen saubere Arbeit abgeliefert, so dass ihnen eine maximale Wertung meinerseits nicht vorenthalten werden kann.

|Umfang: 72 Minuten auf 1 CD|

Doyle & MacNeile – Das Haus mit den Zwingern (Sherlock Holmes Folge 38)

Gestörte Idylle im Pfarrhaus

Die junge Miss Nancy Millington wird in der Baker Street 221b vorstellig, da sie sich Sorgen wegen ihrer neuen Nachbarn macht, welche nicht nur ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legen, sondern vor allem eine Reihe Hundezwinger auf dem weitläufigen Grundstück aufgestellt haben … (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 12 Jahren.

Die Serie wurde mit dem „Blauen Karfunkel“ der Deutschen Sherlock Holmes-Gesellschaft ausgezeichnet.
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TKKG – Attentat am Gämsengrat (Folge 220)

Die Handlung:

Die Klasse 9b befindet sich auf Abenteuerwoche in den Tiroler Alpen. Zwar steckt Tim, Karl, Klößchen und Gaby noch das Wildbach-Rafting vom Vortag in den Knochen, aber dennoch wollen sie heute die Gamsspitze erklimmen. Auf dem Weg nach oben setzen sich die vier von ihrer Klasse ab und beobachten in der Ferne einen Kampf zwischen zwei Gestalten. Hat die eine die andere gerade vom Berggrat gestoßen? Sind TKKG also Zeugen eines Attentats geworden? Bevor sie dem auf den Grund gehen können, bricht plötzlich ein Unwetter über sie herein und TKKG sitzen im strömenden Regen auf dem Berg fest. Ein Blitz zuckt am Himmel, ein Schuss gellt durchs Gebirge und ganz in der Nähe kämpft sich ein Mann mit blutender Schläfe auf TKKG zu… ( Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Nach „Terror“ kommt jetzt „Attentat“, die „erwachsenere“ Schiene der beiden TKKG-Serien meints offenbar echt ernst … auch wenn der Reim im Titel eher lustig und ein Zungenbrecher ist. Der Klappentext lässt aber wenig Spaßiges erahnen, sondern einen echten Krimi. Mit Blut und Opfern und physischer Gewalt. Auf der Alm gibts wohl doch Sünde … na dann mal ab in Alpen um nachzuschauen.

TKKG – Attentat am Gämsengrat (Folge 220) weiterlesen

Mooney, Chris – Secret

_Moderne Kripo-Schutzhelfer: Batman, Maria und Hannibal Lecter_

Als Emma Hale, eine junge Hardvard-Studentin und Millionenerbin, aus Boston verschwindet, fehlt monatelang jede Spur von ihr. Bis ihre Leiche im Charles River entdeckt wird. Nun ist die Studentin Judith Chen nach zwei Monaten des Verschwindens ebenfalls im Wasser gefunden worden. Die Bostoner Polizeipräsidentin weist der Erkennungsdienstlerin Darby McCormick (aus „Victim“) den Fall zu.

Sie und ihr Kollege Tim Bryson geraten schnell auf die Spur eines in Ungnade gefallenen FBI-Profilers. Was weiß er über die psychiatrischen Akten der beiden Mordopfer? Und welche Rolle spielt der schwerreiche und trauernde Vater von Emma Hale? Darby beginnt, Geheimnisse zu lüften, die besser unentdeckt geblieben wären. Da verschwindet schon wieder eine Studentin. Ihre Zeit wird knapp.

_Der Autor_

Chris Mooney, aufgewachsen in Lynn, Massachusetts, ist laut Verlag einer der erfolgreichsten neuen amerikanischen Thrillerautoren. Sein Debütroman „Victim“ sorgte in den USA für großes Aufsehen. Er lebt mit seiner Familie in Boston und hat mit „The Dead Room“ bereits den nächsten Roman um die Ermittlerin Darby McCormick veröffentlicht.

Mehr von Chris Mooney auf |Buchwurm.info|:

[„Victim“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3799
[„Victim“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5226 (Hörbuch)
[„Missing“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5787
[„Missing“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5731 (Hörbuch)

_Die Sprecherin_

Mechthild Großmann wurde 1948 in Münster geboren. Ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch und ihre Rollen in R. W. Fassbinders „Berlin, Alexanderplatz“ und Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ machten sie international bekannt. Hierzulande kennt man sie zudem aus dem Westfalen-„Tatort“, wo sie die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm spielt. (Verlagsinfo)

Im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg, führte Gabriele Kreis Regie.

