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Buch-Reviews

Tollwütig (Wilson, F. Paul)

Auflage: September 2002
Erscheinungsjahr: 2002
ISBN: 3-442-35567-2
Verlag: Blanvalet
Genre: Horror & Unheimliches

1 Review

Wenn uns ein Abflussrohr verstopft, dann rufen wir einen ehrbaren Handwerker, aber was machen wir, wenn ein richtig dicker Brocken Scheiße unseren Lebensweg blockiert - ein Strolch wie Milos Dragovic zum Beispiel, seines Zeichens Erpresser, Drogenhändler & Mörder in New York City, USA? Das Gesetz ist wie üblich machtlos, denn es kann dem "schlüpfrigen Serben" seine zahllosen Untaten nicht nachweisen, zu denen sich aktuell die Nötigung der Pharmafirma GEM addiert, der finanziell das Wasser bis zum Hals steht. Dr. Luc Monnet hat sich in einem Augenblick der Ratlosigkeit und Not mit Dragovic eingelassen, der nun das eigentliche Sagen in der Chefetage hat.

Damit hat Monnet also den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Gelockt hatte er Dragovic mit einer ganz neuen Designerdroge, die sich unter den Reichen und Schönen der Stadt außerordentlicher Beliebtheit erfreut und folglich famose Gewinne garantiert. Da gibt es allerdings ein Problem: Monnet stellt die Droge nicht wirklich her - er verarbeitet nur einen wahrlich unmenschlichen Lebenssaft, den (nicht ganz freiwillig) ein gruseliges Fabelwesen spendet, das in einem heruntergekommenen Wanderzirkus sein Dasein fristen muss. Aber die Quelle droht zu versiegen, denn das Untier liegt im Sterben. Diese Neuigkeit dürfte bei Monnets "Geschäftspartner" Dragovic nicht auf Verständnis stoßen. In seiner Not heuert der Doktor daher seine geniale Studentin (und Ex-Geliebte) Nadia Radzminsky an, der gelingen soll, woran die GEM-Forscher bisher scheiterten: die künstliche Herstellung der Droge!

Arglos tritt die idealistische Nadia ihre Stelle an. Als sie bald bemerken muss, wie Dragovic ihren Boss bedrängt, beginnt sie sich dieselbe Frage zu stellen, mit der wir weiter oben diesen Text beginnen ließen. Wunderbarerweise kennt Nadia eine Antwort: Ihre Freundin Gia hat ihr vor einiger Zeit vom seltsamen Handwerk ihres Lebensgefährten Jack erzählt, der Verstopfungen der beschriebenen Art auf unkonventionelle Weisen behebt. Da Jack sich schon vor langer Zeit aus dem Leben eines braven Bürgers ausgeklinkt und sämtliche Spuren seiner Existenz gelöscht hat, existiert er vor dem Gesetz eigentlich nicht, was sehr praktisch ist, wenn es z. B. gilt, der Gerechtigkeit auf eher krummen Wegen zum Sieg zu verhelfen.

"Repairman Jack" (den die deutsche "Übersetzung" aus unerfindlichen Gründen penetrant "Handyman Jack" nennt) ist durchaus gewillt, dem üblen Treiben Dragovics Einhalt zu gebieten. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass der Missbrauch der Droge, die dieser dank Monnet auf die Straße bringt, von gewissen Nebenwirkungen begleitet wird, die dem seltsamen Stoff bald seinen treffsicheren Namen verschaffen: "Berzerk" verwandelt harmlose Wall-Street-Bänker und Börsianer in tollwütige Kampfmaschinen, die Tod und Verderben über die ohnehin nicht gerade friedliche Stadt bringen. Schlimmer noch: In diesem bösen Spiel mischen auch die übernatürlichen Schergen der "Andersheit" mit, denen Jack erst kürzlich während eines anderen Auftrags in die Quere kam ...


