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Buch-Reviews

Hexenhammer (Hitchcock, Jane Stanton)

Auflage: Juni 1997
Erscheinungsjahr: 1997
ISBN: 3-442-72206-3
Verlag: btb (Goldmann)
Genre: Thriller & Krimis

1 Review

John O’Connell, passionierter und versierter Sammler alter Bücher und Handschriften, wird in seinem vornehmen New Yorker Stadthaus ermordet aufgefunden. Seine Tochter Beatrice ordnet die verwüstete Bibliothek und stellt dabei fest, dass offensichtlich nur ein bestimmtes Buch gestohlen wurde: jener Grimoire - ein Zauberbuch - aus dem Jahre 1670, den O’Connell ihr erst am Vorabend seines Todes gezeigt hatte.

Ebenfalls anwesend war der italienische Antiquar Giovanni Antonelli gewesen, ein alter Freund der Familie, der ein seltsam eindringliches Interesse an dem Grimoire gezeigt und O’Connell auf einen Verkauf angesprochen hatte, den dieser allerdings ablehnte. Das war offensichtlich sein Todesurteil, doch Antonelli ist nicht der Mörder, wie die von Beatrice informierte Polizei herausfindet.

Antonelli macht Beatrice mit dem jovialen Pater Morton bekannt, der sein Interesse an der Bibliothek ihres Vaters bekundet. Er möchte sie für das Duarte-Institut erwerben, einer privaten Einrichtung, in der angeblich philosophische Studien getrieben werden. Doch Beatrice ist vorsichtig; Morton erscheint ihr nicht ehrlich. Außerdem ist sie gewarnt; Simon Lovelock, ein Antiquar aus New York, den John O’Connell noch kurz vor seinem Ende wegen des Grimoires zu Rate gezogen hat, hält Morton für einen Lügner und das Duarte-Institut für einen gefährlichen Geheimbund.

Dass beides zutrifft, bestätigt Beatrice Stephen Carson, ihr Ex-Gatte, der sich als Journalist in Südamerika aufgehalten hat, um dort über den organisierten Rauschgifthandel zu recherchieren. Dabei ist er auf die Spur einer ultrarechten kirchlichen Geheimtruppe gestoßen, die hier offenbar mitmischt und auch sonst vor keiner Übeltat zurückschreckt: die "Defensores Fidei" - gegründet von Inigo Duarte, einem fundamentalistischen Ex-Priester aus dem Kreis um Papst Pius XII.!

Die selbst ernannten "Verteidiger des (wahren) Glaubens" haben ihr Hauptquartier in Duartes "Institut" aufgeschlagen. Von dort planen sie, die Welt von der Sünde zu befreien - mit allen Mitteln, die systematischen Mord keineswegs ausschließen! Besonders gefährdet sind Frauen, denn die "Defensores" haben zu ihrer "Bibel" ausgerechnet den "Hexenhammer" erkoren. 1487 von zwei ebenso fanatischen wie frauenfeindlichen deutschen Dominikanermönchen verfasst, wurde dieses Buch für zweieinhalb Jahrhunderte europaweit zum Handbuch für Hexenjäger. Die irrwitzig-verquere "Logik" des "Hexenhammers" wird von den "Defensores" für bare Münze genommen. Wie Stephen entdeckt, haben sie zur modernen Hexenjagd geblasen. Seit einigen Jahren verschwinden überall in den USA Frauen, die sich politisch und kulturell aktiv betätigen und dabei liberale Ziele verfolgen.

Der Geheimbund strebt die Weltherrschaft an. Noch reichen die finanziellen Mittel nicht aus, die dafür erforderlichen "Truppen" zu rekrutieren. Aus diesem Grund ist das Grimoire für die "Defensores" so wichtig: Es stellt den Schlüssel zu einem gewaltigen Vermögen dar, das einst Nazi-Marschall Hermann Göring heimlich zusammenraffen und auf ein Schweizer Bankkonto schaffen ließ, wo es noch heute liegt! Aber das ist nur eine Station auf Beatrices Reise in die düstere Vergangenheit der "Defensores Fidei", nachdem sie den Grimoire in einem geheimen Versteck ihres Vaters gefunden hat. Die Suche nach der Wahrheit führt sie nach Europa - und auf die Spur einer ungeheuerlichen Verschwörung, die Beatrice durch die verbotenen Archive des Vatikans direkt in die Fänge der "Defensores" führen wird ...