_Handlung_

Darby McCormick hat die Narben und Wunden von ihrem letzten Fall (siehe „Victim“) inzwischen verkraftet, sieht sich jedoch Mitte Februar mit einem neuen Fall von Serienmorden konfrontiert. Die reiche Harvard-Studentin Emma Hale, Tochter des Immobilien-Tycoons Jonathan Hale, verschwand im vorigen Herbst, doch erst Monate später fand ihre Leiche angespült im eisigen Charles River. Was war in der Zwischenzeit mit ihr geschehen? Die Polizei hat in ihre edlen Designer-Kleider eingenäht eine kleine Marienstatue gefunden, die den Aufdruck „Unsere Dame der Schmerzen“ trägt. Emma selbst wurde durch einen Pistolenschuss in den Hinterkopf getötet, so als habe der Täter ihr nicht in die Augen sehen können, als er sie ins Jenseits schickte.

Darby wird von der Polizeipräsidentin Bostons beauftragt, ein zweites Ermittlerteam des Erkennungsdienstes zusammenzustellen und mit ihrem Kollegen Tim Bryson zu kooperieren, der bislang nichts zustande gebracht hat. Bryson, so hat Darby erfahren, hat durch Leukämie seine einzige Tochter verloren, und nun bekommt er es mit Jonathan Hale zu tun, der ebenfalls seine einzige Tochter verloren hat. Darby nimmt an, dass die beiden sich gut verstehen werden. Doch Hale ist bislang auf Konfrontationskurs gegangen und hat die Polizei – völlig zu Recht – der Unfähigkeit geziehen. Darby beschließt insgeheim, es besser als Bryson zu machen, auch wenn es diesem wehtut. Sie ahnt nicht, was sie damit in Gang setzt.

|Nr. 2|

Bryson meldet, dass im Hafenbecken die seit Dezember vermisste Studentin Judith Chen tot gefunden worden sei: Schuss in den Hinterkopf, Marienstatue im Hosenbund eingenäht, alles dasselbe Schema. Also ist der Serienmörder wieder auf der Jagd nach einem neuen Opfer.

Durch ihre Kombinationsgabe fällt Darby etwas Ungewöhnliches im Fall Emma Hale auf: Warum trug Emma ihr Platinmedaillon an einer Halskette, als man sie fand, aber nicht, als sie verschwand? Der einzige gültige Schluss: Ihr Entführer und Mörder muss in ihre Wohnung eingebrochen sein, um das Halskettchen zu stehlen. Nach Überwindung aller Barrieren schaut sich Darby Emmas Wohnung an, insbesondere den begehbaren Kleiderschrank, in dem sich die Schmuckschatullen der Millionenerbin befinden. Alles ist unverändert. Da geht das Licht aus.

|Mister X|

Im Dunkel tritt ein ungewöhnlich großer Mann auf Darby zu, die bereits mit ihrer Dienstpistole auf ihn zielt und den Notruf gewählt hat. Friedlich legt er seine Pistole ab und redet mit ihr. Er scheint sie ganz genau zu kennen, was sie verunsichert. Sie bemerkt nun, dass er ungewöhnlich bleich ist und seine Augen völlig schwarz sind, als hätte er keine Iris. Ein echt unheimlicher Typ, findet sie. Da hört sie die Sirenen der herbeigerufenen Streifenbeamten. In diesem Moment der Ablenkung verschwindet der Kerl durchs Fenster und über die Feuerleiter. In seiner zurückgelassenen Pistole findet sich panzerbrechende Munition, die auch kugelsichere Westen durchschlägt. Darby hat großes Glück gehabt.

Die Überwachungsvideos in dem Apartmenthaus Emma Hales geben nichts über den Kerl preis. Und die Ü-Videos von dem Einbrecher, der Emmas Medaillon klaute, hat Jonathan Hale. Bei einem erneuten Einbruch bei Hale verschwinden auch diese Aufnahmen, aber wenigstens kennt Bryson den großen Eindringling, der Darby begegnete. Es handelt sich um Malcolm Fletcher, einen ehemaligen Profiler des FBI, der in einem Serienmordfall in Saugus, Pennsylvania, mit Bryson zusammenarbeitete.

Als Darby und Bryson Hale besuchen, erfahren sie entsetzt, dass dieser private Ermittler und einen Publicity-süchtigen Pathologen, Ali Karim, eingeschaltet hat, weil er der Polizei misstraut. Und Ali Karim hat ihm einen Mann empfohlen, dessen Beschreibung genau auf Malcolm Fletcher passt. Na, prächtig, jetzt pfuschen ihnen auch noch die Privatschnüffler ins Handwerk, murrt Darby. Doch Fletcher erweist sich als hilfreich und schickt ihr ein paar Hinweise. So stößt sie auf ein geschlossenes Psychiatrie-Institut, das für den Abriss vorgesehen ist. In einer der Zellen, in denen Kriminelle untersucht wurden und eingesperrt waren, findet sie eine kleine Marienstatue – und das Foto einer jungen Frau, die hier vor 26 Jahren verschwand: Jennifer Sanders. Reicht die Mordserie etwa schon derart lange zurück?

|Nr. 3|

Hannah Givens hätte nie zu ihrem Entführer ins Auto steigen sollen, aber es herrschte Schneesturm in Boston und sie war froh über eine Mitfahrgelegenheit. Und schließlich ist er ja ein Kommilitone, oder? Allerdings befindet sie sich nun an einem unbekannten Ort in einer Art Gefängniszelle. Sie erinnert sich, wie er ihren Kopf auf das Armaturenbrett gestoßen und sie dann mit Chloroform betäubt hat. Sie mag ihn kaum ansehen, denn sein Gesicht ist von Brandwunden übersät und nur ein Auge sichtbar. Seine linke Hand ist zu einer Art Klaue verkrümmt. Kein Wunder, dass er sie selbst auch nicht ansehen mag.

