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Buch-Reviews

Zorn, Der (Marquet, Denis)

Auflage: Mai 2004
Erscheinungsjahr: 2002
ISBN: 3-404-15134-8
Verlag: Bastei Lübbe
Genre: Fantasy / Science-Fiction

1 Review

Unheimliches geht vor in den USA: Die Bevölkerung ganzer Kleinstädte geht Blut spuckend zu Boden, brave Hunde beißen guten Menschen die Kehlen durch, das Meer verwandelt sich für Schwimmer in Fliegenleim, Obst fällt von den Bäumen ... Die Plagen muten biblisch an, und sie nehmen kein Ende, so sehr sich die Regierung auch bemüht, dies zu vertuschen, um eine "Panik" unter ihren offensichtlich chronisch unmündigen und wenig belastbaren Landeskindern zu verhindern.

Dafür ist Colonel Bosman, der über Fort Detrick herrscht, das medizinische Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten der US-Army, sicherlich der richtige Mann. Er liebt seinen Job und sorgt dafür, dass keine Terroristen oder schlappschwänzigen Zivilisten Giftviren über die Schwelle von God’s Own Country tragen. Ist es dabei notwendig, befallene Regionen mit Feuer und Schwert dem Erdboden gleich zu machen - nun, so ist das eben im Gefechtseinsatz, aber das verstehen sowieso nur echte Krieger mit dem Blick fürs Wesentliche!

Scharf im Auge behalten muss Boswell jedenfalls die jüngst angeheuerten Biologen Peter Basler und Greg Thomas. Sie wollen sich nur schwer den Mund zum Wohle des Landes verbieten lassen und sollen doch ein Gegenmittel gegen die beschriebenen Plagen finden. Thomas ist zudem abgelenkt. Er vermisst seine Gattin. Mary, eine Anthropologin, ist zur Zeit unterwegs im südamerikanischen Dschungel. Diego Legal, der berühmte Gelehrte, hat sie auf seine Expedition eingeladen. Er weiß schon, was tatsächlich los ist auf bzw. mit der Welt: Mutter Erde will sich nicht länger von den aufdringlichen Menschen piesacken lassen. Das umweltverschmutzende, naturausbeutende, sich unkontrolliert vermehrende Ungeziefer muss weg!

Hätten wir doch auf Warnungen von Greenpeace & Co. gehört! Jetzt ist es zu spät. Gier und Gleichgültigkeit bringen der Menschheit den (verdienten) Untergang. Den setzt Verfasser Marquet nunmehr ausführlich und liebevoll in Szene und erfreut damit die Herzen jener Propheten, die bisher hilflos und grimmig verfolgen mussten, wie wieder eine Umweltsau seinen Kaugummi neben den Mülleimer spuckte ...


Es ist leicht, Hohn und Spott über ein Werk wie "Der Zorn" zu gießen. Der Verfasser macht es dem Kritiker leider gar zu einfach. Nicht die Ausgangsidee ist zwangsläufig blöd; schon Arthur Conan Doyle hat die belebte Erde sehr unterhaltsam im Kampf gegen die lästigen Menschen gezeigt (in "Als die Erde schrie"/"When the World Screamed" von 1929). Marquet meint es freilich bitterernst. Damit versetzt er seiner Geschichte sogleich den Todesstoß, denn sie gerinnt zum tumben Ökotraktat, das zudem systematisch sämtliche Sünden abhakt, die uns gleichgültigen Zeitgenossen die chronisch bewegten Körnerpicker, Kristallschwenker oder Spinnenstreichler dieser Welt schon ewig predigen.

Die Fanatiker vergessen (im Gegensatz zu den Realisten) gar zu gern, dass Umweltschutz unzweifelhaft lebenswichtig ist, aber eben nicht erzwungen werden kann. Genau das wollen sie aber, und wenn es misslingt, dann ist es ihnen offenbar lieber - so lässt sich Marquets Opus auch deuten -, dass darüber die Welt untergeht. Nun ist Denis Marquet Philosoph mit Universitäts-Lehrstuhl. Damit gehört er zu einem Teilstamm der Wissenschaft, der sich eher selten Gehör in der breiten Öffentlichkeit verschaffen kann. Deshalb wählte Marquet jetzt anscheinend den Umweg über die Literatur. Was er als Philosoph taugt, kann Ihr Rezensent nicht beurteilen, aber als Schriftsteller ist er ganz gewiss eine Zumutung!

