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Buch-Reviews

Reiseziel: Mond (Heinlein, Robert A.)

Auflage: November 2001
Erscheinungsjahr: 2001
ISBN: 3-404-24293-9
Verlag: Bastei Lübbe
Genre: Fantasy / Science-Fiction

1 Review

Drei wackere Jungens mit echtem Pionierblut in den Adern sind es, die irgendwo im Mittelwesten uramerikanische Tugenden mit neuem Leben erfüllen. Statt ihre Zeit mit Müßiggang zu vertun, alte Autos zu frisieren oder gar (äh-bäh!) den Mädchen nachzusteigen, drücken sie lieber fleißig die Schulbank und saugen begierig auf, was fachkundige Lehrkräfte ihnen engagiert eintrichtern. Sobald die Hausarbeit getan und die Familienkuh gemolken ist, laufen Ross Jenkins, Arthur Mueller und Maurice "Morrie" Abrams in den Wald zu ihrer privaten Versuchsstation. Der "Galileo-Klub" bastelt und testet dort voller Hingabe überdimensionale Raketenmodelle, um in der Praxis nachzuvollziehen, was die Herzen echter Kerle mit Grips in den Köpfen bewegt.

Da in Robert A. Heinleins kleiner Welt das Schicksal stets mit dem Tüchtigen ist, dauert es gar nicht lange, bis ein weiser Mann aufmerksam auf das kleine Stück Raketen-Glück wird. Siehe, Art Muellers Onkel ist der berühmte Atomphysiker Dr. Donald Cargraves, kürzlich für den Nobelpreis zumindest vorgeschlagen und auch sonst ein rechter Daniel Düsentrieb vor dem Herrn! Gerade hat er seine gut dotierte Stellung bei einem großen Konzern hingeworfen, weil man ihm dort die Realisierung seiner großen Vision verwehrte: die erste bemannte Weltraumfahrt zum Mond!

Dabei sind die technischen Voraussetzungen längst gegeben. Schießt man nicht die Post inzwischen per Rakete über den Atlantik? Will man sich denn die wunderbaren Segnungen der Atomkraft nicht endlich zu Eigen machen? Und ist es nicht auch aus patriotischen und strategischen (die Übergänge sind da fließend) Gründen höchste Eisenbahn, den Mond zu erobern, wo doch gleich um die Ecke die finsteren Russen Anstalten dazu machen, dies im Namen von Lenin und Stalin zu tun? Aber ach; träge ist Gottes liebste Nation nur ein Jahrzehnt nach dem so glorreich gewonnenen II. Weltkrieg geworden. Schnöde Buchhalter-Naturen bremsen Dr. Cargraves’ Höhenflug. Mindestens eine Million Dollar würde es kosten, einen Menschen auf den Mond zu bringen, haben sie ihm vorgerechnet!

Diese Kleingeister! Dr. Cargraves weiß, dass mit harter Arbeit und Köpfchen diese ungeheuerliche Summe auf einen Bruchteil zu reduzieren ist. Er heuert seinen Neffen und dessen treue Freunde an, erwirbt eine alte Postrakete und zieht sich mit seinen Gehilfen in eine alte Atombomben-Teststation in der Wüste von New Mexico zurück. Des Nachts traulich beschienen vom sanften Glosen diverser Ground Zeros im Umfeld ihrer Werkstatt (ist aber völlig ungefährlich!), dengelt das agile Quartett das revolutionäre Atom-Raumschiff "Galileo" zusammen. Glücklicherweise ist der freie Unternehmergeist in den USA noch nicht gänzlich erloschen, so dass Cargraves seine private Mondfahrt ohne Einwände seitens des Staates durchführen kann. Praktisch auch, dass Atomphysiker in diesem großartigen Land das dazu nötige spaltbare Material gratis und per Post beziehen können!

Und so geht es schließlich mit großem Hallo hinauf zum Erdtrabanten, auf dem unsere Reisenden zur großen Verblüffung ein paar alte und ziemlich unangenehme Bekannte vorfinden werden ...


Gibt es eigentlich unter den Science-Fiction-Freunden von heute noch wie früher jene Armen im Geiste, die glauben, sich für ihre Freude am geliebten Weltraum-Schund mit dem Hinweis entschuldigen zu müssen, dass sie durch ihn auf "die Zukunft" vorbereitet würden, um darob besser an vorderster Front des Lebenskampfes mitmischen zu können? Falls ja, dürfte ihnen die Lektüre dieses angeblichen Genre-Klassikers nachhaltig den Boden unter den Füßen wegziehen!