Er beteuert, dass er sie liebe und sich um sie kümmern werde. Doch auf dem Fenstersims steht eine kleine Marienstatue. Die Mutter der Schmerzen hat die Arme ausgebreitet, als wolle sie Hannah Givens trösten …

_Mein Eindruck_

Religiös motivierte Serienmörder gibt es mittlerweile jede Menge, aber was in letzter Zeit zu uns herüberschwappt, sind Romane über katholisch inspirierte Serienmörder. Man sehe sich nur Joathan Hayes „Martyrium“ an oder auch Richard Montanaris Rosenkranz-Killer in [„Crucifix“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2818 Offenbar haben die Amerikaner, insbesondere die neuenglischen Protestanten, ein Problem mit den Katholiken. Es ist ja auch einfach, ein paar Mysterien („Sakramente“) des Katholizimus herzunehmen und sie so zu verunstalten, dass sie wie antirationale, heidnische Rituale aussehen – je verzerrter, desto besser.

|Gottesmutter|

Diesmal ist die Jungfrau Maria, die Gottesmutter, an der Reihe, zu einer Phantasmagorie eines Geisteskranken umfunktioniert zu werden. Denn Walter Smith, Hannahs Entführer, ist eindeutig paranoid und schizophren. Er redet mit Maria, seiner Schutzheiligen, und sie hilft ihm sogar, perfide Pläne zu schmieden, um seinen Verfolgern zu entkommen. Wäre der arme Walter, der wegen seines verbrannten Gesichts nie eine Frau auf normale Weise bekommen könnte, ein zweiter Hannibal Lecter, dann einer, der einen direkten Draht zum Himmel hat. Wer sich mit ihm anlegt, muss schon eine Art Drachentöter sein.

|Der Henker|

Und der tritt denn auch auf. Allerdings ist es einer, der sich außerhalb des Gesetzes stellt und Walter der Selbstjustiz der rachsüchtigen Menschen ausliefert, hier also Emmas Hales Vater. Das ist gerade so, als wäre Hannibal Lecter in „Roter Drache“ von der Leine (man denke an die Verfilmung) gelassen worden, um den gesuchten Täter zu apportieren. Er spielt in diesem Szenario einen Henker, der wie weiland Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld wäscht. Soll doch Hale die Drecksarbeit machen.

|Selbstjustiz|

Malcolm Fletcher bewegt sich zwar im Halbdunkel, ist aber moralisch um einige Grade besser als Lecter, besonders dann, wenn er Darby, seiner speziellen „Freundin“, ähnlich wie Lecter der Agentin Clarice Starling die wertvollen Hinweise gibt, die sie zum Ziel führen. Fletcher scheint kein Problem mit Selbstjustiz zu haben, Darby aber schon. Allein schon von Berufs wegen. Sie redet Hale sogar ins Gewissen, die Finger von Selbstjustiz zu lassen, aber natürlich ohne eine Wirkung zu erzielen.

|Weiß und Schwarz|

Na, wer Helfer wie diesen Batman-Verschnitt namens Malcom Fletcher hat, der braucht auf Ärger nicht lange zu warten. Deshalb treiben Darby und Fletcher Tim Bryson in die Enge, der unerwartet viel Dreck am Stecken hat. Wie in einem klassischen Superhelden-Comic stellt nicht Bryson den Bösewicht, sondern dieser den Polizisten.

In einer Umkehrung der moralischen Wertigkeit wird aus dem gerechten Verfolger Bryson ein Bösewicht, der durch einen fiesen Winkelzug dazu beitrug, dass vor 26 Jahren eine Krankenschwester starb und Walter Smith seinen mörderischen Beutezug beginnen konnte. Doch nichts ist schwarz oder weiß, und so wird auch Brysons Missetat durch seine Zwangslage, seiner krebskranken Tochter helfen zu wollen, als entschuldbar hingestellt. Das ist sie aber keineswegs, schließlich geht es um Unterschlagung von Beweismitteln.

|Kirche 2.0|

Die Handlungsfäden scheinen im Mittelteil weniger im Polizeirevier und den Labors zusammenzulaufen, sondern vielmehr in jenem romantisch verfallenen Sanatorium, das abwechselnd als Kirkland und Sinclair-Institut tituliert wird. Es ist ein malerisches Labyrinth mit einem Verhau von Verstecken, ideal für lichtscheue Gestalten wie Walter Smith. Der Erzähler erwähnt ausdrücklich den Film [„Creepers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3093 als Story, die hier ihren Schauplatz haben soll. Vielleicht ist wirklich David Morrells spannender Thriller gemeint.