Eine Handlung als solche lässt sich im Grunde nicht feststellen. Seltsames geht vor auf der Welt; dafür werden immer neuen Beispiele geliefert. Bald entsteht beim Leser der Eindruck, Marquet habe immer dann, wenn ihm nicht einfallen wollte, wie seine Mär weitergehen könnte, einfach eine neue Attacke der entfesselten Natur inszeniert. Dazwischen erzählt er von Menschen, die das ökologische Mysterium enträtseln möchten - theoretisch, denn gleichzeitig träumt Marquet offenbar von großer Literatur und lässt seine Protagonisten in ausufernden Gemütsbeschreibungen, verquasten Seelenspiegelungen und Beziehungskisten-Basteleien schwelgen - dies leider nur auf Seifenoper-Niveau.

Wenn’s dann endlich einmal zur Sache geht, d. h. etwas geschehen muss, das einer Handlung oder gar "Action" gleichkommt, versagt Marquet endgültig. Seine Interpretation der großen weiten Welt, besonders aber des US-Alltags scheint von alten "MacGyver"-Episoden inspiriert worden zu sein (= wenn’s nicht pappig wackelt, ist’s nicht "echt" genug). Die unglaubwürdige und lachhafte Kulisse wird bevölkert mit Schießbudenfiguren wie Colonel Bosman, den wir unter anderem Namen, aber mit entsprechendem Kommisskopp-Gehabe in Filmen wie "Outbreak" oder "Dreamcatcher" kennen und hassen gelernt haben.

Ein kitschiges "Wir-fangen-auf-besenrein-gesintfluteter-Welt-neu-an-und-machen-es- dieses-Mal-besser"-Finale krönt das klägliche Machwerk, dessen offensichtlicher Bestseller-Erfolg (zumindest im französischen Nachbarland) genug echte Gründe zum Philosophieren gäbe - über die Macht der modernen Werbung nämlich, die in ihrem Hype die umweltzerstörenden Wölfe, die gleichgültigen Schafsköpfe und beider angeblich so scharfsichtigen Kritiker traulich zu einen weiß.

Generell gilt leider, dass Marquets Menschheit nichts als den Untergang verdient hat, sollten die von ihm in die literarische Welt gesetzten Schwachköpfe, Schwätzer und Langweiler ihre typischen Vertreter darstellen. Figurenzeichnung ist eigentlich nicht das prägende Merkmal des Thrillers, aber wenn du als Leser auf den Tod wirklich jedes Darstellers ungeduldig wartest, kann da etwas nicht in Ordnung sein ...

Ganz besonders hassen wir Peter, Greg & Mary, Gutmenschen der penetrant naiven Art, die von der rasenden Mutter Erde vermutlich nicht als Menschen erkannt, sondern gerechtfertigt irgendwo zwischen Salzwasserschwamm und Rindvieh einsortiert wurden. Gar sehr barmen sie mit ihren zahllosen Charakterschwächen, von denen zu erzählen Verfasser Marquet niemals müde wird. Ansonsten stellen sie sich bei ihren Versuchen, das Weltende zu erklären, in Wort und Tat so Nerven sägend bescheuert an, dass man sie durchaus verdächtigen könnte, mit besagter Erde heimlich zusammenzuarbeiten.

Marquet selbst hat sich möglicherweise die Rolle des Professors Legal auf den Leib geschrieben. Klugerweise hat er sich einen anderen Namen gegeben. Mit esoterischem Dummgefasel, wie es sich hier über den hilflosen Leser ergießt, möchte normalerweise nicht einmal ein Philosoph in Verbindung gebracht werden.

Aus Gründen der Objektivität sei abschließend angemerkt, dass die allgemeine Kritik mit "Der Zorn" sehr viel freundlicher umgegangen ist als Ihr Rezensent. Sogar enthusiastische Worte fallen da über einen "genialen Mystery-Thriller mit Tiefgang". Ein Mysterium ist es tatsächlich, dass sich dieser Buchsturm über das Wasserglas erhebt, in dem er sehr gut aufgehoben wäre.


"Ein 36-jähriger Philosophieprofessor aus Lyon" ist dieser Denis Marquet, der mit "Der Zorn" seinen Romanerstling abgeliefert hat. Gravierenderes als das lässt sich nicht eruieren, und Ihr Rezensent gibt offen zu, dass er nicht gewillt ist, viel Zeit darin zu investieren - da gibt es lohnendere Ziele! Wer wirklich wissen will, welcher Tiefgang sich (angeblich) hinter dem "Zorn" und seinem Verfasser ("ein Philosoph im Körper von Bruce Willis") verbirgt, wähle http://www.colere-le-roman.com. Der Verlag Albin Michel hat sich wirklich Mühe gegeben und eine eigene Website für und um diesen Roman gestrickt. Keine Sorge: Es gibt neben der französischen auch eine englische Version! (Zum Bersten komisch das Intro; während apokalyptische Kurznachrichten eingeblendet werden, schleicht sich aus dem kosmischen Hintergrund bedrohlich die Erde heran ...)

Michael Drewniok [25.11.2004]

 

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