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Buch-Reviews

Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums (Girard, René)

Auflage: August 2002
Erscheinungsjahr: 2002
ISBN: 3-446-20230-7
Verlag: Hanser
Genre: Philosophie, Religion und Spiritualität

1 Review

Die großen Weltreligionen sind im Niedergang, auch wenn derzeit noch einmal suggeriert wird, ein mächtiger Islam sei die große Bedrohung. Aber die fundamentalistische Gefahr geht in Wirklichkeit von kleinen Minderheiten aus und in den christianisierten Ländern kann kaum noch von einem Einfluss der Religionen auf die Gesellschaft gesprochen werden. René Girard übt mit seinen Werken einen großen Einfluss auf die Religionsgeschichte und Kulturanthropologie aus und im jüngsten Buch vergleicht er die jüdisch-christliche Religion mit ihr vorausgegangenen Mythen und stellt Ähnlichkeiten fest, die spektakulärer sind als die frühen Ethnologen erwarteten. Girard macht aus nichtreligiöser Beurteilung das Christentum zu einer neuen Religion.

Seine Sichtweise hat vor ihm noch niemand vertreten. In der Spirale der Gewalt sieht er das eigentliche Wesen des Satans: der Zerfall der Gesellschaft, der Krieg aller gegen alle. Aber Satan bietet auch die Wahl für einen Sündenbock und dessen einmütige Ermordung. Die Kreuzigung Christi als solche notwendige Tat zu erkennen, zielt auf eine Radikalisierung des christlichen Glaubens. Girard hält es für unausweichlich, dass eine Verwandlung des "Alle-gegen-alle", das die Gemeinschaft fragmentiert, nur durch ein "Alle-gegen-einen" ermöglicht wird. Nur so könne die Einheit der Gemeinschaft wieder hergestellt werden. Aufgrund solcher Gedankengänge wird Satan zum wahren Herrscher der Welt erhoben, dessen grandioser Machtanspruch darauf beruht, dass nur Satan fähig ist, den Satan auszutreiben. Damit ist er unentbehrlich und hat sich die Macht gesichert.

Lynchmord wird zu einer heroischen Tat, da sie wieder Frieden einkehren lässt, und das Opfer wird dabei göttlich und unsterblich. Kollektive Gewalt habe eine läuternde Wirkung. Um das eigene Gegengift zu erzeugen, muss sich die Gewalt erst mal übersteigern. Der Körper des Opfers wird mit dem Samen verglichen, der vergehen muss, um zu keimen. Dies wurde bereits in der biblischen Genesis mit der Ermordung Abels durch Kain festgelegt, welche der Autor als biblische Interpretation sämtlich vorhergehender Gründungsmythen ansieht. Gott schützt Kain und stellt sich hinter dessen Tat, da dieser Mord die Zivilisation begründet. Jedes Mal, wenn eine Kultur aufkommt, beginnt sie mit demselben Typus von Mord. Folglich steht Satan am Ursprung aller menschlichen Kulturkreise. Opferung ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

Um sein radikales Christentum von den alten heidnischen Mythologien abzugrenzen und über sie zu erheben, behauptet Girard, in den alten Opfergeschichten sei das Opfer immer schuldig und seine Verfolger im Recht. Das Verdienst am Christentum sei nun aber, dass das Opfer unschuldig sei und die Täter Sünder. Dies belegt er zwar auch ständig mit Beispielen sowohl im Alten wie im Neuen Testament, aber die Behauptung, dass das in den heidnischen Mythen anders gewesen sei, wird nirgends belegt und bleibt einfach postuliert. Dies ist der grundlegende Fehler und dahin richtet sich auch meine Kritik an den ansonsten durchaus interessanten Theorien. Meines Wissens nach ist es nämlich völlig anders, denn die frühen Opfer beruhten auf Freiwilligkeit und nicht auf Mord, wie er in der jüdisch-christlichen Mythologie stattfindet. Von daher beruhen die Thesen Girards auf einer infamen Lüge und glorifizieren eine verabscheuungswürdige Perversion, die tatsächlich Tradition hat, allerdings die der kriminellen monotheistischen Glaubensvorstellungen.