Wichtiger ist jedoch, dass in diesem neogotischen Bau aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts sich ein Ort befindet, der für den früheren Psychiatrie-Insassen Walter Smith von ganz zentraler Bedeutung ist: die Marienkapelle. Hier kann der Geisteskranke ungestört zu seiner Behüterin sprechen, und sie antwortet ihm sanft und liebevoll. Liebe, die er all sein Leben vermissen musste.

Dieser Ort der katholischen Heiligenverehrung macht das psychiatrische Sanatorium zu einer Kirche der Neuzeit, allerdings zu einem Zerrbild: Kirche 2.0. Eigentlich fehlen in diesem Szenario nur noch pädophile Priester, wie sie in den USA und Kanada bereits angeklagt worden sind. Der Papst musste sich für deren Taten entschuldigen. Walter Smith lässt sich als missratener Priester Marias betrachten, der das Zölibat missachtet und so zu einem Peiniger junger Frauen wird. Allenthalben stößt man in diesem Roman auf Katholikenphobie. Das macht ihn für mich zu einem minderwertigen Buch.

|Die Sprecherin|

Mechthild Großmann hat eine – für eine Frau – sehr tiefe Stimme, die allerdings ein wenig sanfter als die eines Mannes klingt. Die tiefe Stimme verleiht ihr die nötige Autorität, um Iris Böhm würdig vertreten zu können, die bislang auf harte Thriller abonniert gewesen ist (Karin Slaughter, Jiliane Hoffman und auch Mooneys „Victim“). Die Autorität ist deshalb notwendig, weil die Darstellungen doch ziemlich hart sind und man sie einem Weichei einfach nicht abnehmen würde.

Die männlichen Figuren stellt sie stimmlich also ohne Probleme dar, und ein wenig „australischer“ Akzent in der Sprechweise von Malcolm Fletcher hilft dem Hörer, ihn sofort erkennen zu können. Was an einem amerikanisch gerollten R allerdings australisch sein soll, müsste ich erst einmal vor Ort nachprüfen. Wer schenkt mir ein Ticket nach Sydney?

Weibliche Figuren fallen der Sprecherin erwartungsgemäß schwerer. Die Stimmlage für die Sätze von Darby ist nur unwesentlich höher als etwa bei Bryson. Aber es gibt einen Vorteil: Weibliche Figuren dürfen sehr viel emotionaler sein, und so schluchzen und jammern und klagen die Damen eine nach der anderen. Einzige Ausnahme: Darby McCormick.

Zwischen diesen beiden Welten steht der geisteskranke Walter Smith, der auf seine Freundin Maria hört. Er greint, fleht, jammert und nuschelt zum Steinerweichen – wahrlich eine arme Sau. Denn er ist dabei, das Einzige zu verlieren, was ihm etwas bedeutet: die Verbindung zu Maria. Die Kripo, von Darby angeleitet, hat ihm in der Marienkapelle eine Falle gestellt, und nun ist ihm auch dieser Ort verleidet und unzugänglich. Obendrein hat Maria hat auch noch einen besonderen Wunsch, sozusagen für Hannahs würdevollen Abgang. Doch wenn es drauf ankommt, erweist sich Walter als höchst fähiger Killer – genau wie der „Rote Drache“ bei Thomas Harris.

_Unterm Strich_

Wie man sieht, sind die Grundideen dieses Thrillers alle bereits sattsam bekannt und werden nun noch einmal neu arrangiert. Auch die zentrale Gestalt des zwielichtigen, heimlichen Helfers ist so neu nicht, wenn man sich mal den aktuellen Batman-Film „The Dark Knight“ anschaut. Mit dem Unterschied allerdings, dass Batman, dieser Kämpfer der Gerechtigkeit, niemals einen Fall von Selbstjustiz zulassen, sondern den Übeltäter stets der Polizei übergeben würde.

Was ich zunehmend schwerer goutierbar finde, ist der beobachtbare Katholizismus in den modernen Thrillern. Ist dies nur ein schicke Zutat der Autoren, um jene Zielgruppe anzuziehen, die auf Dan Browns Machwerke abfuhr?

