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Buch-Reviews
Krakatau. Der Tag, an dem die Welt zerbrach (Winchester, Simon)
 |  | Auflage: September 2003 Erscheinungsjahr: 2003 ISBN: 3-8135-0224-4 Verlag: Knaus Genre: Sachbuch
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1 Review
Der 27. August 1883 ist ein Tag, den nicht nur die Augenzeugen Zeit ihres Lebens nicht mehr vergessen werden. Krakatau ist ein unbedeutendes Eiland in der ostindischen oder besser indonesischen Inselwelt zwischen Sumatra und Java. Batavia, die koloniale Handelsmetropole, liegt zwar nur einige Schiffsstunden entfernt an der javanischen Nordküste, aber auch dort hat seit jeher kaum jemand einen Gedanken an die von sich hin rumpelnde Vulkaninsel verschwendet. Hier und da hat die Erde in den letzten Monaten zwar gezittert, aber was soll schon geschehen? Die geschäftigen und geschäftstüchtigen niederländischen Kolonialherren haben Ostindien fest im Griff und sonnen sich im Glanz ihrer politischen, wirtschaftlichen und (angeblich) kulturellen Überlegenheit.
Aber tief unter der Erdoberfläche staut sich seit geraumer Zeit ein Gemisch aus heißem Gas und Magma an, das keinen Raum zum Entweichen findet. Als die Erdkruste dem Druck von unten nicht mehr standhalten kann, kommt es zur Katastrophe: Krakatau, eine Insel von 130 Quadratkilometern Größe, fliegt in die Luft, wird in Myriaden kleiner Stücke zerrissen. Der Knall wird noch 4.700 Kilometer entfernt vernommen. Die Druckwelle rast siebenmal um den Erdball. Das Wasser des Ozeans türmt sich zu mörderischen Wasserwänden auf, die den indonesischen Archipel heimsuchen und ganze Inseln tier- und menschenleer spülen. 36.000 unglückliche Insulaner verlieren ihr Leben. Das Klima der gesamten Erde wird auf Monate in Mitleidenschaft gezogen. Knapp 40 km hoch hat der sterbende Vulkan Asche, Staub und Steine geschleudert. Gigantische Wolken werden über den halben Globus getrieben, sorgen für einen quasi atomaren Winter und spektakuläre Sonnenuntergänge.
Die Welt nimmt atemlos Anteil an dem Desaster. Erst seit kurzer Zeit verbindet der Telegraf auch das bisher abgelegene Ostindien mit Europa und Nordamerika. Das frühe "globale Dorf" erfährt binnen kurzer Zeit und aus erster Hand von den furchtbaren Ereignissen. "Krakatau" ist d a s Wort der Stunde. Die Presse feiert Sternstunden. Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Katastrophe und suchen nach einer Erklärung. Doch obwohl die Welt des 19. Jahrhunderts geistig im Umbruch ist, fehlen noch die notwendigen Voraussetzungen. Erst viele Jahre später wird ein deutscher Forscher, von seiner Kollegen verlacht und geschnitten, den Schlüssel zum Krakatau-Geschehen finden ...
"Der Tag, an dem die Welt zerbrach" lautet der Unheil und Sensationen verkündende deutsche Untertitel dieses Buches. Auch im Original wird Ähnliches angedroht, aber dann glücklicherweise auf eine Weise verwirklicht, die den von Katastrophen angelockten Voyeur ordentlich vor den Kopf stößt. Hätte man sich eigentlich denken können: Auch wenn es bemerkenswert laut knallte an jenem Augusttag des Jahres 1883 (um es einmal untertreibend auszudrücken), zerriss es doch "nur" eine kleine Insel. D a s bringt unsere alte Erde nicht aus dem Gleichgewicht.
Nein, das Ende von Krakatau steht laut Winchester für ein anderes Finale: Der Untergang dieser Insel läutete das Ende der kolonialen Ordnung ein, die Ostindien politisch und religiös viele Jahrhunderte geprägt hatte. Die Mitglieder der bisher unterjochten Vielvölker-Inselwelt ließen sich nicht mehr aus Europa "fernsteuern", sondern forderten ihr Selbstbestimmungsrecht. Die taktisch als "Gottesstrafe" interpretierte Explosion kam besonders den aufstrebenden muslimischen Machthabern gut zupass, die ihren Einflussbereich aus dem arabischen in den indonesischen Raum erweitern wollten. Plötzlich offenbaren sich direkte Verknüpfungen zwischen dem scheinbar zeitlich und räumlich so fernen Krakatau und der unmittelbaren Gegenwart des 21. Jahrhunderts, das genau diesen "heiligen" Krieg immer noch andauern sieht.
Friedlicher verlief ein anderes Weltende: Die Wissenschaft sah sich nach Krakatau ernsten Fragen ausgesetzt. Wie konnte es geschehen, dass ein ganzer Landstrich von der Landkarte verschwand? Niemand wusste darauf eine überzeugende Antwort zu geben. Die Sicherheit, mit der die fortschrittlichen Geister des 19. Jahrhunderts vorgaben, bald auch das letzte Rätsel der Natur gelöst zu haben, erwies sich als Illusion. Neue Forschungsansätze mussten gesucht werden - und es gelang. Zwar dauerte es noch lange Zeit, bis die geforderten Erklärungen gefunden waren, was aber wegen der komplizierten und unerhörten geologischen Vorgänge, die ihnen zugrunde liegen, kein Wunder ist. Aber sie wurden schließlich entdeckt und entschlüsselt - Krakatau ist einer der wichtigen Auslöser.