Girard entpuppt sich als Rattenfänger, der die Wahrheit verdreht. In seiner Rehabilitation des Christentums als einzigartige und bessere Religion führt er an, dass bis vor kurzem der Begriff Mythos in der Gesellschaft ein Synonym für Lüge war und im Volksmund bedeute er immer noch Lüge. Girard meint, der Volksmund habe Recht. Nein, der Volksmund hat nicht Recht, denn im Altgriechischen bedeutet Mythos "wahre Sprache". Die Umkehrung des Verhältnisses von Unschuld und Schuld zwischen Opfern und Henkern sei der Eckstein der biblischen Inspiration. Auch dies ist falsch, denn es gab im Heidentum keine Henker.

Sowohl das Judentum wie der Islam sehen im Christentum den Rückfall in den Polytheismus, denn mit der Kreuzigung wird ja im Grunde ein heidnischer Tod- und Auferstehungsmythos eines Gottes zelebriert. Auch hier entgegnet Girard mit der angeblichen Einzigartigkeit der Struktur des Christentums. Im Gegensatz zu früheren Mythen seien die Christen eine kleine Gemeinschaft einer Minderheit gewesen, die in Jesus keine Schuld sahen, an dessen Ermordung nicht teilnahmen und deswegen keine Entsprechung zu den Mythen haben. In diesem Bruch zum angeblich Bisherigen glaubt er die eigentliche Offenbarung zu erkennen. Im Glauben an die Unschuld liegt für ihn der Sieg über den Prozess der satanischen Selbsttäuschung der Massen. Mit diesem Resultat zieht Girard dann auch seinen Kopf aus der Schlinge des "Hexenjägers" und bekennt sich zur Unschuld und Nächstenliebe.

Jesus' Auferstehung als wahrer und einziger Gott sei die erste und einzige Auferstehung gewesen, im Gegensatz zu den vielen "falschen" Auferstehungen der heidnischen Mythen. Der Triumph des Kreuzes läge darin, dass gleichzeitig Satan und das Spiel seiner Macht ans Kreuz geschlagen wurden. Satan habe die Offenbarungsmacht unterschätzt. Das Licht des Kreuzes beraubt Satan seiner Macht, den Satan auszutreiben und er kann sich nur noch selbst vernichten. Die Natur der Mythen sei es gewesen, Gewalt zu verbergen, die Natur Christus sei, sie offen zu legen.

Girards Christentum ist revolutionär und schwierig zu verstehen. Seiner Meinung nach aber so einfach, dass Satan es selbst nicht verstanden habe. Oder besser gesagt, zu spät verstanden, um sein eigenes Reich noch schützen zu können. Das Kreuz war eine göttliche Falle, stärker als die Listen Satans. Christus war der Köder, den Gott auf den Angelhaken steckt, um Satan in die Falle zu locken. Schon die griechischen Kirchenväter vertraten die Auffassung, im Kreuz sei Satan der auf den eigenen Schwindel hereingefallene Schwindler.

Sehr ins Abseits stellt sich Girard nach dieser überraschenden Wende am Ende seines Buches aber dennoch erneut. Der Versuch der systematischen Vernichtung des jüdischen Volkes durch den Nationalsozialismus sei ebenfalls etwas anderes gewesen als vorherige Völkermorde. Das "geistige" Ziel des Hitlertums lag seiner Auffassung nach darin, zuerst Deutschland und dann ganz Europa der ihm aus der religiösen Tradition zugewachsenen Berufung, der Sorge um das Opfer, zu entreißen. Hätte Hitler gesiegt, hätte er belegen können, dass dank seiner die Sorge um das Opfer nicht mehr der unwiderrufliche Sinn unserer Geschichte ist. Hitler habe sich aber als unfähig erwiesen, diese Sorge auszurotten. Weit entfernt davon, die Sorge um die Opfer zu ersticken, habe er die Ausweitung dieser Sorge beschleunigt. Heutzutage würde durch ständige Überbietung die Sorge um die Opfer zu einer Dauerinquisition. Die Sorge um die Opfer würde antichristlich "radikalisiert". Aber eigentlich hätten die Nazis versucht, um das Christentum abzuschütteln, die Welt zu veranlassen, die Sorge um die Opfer konsequent aufzugeben.