Oder steckt eine neue, lukrativ ausbeutbare Phobie vor dem ganzen mystischen Zinnober der katholischen Ritualen und Mysterien dahinter? Vielleicht sollen ja auch Katholiken selbst einen neuen Kick daraus ziehen, dass ihre Gottesmutter einem Serienmörder als himmlische Lenkerin dient. Nichts ist zu pervers und verdreht, um es nicht doch zwischen zwei Buchdeckel pressen (oder im Internet veröffentlichen) zu können.

|Das Hörbuch|

Mechthild Großmann gestaltet den Dialog der zahlreichen Figuren lebendig und mit Emotion, allerdings hält sie sich in ihrer Rolle als Erzählerin auch entsprechend zurück. Emotion gibt es nur in den Dialogen, und in so mancher dramatischen Szene gibt es mehr als genug Emotionen. Ich fand, sie machte ihre Sache gut. Über sprachliche Seltsamkeiten wie Fletchers Akzent konnte ich nach einer Weile durchaus hinwegsehen bzw. hinweghören, was es wohl besser trifft.

|Originaltitel: The secret friend, 2008
Aus dem US-Englischen übersetzt von Michael Windgassen
317 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3-89903-620-6|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

Perry Rhodan – Die Hyperseuche (Silber Edition 69)

Die Handlung:

Es beginnt scheinbar harmlos: Menschen der Erde ändern plötzlich ihren Charakter, viele widmen sich nur noch ihren Hobbys und lassen ihre Arbeit einfach liegen. Andere, bisher schlaff, stürzen sich mit Feuereifer hinein. Das ist die erste Phase der sogenannten Psychosomatischen Abstraktdeformation (PAD), einer Seuche, die von der MARCO POLO aus dem Paralleluniversum eingeschleust wurde. Die zweite Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass Milliarden terranische Siedler den Zwang verspüren, ihre Urheimat wiederzusehen. Gleichzeitig verfallen andere Völker, wie die Haluter, einem Aggressionsdrang, der einen galaktischen Krieg heraufzubeschwören droht. Die dritte und letzte Phase ist tödlich. Um die gesamte Galaxis vor dem Aussterben zu bewahren, muss Perry Rhodan ins Paralleluniversum zurückkehren und seinen Gegenspieler eigenhändig töten … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Nachdem ANTI-ES in der ersten Silberlesung nicht wirklich erfolgreich mit dem Versuch war, Perry in einem Anti-Universum stranden zu lassen, lässt sich die Superintelligenz etwas Neues einfallen. Lustig klingts ja, wenn die plötzlich zuerst auf der MARCO POLO auftretenden Bewusstseinsveränderungen „Hobbyseuche“ genannt wird. Aber das fanatische Konzentrieren auf eine bestimme Sache kann schnell fatal werden … das merken einige schon früh.

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John Sinclair – Ninja-Rache (Teil 2 von 2, Folge 148)

Die Handlung:

In der Hostessenbar der Mama-san Reika Hasegawa waren Suko und ich dem „Club der Weißen Tauben“ in die Falle gegangen! Seine Anführerin Amenouzume hetzte uns ihre seelenlosen Tengus auf den Hals, damit ihr Verbündeter, der Ninja-Dämon Shimada, freie Bahn hatte – für den letzten Kampf gegen unsere Freunde Shao und Yakup Yalcinkaya! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Taschenbuchs mit der Nummer
121 gemacht, das erstmalig am 9. April 1991 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

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TKKG junior – Stimmen aus dem Jenseits (Folge 18)

Die Handlung:

Es gibt keine Geister! Oder etwa doch? Das behauptet zumindest der alte Kinobesitzer Herr Ambrosios. Der hört beim Vorführen seiner alten Stummfilme nämlich neuerdings unheimliche Stimmen im Kinosaal. Doch TKKG sind sich sicher: Dafür muss es eine logische Erklärung geben! Doch als sie dann die Stimmen aus dem Jenseits mit eigenen Ohren zu hören bekommen, sind auch sie verunsichert. Ruft da vielleicht wirklich der Geist der vor langer Zeit bei Dreharbeiten verschwundenen Stummfilm-Darstellerin Dita von Hohenfels um Hilfe? Ein bisschen mulmig ist TKKG schon bei diesem Gedanken, aber sie wollen der Sache auf den Grund gehen! Und dabei lösen sie ganz nebenbei einen Fall, bei dem sich Kommissar Glockner und seine Kollegen bisher die Zähne ausgebissen haben …. (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

„Who ya gonna call?“ TKKG Junior! Wer hätte gedacht, dass die Detektivtruppe (+ Hund) mal zu Geisterjägern mutiert? Vielleicht sollten sie sich beim Sohn des Lichts, John Sinclair, Tipps holen oder ein paar Utensilien ausleihen!