Dabei war Robert Anson Heinlein (1908-1989), dessen Name in der Welt der SF einen Hall wie Donnerklang besitzt, 1947 nachdrücklich mit dem Ziel angetreten, die Jugend seines Landes unterhaltsam zu bilden und darauf vorzubereiten, die Vormachtstellung, die sie als Bürger des Paradieses auf Erden (= der Vereinigten Staaten von Amerika) innehatten, möglichst bald auf das All auszudehnen, bevor der böse Erzfeind (= die UdSSR) oder der zumindest verdächtige Rest der Welt ihnen dabei zuvorkam.

Da Wissen zumindest dann Macht ist, wenn die Waffen gerade schweigen, sah Heinlein seine Aufgabe darin, neue Soldaten für den Dienst an Rechenschieber und Reagenzglas zu rekrutieren. Offensichtlich war ihm jedes Mittel recht, diesen Kreuzzug zum Sieg zu führen. Drei profilarme Streber-Klone setzt Heinlein in die Welt, die auf plumpe Weise "seine" Vereinigten Staaten verkörpern, den Schmelztiegel, in dem jeder (fast) unabhängig von Rasse und Religion seines eigenen Glückes Schmied ist: einen waschechten Angelsachsen, einen Sohn fleißiger Einwanderer und sogar einen Juden (obwohl diese sensationelle Tatsache mit keinem Wort Erwähnung findet): Tick, Trick und Track des Atomzeitalters. Sie sind in der Tat schwer auseinander zu halten; die Figurenzeichnung war nie Heinleins Stärke, und hier war sie auch gar nicht erforderlich. Ross, Art und Morrie sind nichts als leere Leinwände, auf die Heinlein projiziert, was seine jungen Leser sehen sollen.

Weil Vertrauen gut, aber Anleitung besser ist, setzt er dem Trio den oberschlauen Dr. Cargraves vor die Nase. Heinleins lebenslange Vorliebe für Führergestalten ist über jeden faschistischen Verdacht zwar erhaben (als erklärter Feind jeglicher Bürokraten war er quasi von Natur aus ein Gegner der Nazis), aber dadurch nicht weniger unerträglich. Junge Menschen müssen geführt werden, und eigentlich wollen sie das auch, so sein Credo: "Nach dem Lunch unterhielten sich die Erwachsenen, während die Jugendlichen zuhörten." (S. 31). Ja, so funktioniert die wackere, neue Welt der Zukunft, denn sonst regiert die Anarchie: "Die Schwierigkeit liegt darin, Morrie, dass die amerikanische Jugend frei und unbekümmert heranwächst. Das ist in Ordnung, mir gefällt das. Aber einmal kommt der Zeitpunkt, an dem das nicht ausreicht, und man in bestimmten Situationen bereit sein muss, Befehle entgegenzunehmen, um sie ohne Murren und ohne Widerspruch auszuführen." (S. 80/81) Glückliches Amerika, wo die Cargraves und Heinleins gern bereit sind, diese wichtige pädagogische Aufgabe zu übernehmen! Ross, Art und Morrie sind gewiss nicht so dumm wie die deutschen Schulkinder des 21. Jahrhunderts, denn Ordnung und Disziplin herrschen in ihrem Leben! Was geschähe, wenn sie sich nach einem Wüstentag anstrengenden Raketenblech-Falzens lieber bei einem guten Tropfen statt mit dem Berechnen von Flugbahnen zum Mond entspannen wollten, erfahren wir allerdings nicht; in seiner literarischen Welt hat Heinlein das Sagen, und in ihr kommen Abweichler, Zauderer und Zweifler nicht vor!

Die Selbstverständlichkeit, mit der Heinlein seine gesichtslosen Protagonisten schleift, sowie die Begeisterung, mit der diese sich das gefallen lassen, lässt dabei nicht halb so heftig erschaudern wie das Wissen darum, dass "Rocket Ship Galileo" anno 1947 in den USA sehr gelobt wurde und heute wie gesagt als Klassiker des SF-Genres gilt. Obwohl Heinlein als John Wayne der Schriftstellerzunft bekannt geworden ist und sich die Welt aus seiner Sicht ganz einfach in zwei Kategorien, nämlich entweder weiß oder schwarz (bzw. rot), einteilen lässt, kann man ihn doch als typischen Repräsentanten seiner Ära betrachten: "Reiseziel: Mond" wurde geschrieben nach den politischen und gesellschaftlichen Normen seiner Zeit; eine Zeit, in der man wirklich nicht gelebt haben bzw. jung gewesen sein möchte!