Wir begreifen die Bedeutung dieses winzigen Punktes irgendwo im Indischen Ozean bald. Simon Winchester scheut keine Mühe, sie uns begreiflich zu machen. Er stellt die eigentliche Katastrophe zwar ins Zentrum seiner Darstellung, beschränkt sich aber längst nicht darauf. Die Geschichte von "Krakatau" setzt sehr viel früher ein und sie ist von Anfang an ein Steinchen im einem viel größeren Mosaik. Winchester entwirft das bunte Panorama des maliischen oder indonesischen Archipels, deren Bewohner schon vor dem August 1883 auf eine bewegte Historie zurückblickten. Er erinnert an die bemerkenswerte Tatsache, dass diese Inselwelt einst niederländisches Eigentum war - ein Kolonialreich, welches das Mutterland um ein Vielfaches an Ausdehnung übertraf.
Die Geschichte von Krakatau ist damit zwangsläufig auch die Geschichte von Batavia, die holländische Handelsstadt im Nordosten der Insel Java, eine exotische Mischung aus Alteuropa und Asien, eine heute vergessene Metropole, die das Pech hatte, quasi in Sichtweite eines nur ruhenden, längst nicht inaktiven Riesenvulkans errichtet zu werden. Niemand wusste es besser, aber es stellt sich die Frage, ob es die von sich eingenommenen kolonialen "Herren" für nötig befunden hätten, den Warnungen der "wilden" Einheimischen Gehör zu schenken. Die wussten nämlich schon längst, was die "zivilisierten" Europäer erst auf die harte Tour lernen mussten: Indonesien ist ein unruhiger Ort, an dem es ständig kracht.
Was daran liegt, dass es die Reibungszone zwischen zwei Erdschollen bildet, die hier immer wieder aneinander geraten. Der komplexen Materie der kontinentalen Verschiebung und ihrer schwierigen wissenschaftlichen Geburt widmet Winchester breiten Raum. Das ist hier und da zwar etwas fachspezifisch, aber es lohnt sich, weil es so viele Dinge über den Planeten lehrt, an den wir schließlich gefesselt sind.
Deshalb leuchtet es ein, dass Winchester seine Darstellung nicht mit den unmittelbaren Folgen der Krakatau-Katastrophe schließt. Es gibt ein Nachspiel, das bis auf den heutigen Tag nachwirkt: An der Stelle des zu Staub zerblasenen "alten" Krakatau hat sich inzwischen ein neuer Vulkan aufgebaut, der sich um zwölf Meter pro Jahr (!) in die Höhe schraubt. Der Wissenschaft ist inzwischen völlig klar, dass sich eines vielleicht nicht allzu fernen Tages das Ereignis von 1883 wiederholen wird, da sich an den geologischen Gegebenheiten nichts verändert hat. Unter dieser Prämisse wird Winchesters Reise auf die junge Insel Anak Krakatau zu einem wahrlich unheimlichen Trip, der uns gemeinsam mit dem Verfasser die unbehagliche Realität verdeutlicht, dass wir auf einer ziemlich dünnen und gar nicht stabilen Erdkrustenschicht über einem echten Höllenfeuer leben.
Wenn wir, die Leser, uns von Winchester noch etwas wünschen dürften, dann wären es sicherlich mehr zeitgenössische Fotos. Andererseits ist es verständlich, dass sich deren Zahl in Grenzen hält: Das Fotografien war - zumal in entlegenen Gegenden - Anno 1883 noch recht kompliziert und Krakatau kein Ort, an den sich ein Fotograf unbedingt begeben hätte. Als dann der Untergang begann, hatten die Menschen Besseres zu tun als die Katastrophe im Bild festzuhalten. Später machte die Forschung lange einen Bogen um Krakatau; eine ihrer modernen Sünden, derer sie sich inzwischen bewusst geworden ist und für Abhilfe gesorgt hat.
Winchesters Reise zum Vulkan bietet ihm abschließend die Möglichkeit, das alte Ostindien mit dem modernen Indonesien zu vergleichen. Er ergeht sich weder in kolonialer Nostalgie noch in kritiklosem Unabhängigkeits-Jubel. Auch das unabhängige Indonesien ist alles andere als das Paradies auf Erden - und das liegt ganz sicher nicht ausschließlich an den bösen Industrieländern. Winchester nennt die Verantwortlichen beim Namen und dürfte sich damit nicht nur Freunde machen, weil er politisch unkorrekt viele selbst ernannte Heilsbringer dieser unruhigen Region demaskiert. Auch hierfür lässt sich der August 1883 als Startfanal fixieren, auch wenn der Zusammenhang hier womöglich ein wenig zu stark konstruiert wurde. An der Faszination dieses Buches ändert dies freilich überhaupt nichts.
Simon Winchester vertritt offenbar die Meinung, man müsse als erfolgreicher Autor in der heutigen Zeit zwar eine Website halten, doch er gedenkt nicht, allzu viel Zeit darin zu investieren; http://www.simonwinchester.com ist zwar recht elegant layoutet, doch besonders im biografischen Teil praktisch ohne Inhalt. Nicht einmal sein Geburtsdatum gedenkt Winchester zu verraten (hier sei es nachgereicht: 1944), deshalb einige Grunddaten: Der Verfasser ist Brite, studierter Geologe und passionierter Weltreisender, seit er 1965 an einer wissenschaftlichen Grönland-Expedition teilnahm. Längst hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet als Journalist, der Sachbücher über seine ausgedehnten Reisen in die entlegenen Gegenden der Erde, aber auch in die Weiten der menschlichen Gedankenwelt schreibt. Ein früherer Bestseller ist beispielsweise "The Surgeon of Crowthorne. A Tale of Murder, Madness and the Love of Words" (1998, dt. "Der Mann, der die Wörter liebte", btb/Wilhelm-Goldmann-Verlag Nr. 72643). Michael Drewniok [23.12.2004]
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