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Perry Rhodan – Kodexfieber (Silber Edition 154)

Die Handlung:

Im Jahr 429 Neuer Galaktischer Zeitrechnung kämpfen Menschen von der Erde in unterschiedlichen Regionen des Kosmos gegen mächtige Wesen. Perry Rhodan riskiert den Konflikt mit den übermächtigen Kosmokraten. Ihr Bann zwingt ihn, die Milchstraße zu verlassen – er reist in die Mächtigkeitsballung von Estartu. Dort kämpfen Vironauten von der Erde gegen das Kodexfieber, das sie in eine unheimliche Veränderung zwingt … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Los gehts mit einer Lossagung. Die Ritter der Tiefe haben keine Lust mehr auf den Job, den sie nach Wünschen der Kosmokraten mit Freude dienend ausführen sollten. Taurec findet das auch nicht so toll, aber jeder möchte gern wieder sein eigenes Ding machen. Bockig verhängt Taurec einen „Bann der Kosmokraten“ über die Ritter … klar, wenn sie nicht den Kosmokraten dienen, dann soll es ihnen halt schlecht gehen. Aber Perry bekommt ins Ohr geflüstert, dass es eine Möglichkeit geben könnte, wie er aus der Geschichte heil herauskommt.

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Dark, Jason; Döring, Oliver – John Sinclair – Im Jenseits verurteilt (Folge 57, Hörspiel)

_Perfide: Entführung ins Labyrinth der Angst_

„Geisterjäger“ John Sinclair ist Oberinspektor in einer Sonderabteilung von Scotland Yard, die sich mit übersinnlichen Fällen befasst. Sinclair wird von einem Kreuz beschützt und gewarnt, das vom Propheten Hesekiel selbst stammt. Zur doppelten Sicherheit trägt er auch eine Beretta-Pistole mit sich, die mit Silberkugeln geladen ist. Werwölfe und ähnliches Gelichter mögen so etwas gar nicht. Heißt es.

Folge Nr. 57 entspricht dem Band 197 der Bastei-Romanserie und wird in Folge 58 abgeschlossen.

Die Hörspiele dieser Reihe sind Vertonungen der gleichnamigen Bastei-Heftserie. Mit der Folge 50 feierte die Hörspielreihe ein Jubiläum. Der Verlag empfiehlt sein Werk ab einem Alter von 16 Jahren.

_Handlung_

|PROLOG|

Kara ist zusammen mit dem Zauberer Myxin in die Schattenwelt der Vorhölle eingedrungen und hat sich einen der dort hausenden Dämonen geschnappt. Sie schüttelt und würgt das bedauernswerte Wesen, bis es herausrückt, was sie wissen will: Er diene dem Spuk, der sich mit Asmodina, der Tochter Satans, zusammengetan habe, um den Fürsten der Hölle zu stürzen. Eine große Schlacht werde vorbereitet, doch noch seien paar Vorbereitungen zu treffen. So etwa warte man auf die Ankunft von Morasso, dem Anführer der Mord-Liga, und dem Spuk helfen soll. Morasso wiederum habe einen Helfer, einen Menschen. Und sie hätten es wiederum auf den Sohn des Lichts abgesehen. Der Dämon hat seine Schuldigkeit getan: er explodiert. Kara und Myxin müssen sich beeilen, um John Sinclair, besagten Sohn des Lichts zu warnen. Er könnte zwischen die Fronten geraten …

|Haupthandlung|

John Sinclairs Sekretärin Glenda Perkins wird aus einem Londoner Ladengeschäft entführt und in einen finsteren Keller gebracht, wo sie sich ausziehen soll. Sie befürchtet bereits, vergewaltigt zu werden, als ihr Retter naht: Rick Hunter. Er macht den Finsterling u8nschädlich und bringt Glenda hier raus. Sie bemerkt nicht, dass er verwundet ist und schwarzen Sirup blutet …

John Sinclair hat bemerkt, dass Glenda verschwunden ist. Ihr Entführer ist Bonzo, ein Handlanger von Logan Costello. Als Sir Powell den Londoner Gangster zu sich zitiert, meint Costello, Bonzo habe sich aus seiner Organisation ausgeklinkt. Powell droht, Morasso zu benachrichtigen, was Costello gleich ins Schwitzen bringt. Binnen einer halben Stunde liefert Costello den Namen des Mittelsmannes, dessen Auftraggeber Bonzo auf Glenda gehetzt haben: Rick Hunter.

John Sinclair konsultiert Kara und Myxin, um sich mit ihnen über die Hintergründe der Ereignisse zu beraten. Glenda ist unerreichbar, was John besorgt werden lässt. Als Kara ihm von Rick Hunter erzählen, wächst seine Besorgnis noch: Hunter arbeitet für den Spuk, der in der Hölle haust. John und Kara können Hunter nur dann herbeibeschwören, wenn er bereit ist, etwas dafür zu geben. John bietet einen geweihten silbernen Nagel.