Heidegger z. B. habe die Hoffnung auf eine vollständige Auslöschung des christlichen Einflusses und auf einen vollkommenen Neubeginn, auf einen neuen mythischen Zyklus, nicht aufgegeben. Vom Triumph der Sorge um die Opfer profitiere jedoch nicht das Christentum, sondern diejenigen, die sich diese zu Eigen machen und sie radikalisieren, um sie zu paganisieren. Diese Kräfte würden dem Christentum Verfolgung, Unterdrückung und Inquisition unterstellen. Das sei der Versuch Satans, seine Stellung wieder zu festigen, indem er sich der Sprache der Opfer bedient. Satan ahme Christus immer perfekter nach und scheine ihn sogar zu übertreffen. Der Neopaganismus wolle die Zehn Gebote und die gesamte jüdisch-christliche Moral als inakzeptable Gewalt erscheinen lassen, und deren Abschaffung sei sein erstes Ziel.

Die christliche Kirche sei aus Schuldgefühlen ihrer Taten (Inquisition etc.) heutzutage besonders anfällig für die ständige Erpressung durch diesen zeitgenössischen Neopaganismus. Für diesen läge das Glück in der grenzenlosen Erfüllung der Begehren (vor dem das zehnte Gebot warnt) und folglich in der Aufhebung aller Verbote. Da die Tage Satans gezählt seien, nütze er sie nun maximal aus und entfessle sich im wortwörtlichen Sinn. Christus könne aber den Menschen den wahren göttlichen Frieden nicht bringen, ohne uns zuvor den einzigen Frieden zu nehmen, den wir haben. Diesen zwangsläufig gefährlichen historischen Prozess würden wir derzeit erleben. Die Verzögerung der Apokalypse, die auf fehlendem Verständnis der Offenbarung beruhe, käme aufgrund der Individuen, die sich bemühen auf Gewalt zu verzichten und Vergeltung zu entwerten. Darin sieht Girard eine unerträgliche Ungerechtigkeit in einer Epoche der Pluralismen und Multikulturalismen. Er behauptet, wir opferten die Wahrheit dem Weltfrieden.

Erstaunlich am Buch ist, dass diesen kranken Gedanken Girards sein deutscher Verleger ein Nachwort von Peter Sloterdijk angefügt hat, das auf den ersten Seiten rein thematisch verfehlt scheint, denn Sloterdijk schreibt über Eros und Eifersucht und darüber, dass die Engel unsere Welt verlassen müssen, damit die Erzengel kommen können. Aber dann kritisiert er Girard schonungslos. Dessen Ambitionen für eine Neustiftung des Christentums hält er für lächerlich und er entlarvt ihn als Vertreter einer falsch verstandenen Gnosis im Gewande des Kulturtheoretikers. Auch belächelt er, dass Girard keine Notiz davon nahm, dass viele der nichtchristlichen Kulturen in ihrer Therapie des Begehrens um einiges fortgeschrittener waren als die christliche Religion. Als Nietzsche-Kenner wehrt er sich gegen die Behauptungen, die Girard über diesen anführt, und auch die Aussagen über den "Neopaganismus" weist er als theologisch-kulturkämpferisch zurück.

Ein Werk wie das von Girard darf nicht verboten, sondern muss diskutiert werden. Ein Lob an den Verlag, dies aber nicht kommentarlos veröffentlicht zu haben.

Über den Autor:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Girard

Berthold Röth [16.11.2004]

 

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