Uralte Geheimbünde und ihre Verschwörungen haben (wieder) Konjunktur, seit die beiden "Playboy"-Redakteure Robert A. Wilson und Robert Shea in den psychedelischen Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts die "Illuminaten" ihr Unwesen treiben ließen. Nun schossen sie wie Pilze aus dem Boden, die nur im Verborgenen so richtig gedeihenden Organisationen, und rasch begannen bestimmte Elemente die Histörchen über ihr finsteres Treiben hinter den Kulissen der "offiziellen" Weltpolitik zu beschreiben, wo sie angeblich seit ewigen Zeiten die Fäden ziehen. Meist startet die "alternative" Geschichtsschreibung mit der Suche nach dem Heiligen Gral, bezieht die Merowinger, später die Tempelritter und ganz sicher die Freimaurer ein und vergisst selbstverständlich die dumpf mythentümelnden Nazis nicht. Da über diese Kapitel der Menschheitsgeschichte praktischerweise meist nicht viel bekannt ist, kann man sie so zusammensetzen, wie man es gern hätte, und die Lücken mit allerlei selbst gebrautem "Wissen" füllen.

Adolf der Schreckliche bekommt denn auch seinen obligatorischen Gastauftritt im "Hexenhammer", mit dem Jane Stanton Hitchcock ihre Version der Schauermär von den Schattenmännern präsentiert. Sie hat sich einerseits sichtlich Mühe gegeben, ist tief in einen Sumpf unbewiesener Mythen, Halbwahrheiten und Lügen hinabgestiegen und hat aus dem, was sie dort fand, ein wüstes, aber zunächst packendes Garn gestrickt, dem die kurze Inhaltsangabe weiter oben nicht annähernd gerecht werden kann.

Leider mochte sich die Autorin nicht auf den Unterhaltungswert ihrer Komplott-Story verlassen: Eine "Botschaft" musste her, um das Werk aus den Untiefen schnöder Kolportage hinauf in die lichten Gefilde "richtiger" Kunst zu ziehen. Hitchcock fand sie nach einem Salto rückwärts in die feministische Steinzeit, indem sie die Hexenverfolgungen des späten 15. bis frühen 18. Jahrhunderts als patriarchalischen Vernichtungskrieg der Männer gegen die Frauen deutet, der diese von den Schalthebeln der Macht fernhalten sollte, und den "Hexenhammer" zum Manifest (à la "Mein Kampf"?) dieses "Hexen-Holokaustes" erhebt.

Nun hat die "Vernichtung der weisen Frauen" - so der Titel eines in den frühen 80er Jahren zum Bestseller avancierten Sach(Märchen)buches - als monokausale "Erklärung" der frühneuzeitlichen Hexenjagden längst ausgedient. Doch ein harter Kern verblendeter Brachial-Frauenrechtler (in Deutschland komischerweise von zwei Männern - Gunnar Heinsohn und Otto Steiger - angeführt) mag von der lieb gewonnenen Chauvinisten-Verschwörung nicht lassen - und genau diesen ist Hitchcock auf den Leim gekrochen. Sie geht sogar noch weiter und sieht "die Männer" - aus ihrer Sicht offensichtlich ein manichäischer Haufen, der bei konspirativen Treffen (wohl auf verschwiegenen Fußballplätzen oder vielleicht im Internet) regelmäßig seine Ränke schmiedet - auch heute noch im erbitterten 'Kampf' (und sie meint dies buchstäblich!) gegen die Frauen.

Aber Hitchcock weiß Rat, wie frau sich behaupten kann: Sie muss dem Vorbild der Hexen folgen und die urzeitliche Kraft des ewig Weiblichen neu entfachen! Beatrice, die graue Maus, entdeckt denn auch bald "die Wölfin" in sich - und siehe! Nun ist sie frei - frei, sich einen feurigen Latin Lover von der Straße fürs Bett zu fangen oder einem degenerierten Adligen den welken Arsch zu gerben: Rollen also, in denen umgekehrt Männer "ihre" Frauen Tag und Nacht gern sehen, wie Hitchcock zu wissen glaubt.