Mit ihrem goldenen Schwert öffnet Kara das Tor der Dimensionen und ruck, zuck sind die drei in einer alten, von Damona entweihten Kapelle, die mit satanistischen Symbolen geschmückt ist. Hier zieht Kara einen Schutzkreis, den keiner der drei verlassen darf, will er sich nicht der Hölle preisgeben. Dann beschwört sie Rick Hunter herbei, den Wanderer zwischen den Welten …

Unterdessen ist Johns Freundin Jane Collins, die Reporterin, auf einer heißen Fährte. Sie ist einem Ring von Betrügern aus der Geldwäscherszene auf die Spur gekommen. Die Briefkastenfirma Scotts Enterprises entpuppt sich als Tarnfirma von Logan Costello und bezieht Geld von Morasso. Dies zumindest beteuert ihr Gewährsmann Rick Hunter. Als er ihr zu schnell und zu stur fährt, verlangt sie, er solle anhalten. Doch statt zu gehorchen rast er in eine Sackgasse und direkt in eine Mauer, genau wie mit Glenda Perkins. Rick lacht, als die Mauer verschwindet – und sich dahinter die Hölle auftut …

_Mein Eindruck_

Man kann nicht behaupten, dass diese Doppelfolge simpel gestrickt wäre. Gleich drei Handlungsstränge sind zu verfolgen, erst der von Glenda Perkins, dann der von John Sinclair und schließlich der von Jane Collins. Das sorgt für jede Menge Abwechslung und für eine spannende Szene nach der anderen. Glenda steht kurz vor ihrer Vergewaltigung, wie es scheint, wird aber gerettet. Ebenfalls für ordentlichen Thrill sorgen ihre unheimlichen und gruseligen Abenteuer im Labyrinth der Angst, das der Spuk gebaut hat, um sich an der Angst seiner Opfer zu laben. Hier hausen menschenfressende Dämonen, und Glenda hat, ebenso wie später Jane Collins, nichts zu lachen.

Der Hintergrund des Geschehens wird gleich im Prolog erklärt: Asmodina und der mysteriöse Spuk schicken sich an, Satan vom Thron zu stoßen – gar nicht nett vom lieben Töchterlein, oder? Der Spuk ist eine mir neue Gestalt im Universum des John Sinclair. Dass er so übel ist wie Asmodina und Morasso, zeigt sich schon bald am Schicksal von Glenda und Jane. Mit Rick Hunter gebietet er über einen halb menschlichen Diener, der ihm seine Opfer herbeischafft.

Natürlich haben alle es auf John Sinclair abgesehen. Doch wird sich John in die aufgestellte Falle locken lassen, um Glenda und Jane zu retten? Das soll hier nicht verraten werden. Zumindest macht es ihm Asmodina äußerst schwer, die Nerven zu behalten, als sie ihm seinen Verrat an der verstorbenen Nadine Berger vorwirft. Wegen Nadine, seiner heimlichen Liebe, hat John immer noch schwere Schuldgefühle – ein Schwachpunkt, denn die Kreaturen der Hölle stets auszunutzen wissen. So auch diesmal …

_Der Autor_

Der unter dem Pseudonym „Jason Dark“ arbeitende deutsche Autor Helmut Rellergerd ist der Schöpfer des Geisterjägers John Sinclair. Am 13. Juli 1973 – also vor 37 Jahren – eröffnete der Roman „Die Nacht des Hexers“ die neue Romanheft-Gruselserie „Gespenster-Krimi“ aus dem Hause Bastei. Inzwischen sind über 1700 „John Sinclair“-Romane erschienen, die Gesamtauflage der Serie beträgt laut Verlag über 250 Millionen Exemplare.

_Der Produzent_

Oliver Döring, Jahrgang 1969, der seit 1992 ein gefragter Allrounder in der Medienbranche ist. „Als Autor, Regisseur und Produzent der ‚John Sinclair‘-Hörspiele hat er neue Maßstäbe in der Audio-Unterhaltung gesetzt und ‚Breitwandkino für den Kopf‘ geschaffen“, behauptet der Verlag. Immerhin: Dörings preisgekröntes Sinclair-Spezial-Hörspiel „Der Anfang“ hielt sich nach Verlagsangaben wochenlang in den deutschen Charts.

Buch und Regie: Oliver Döring
Realisation: Patrick Simon
Tontechnik und Schnitt: ear2brain productions
Hörspielmusik: Christian Hagitte, Simon Bertling, Florian Göbels
Produktion: Alex Stelkens (WortArt) und Marc Sieper (Lübbe Audio)

Mehr Infos gibt es unter: [www.sinclair-hoerspiele.de]http:// www.sinclair-hoerspiele.de
und [www.wortart.de]http:// www.wortart.de (ohne Gewähr)

_Die Sprecher/Die Inszenierung_

Frank Glaubrecht spricht den Geisterjäger himself und ist die deutsche Stimme von Al Pacino.
Joachim Kerzel, die deutsche Stimme von Jack Nicholson und Dustin Hoffman, spricht den Erzähler.
Suko: Martin May
Jane Collins: Franziska Pigulla
Sir James Powell: Karlheinz Tafel
Glenda Perkins: Ilya Welter
Sheila Collins: Daniela Hoffmann (Stimme von Julia Roberts)
Myxin: Eberhard Prüter
Kara: Susanna Bonaséwicz
Asmodina: Martina Treger
Spuk: Boris Tessmann
Maddox: Walter Gontermann
Rick Hunter: Philipp Schepmann
Logan Costello: Bernd Vollbrecht
Bonzo Pagonetta: Raimund Krone
Ansage: Fred Bogner

Die Macher der „Geisterjäger“-Hörspiele suchen ihren Vorteil im zunehmend schärfer werdenden Wettbewerb der Hörbuchproduktionen offensichtlich darin, dass sie dem Zuhörer nicht nur spannende Gruselunterhaltung bieten, sondern ihm dabei auch noch das Gefühl geben, in einem Film voller Hollywoodstars zu sitzen. Allerdings darf sich niemand auf vergangenen Lorbeeren ausruhen: bloßes Namedropping zieht nicht, und So-tun-als-ob ebenfalls nicht.