Dies ist nicht mit der spöttischen Überlegenheit des fünf Jahrzehnte jüngeren und dadurch "klügeren" Zeitgenossen geschrieben. Seine Vereinfachungen und kapitalen Fehler darf man Heinlein nicht ankreiden. Er stützte sich auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Epoche, in der vieles unbekannt war, was heute Allgemeinwissen geworden ist. Natürlich ist es lächerlich zu lesen, wie der Mond mit einem getunten Feuerwerkskörper erreicht und in aufgerüsteten Taucheranzügen betreten wird. Doch viel schlimmer ist Heinleins Hang, die ohnehin holprige Handlung wieder und wieder durch ellenlange und öde populärwissenschaftliche Vorlesungen über Raumfahrt, Mathematik oder Physik zu unterbrechen. "Reiseziel: Mond" demonstriert die schlimmste Sünde der Pädagogik: den erhobenen Zeigefinger! Für einen Schriftsteller, der 1947 schon auf einige "Dienstjahre" zurückblicken konnte und als Autor von Kurzgeschichten mit Recht SF-Geschichte schrieb, hat Heinlein hier ebenso erstaunlich wie schmählich versagt!

Schwer erträglich ist Heinleins Hang zu groben und grobschlächtigen Vereinfachungen. "Reiseziel: Mond" ist ein Roman für die Jugend, das muss man sich immer wieder vor Augen führen. Die Realisierung einer Fahrt zum Mond auf Kasperletheater-Niveau mag dadurch entschuldigt werden. Doch wir hören 1947 schon den Heinlein von 1987; einen Mann, der Experten Zeit seines Lebens misstraute, einfache Antworten auch oder gerade für komplexe Fragen favorisierte und ehrlich davon überzeugt war, der Amerikanische Traum werde wahr, wenn man sich nur um ihn bemühe: "Eine Schule besteht aus einem Stück Fußboden mit dem Schüler an einem Ende und dem Lehrer am anderen." (S. 166) Das ist die Quelle, die Heinleins Himmelsstürmer hervorbringt!

Allerdings wird diese Holzhammer-Philosophie durch den zweifelhaften Höhepunkt dieser Mond-Geschichte mühelos in den Schatten gestellt. Endlich erfährt man, wieso "Reiseziel: Mond" hierzulande bisher nur in einer drastisch gekürzten und "entschärften" Fassung auf den Buchmarkt kam: Auf dem Mond haben sich ausgerechnet die Nazis eingenistet und schicken sich an, das "Dritte Reich" per Atomschlag aus dem Weltall neu zu errichten! Der II. Weltkrieg und der Nazi-Schrecken lagen gerade zwei Jahre zurück, als Heinlein "Reiseziel: Mond" schrieb. Kein Wunder, dass er die historische Vorlage dankbar aufgriff. Auch die Kritik der politisch Korrekten musste Heinlein nicht fürchten, denn 1947 hätte in den USA niemand verstanden, wieso man den niedergerungenen Feind nicht als Vorzeige-Buhmann vorführen konnte. Und führt Heinlein außerdem mit Art Mueller nicht einen "guten Deutschen" ausgleichend in die Handlung ein?

In Deutschland sah man dies naturgemäß etwas anders. Romane von Robert A. Heinlein wurden hier ab den 50er Jahren in Übersetzung veröffentlicht und gewannen rasch an Popularität. Da sich die gern besungene Toleranz der Science-Fiction-Leser allerdings eher auf landende Außerirdische als auf die eigenen Artgenossen beschränkte, war es um die Akzeptanz eines Haut-die-Nazis-Garns schlecht bestellt. Nicht, dass besagte Leser die Chance gehabt hätten, in dieser Angelegenheit selbst zu entscheiden; dies übernahm für sie der Gebrüder-Weiß-Verlag, der "Rocket Ship Galileo" 1951 auf den Markt brachte. Die hier "bearbeitete" Fassung überlebte ein halbes Jahrhundert, bis der Bastei-Lübbe-Verlag den Originaltext übersetzen ließ. Das ist allerdings keine Wiederentdeckung, die Freude bereitet, oder gar "alle Qualitäten [zeigt], die Heinlein besitzt", wie der Klappentext tönt, denn gar zu dürftig sind Inhalt und Form, was selbst der Nostalgie-Faktor nicht mehr vergolden kann.

Michael Drewniok [12.12.2004]

 

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