Ein erster Gipfel der Peinlichkeiten wird erklommen, als Beatrice in einem Sado/Maso-Laden ein Lack-und-Leder-Kostüm erwirbt, um so als "Hexe" verkleidet (sic!) ihrem Ex- und Bald-wieder-Ehemann im Schlafzimmer entgegenzutreten. Der Schock über diesen Anblick fährt Stephen tüchtig ins Gemächt, was sich höchst ungünstig auf die geplante Liebesnacht auswirkt. Beatrice findet Trost in der Vorstellung, dass wohl der Schock, statt des "Weibchens" plötzlich einer ebenbürtigen oder sogar überlegenen "Frau" gegenüberzustehen, Stephens Lenden lähmte, ohne dass ihr bzw. ihrer geistigen Mutter auch nur der Gedanke kommt, sie habe sich nicht nur durch den halloweenesken Auftritt, sondern auch durch die bonsaipsychologische Deutung der Situation doppelt lächerlich gemacht.

Der "Hexenhammer" fällt im letzten Drittel endgültig vom Stiel. Das große Finale Nr. 1 in den Gewölben der modernen Inquisition - die nun in den Vereinigten Staaten beheimatet ist - ist derartig lächerlich misslungen, dass man sich bei der Lektüre für die Autorin schämen muss. Schäumende Irre im Taumel sadistischer Frauenmartern, dazwischen die Heldin, die ihren Peinigern zwischen Streckbank und Scheiterhaufen hoch erhobenes Hauptes Paroli bietet, während praktisch jede Person, die bisher im Roman Erwähnung fand, plötzlich unter einer Kapuze (männlich) oder vor dem Tribunal (weiblich) zum Vorschein kommt.

Finale 2 - der Schurke wird gestellt - mutet in seiner Banalität wie eine ungeschickte Parodie auf die alten James-Bond-Film an. Aber Hitchcock meint es offensichtlich durchaus ernst; sie ist allerdings außerstande, der schon lange in Demenz dahintaumelnden Story noch einmal Leben einzuhauchen.

Die drastischen Schwächen der Handlung werden durch Hitchcocks kümmerliches schriftstellerisches Talent und - in verhängnisvoll logischer Konsequenz - die Figurenzeichnung unterstrichen. Wo die betuliche Umständlichkeit zunächst sehr gut zum Kosmos etwas weltfremder Buchsammler und Antiquare passt, versagt die Autorin sogleich, wo sich der Handlungsbogen über die ganze Welt zu spannen beginnt. Die angeblich so furchtbaren "Defensores" erheben sich nie über Butzemann-Niveau; Pater Morton gibt schmierenkomödiantisch den feisten, bigotten, hinterlistigen Pfaffen, Graf Borzamo den italienischen (oder besser felliniesken) geilen Grafen, Antiquar Lovelock den tragischen Helden (als - sic! - "Ritter", der jeglichem Sex und sonstigen Schweinereien abhold ist und daher im Gegensatz zu den übrigen männlichen Darstellern überleben darf). Und die Spinne im Zentrum des Netzes ... Nun, so einen dämlichen Bösewicht hat nicht einmal Colin Forbes in seiner unsäglichen "Tweed"-Reihe jemals verbrochen!

In welchem Maße die Unerfreulichkeiten auf das Konto der steifen und unbeholfenen Übersetzung gehen, muss offen bleiben. Wie der "Hexenhammer" in die noble btb-Reihe des Goldmann-Verlages geraten ist, bleibt völlig unklar. Die inhaltlichen wie formalen Unzulänglichkeiten dieses Machwerks dürften dort eigentlich nicht unbemerkt geblieben sein. Der offensichtliche Erfolg auch in Deutschland lässt indes noch mehr Unbehagen aufkommen: Wie ist es möglich, dass ein solcher Bockmist so eifrig gelesen wird?

Michael Drewniok [20.08.2004]

 

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