Die Sprecher, die vom Starruhm der synchronisierten Vorbilder zehren, müssen selbst ebenfalls ihre erworbenen Sprechfähigkeiten in die Waagschale werfen. Zum Glück tun Pigulla, Kerzel, Glaubrecht und Co. dies in hervorragender und glaubwürdiger Weise. Statt gewisse Anfänger zu engagieren, die mangels Erfahrung bei den zahlreichen emotionalen Szenen unter- oder übertreiben könnten, beruht der Erfolg dieser Hörspielreihe ganz wesentlich darauf, dass hier zumeist langjährige Profis mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Sätze vorzutragen wissen.

Übertriebene Ausdrucksweisen heben die Figuren in den Bereich von Games- und Comicfiguren. Das kann bei jugendlichen Hörern ein Vorteil sein. Die Figuren schreien wütend, fauchen hasserfüllt oder lachen hämisch. Besonders unheimlich ist die Darstellung des Spuk, eines wirklich mächtigen Dämons. Leider erfahren wir rein gar nichts über seine Herkunft und Entstehung. Auch alle anderen Figuren muss der Hörer bereits kennen, um sie zuordnen zu können.

|Geräusche|

Die Geräusche sind genau die Gleichen, wie man sie in einem halbwegs realistischen Genre-Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Schlüsselszenen recht stimmungsvoll aufgebaut. Insbesondere die Szenen in der Hölle sind stilecht mit viel Hall und Donner aufgebaut. Auch ein Energiezischen kommt mal vor, und dass Schreie obligatorisch sind, versteht sich von selbst. Schließlich ist dies hier die Hölle und kein Kindergeburtstag (obwohl gestressten Eltern der Unterschied wirklich nur minimal erscheinen mag).

|Musik|

Die Musik gibt ziemlich genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und leitet in den kurzen Pausen bzw. Übergängen gleich zur nächsten Szene über. Sie wurde von einem Orchester eingespielt, und so entsteht der Eindruck, die Begleitmusik zu einem alten Hollywood- oder British-Horror-Movie zu hören.

Stets gibt die Musik genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und ist mit einem klassischem Instrumentarium produziert. Mit einer einzigen Ausnahme: Die Titelmelodie der Serie erschallt in einem hämmernden Rock-Rhythmus aus den Lautsprecherboxen. Sehr sympathisch.

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

|Booklet etc.|

… enthält im Innenteil Angaben über die zahlreichen Sprecher und die Macher. Darunter weist der Verlag auf den offiziellen JOHN-SINCLAIR-Song „CAIN – Age of Darkness“ hin, der „auf allen bekannten Musik-Downloadportalen“ zur Verfügung stehe.

_Unterm Strich_

Diese Folge ist der Auftakt zu einer komplex angelegten Doppelfolge. Nach einem Start in den Londoner Gefilden des Diesseits folgt eine schrittweise Verlagerung in die höllischen Regionen, vor allem ins Labyrinth der Angst des Spuks. Diese dämonische Figur wird in der Serie meines Wissens neu eingeführt, entbehrt aber keineswegs der höllischen Zutaten, wie etwa Grausamkeit, Hinterlist und Schadenfreude.

Glenda Perkins und Jane Collins haben nichts zu lachen und können nur hoffen, von John Sinclair gerettet zu werden. Aber kann es John mit Asmodina und dem Spuk gleichzeitig aufnehmen, fragt sich der Hörer. Die Antwort erfolgt hoffentlich in der Fortsetzung. Auch die Frage nach der Herkunft und Entstehung des Spuks wird bang erwartet, und auch die Figur des Rick Hunter gibt etliche Rätsel auf – eine weitere unvermittelt eingeführte Figur. Das lässt leider den Schluss zu, dass diese Doppelfolge vor allem für jene begierigen Leser geeignet ist, die kein Heft der Serie um John Sinclair verpasst hat.

|Das Hörspiel|

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Hollywoodstars vermitteln das richtige Kino-Feeling. Die Action kommt niemals zu kurz, was die Game-Freunde doch einigermaßen zufriedenstellen sollte.

|Audio-CD mit ca. 56 Minuten Spieldauer
ISBN-13: 978-3785742372|

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