Ohne Tiefgang, aber flott, erfrischend unmoralisch und durchweg spannend sind sie, die Abenteuer des Handwerkers Jack. Francis Paul Wilson (geb. 1946), der sie sich ausdenkt, ist kein literarisches Vollblut, aber ein zuverlässiger Ackergaul des Unterhaltungsromans und auf diesem Niveau der geborene Erzähler, der nicht nur schnell, sondern auch gut arbeitet und zuverlässig mindestens einen Pageturner pro Jahr für den Buchmarkt produziert. Für die Romane der "Repairman Jack"-Reihe genießt er die ganz besondere Verehrung seines ohnehin begeisterten Publikums. Es gibt sogar einen "Repairman Jack Fan Club", dessen Präsidentenstuhl niemand Geringeres als Stephen King drückt (so er denn nicht schon wieder für harte Dollars nur seinen publicityträchtigen Namen hergibt).

Dabei hatte Wilson ursprünglich an eine Serie gar nicht gedacht. Zwischen dem ersten und besten Teil, dem hymnisch bejubelten "The Tomb", und "Legacies", dem zweiten, klafft immerhin eine Lücke von fast anderthalb Jahrzehnten. Aber so ganz trifft das nicht zu: Wilson treibt seit jeher der Eifer um, sein gesamtes Werk vor einem gemeinsamen Hintergrund spielen zu lassen. Mehr oder weniger eng verknüpft bilden Wilsons Romane ein monumentales Episoden-Epos, das vom ewigen Kampf der Menschheit gegen die "Andersheit" handelt, eine Art Parallel-Universum, in dem Zauberei oder besser Schwarze Magie zum Alltag gehört und allerlei Ungetüme, Elementargeister und übersinnliche Möchtegern-Diktatoren darauf brennen, ihre Herrschaft über die ahnungslose Menschenwelt auszuweiten.

Jack hat es wie gesagt schon mehrfach mit den Bewohnern der "Andersheit" zu tun bekommen. Mal mehr, mal weniger lädiert hat er ihnen so manche Schlappe bereitet, was eine respektable Leistung ist, da er doch gleichzeitig gegen sehr diesseitige Lumpen und gegen das Establishment antritt, das es gar nicht gern sieht, dass ihm ein Bürger (= Untertan) und Steuerzahler durch die Maschen schlüpft. Seit einiger Zeit plagen Jack auch ganz profane Familiensorgen, denn er hat zwar nicht seinen Job, aber die konsequente Bindungslosigkeit aufgegeben. Schön für ihn, wenn’s ruhig ist, aber das Leben eines "Repairman" besteht nun einmal aus kapitalen Krisen, so dass Jack für die traute Dreisamkeit (ein quasi adoptiertes Kind gehört mit dazu) oft einen hohen Preis zahlen muss.

Er ist überhaupt alles andere als ein Supermann, dieser Jack, und das macht ihn so sympathisch, selbst wenn er Bösewichter mit Blutrausch-Drogen dopt und anschließend Fleischermesser verteilt. Seine Überlegenheit sichern keine übernatürlichen Kräfte, sondern Anonymität, trübe Erfahrungen, Köpfchen und viele merkwürdige, aber treue Freunde. Jack verhilft zwar dem Guten zu seinem Recht, aber er fühlt sich nicht verpflichtet, dabei wie ein Pfadfinder vorzugehen. Darin ist er konsequent und lässt auch schon mal Köpfe rollen, ohne sich deswegen graue Haare wachsen zu lassen, denn er steht auf dem Standpunkt, dass der Zweck allemal die Mittel heilige. Solche Unmoral ist selten in der Unterhaltungsliteratur von heute. "Repairman Jack" macht uns Leser darauf aufmerksam, wie tief sich die Gedankenpolizei der politisch korrekten Tugendbolde schon in unseren Köpfen eingenistet hat. Geradezu lustvoll verstößt dagegen Wilson gegen inzwischen schon versteinerte Konventionen und erinnert uns daran, dass nichts den Geist so schleichend und nachdrücklich tötet wie bedingungslose Konformität: Störenfriede muss es geben auf dieser Welt, denn sie stellen scheinbar Selbstverständliches in Frage und sorgen für frischen Wind. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten leisten F. Paul Wilson und Jack ihren Anteil.

Dafür gibt’s natürlich zumindest hierzulande kein Kritikerlob und keine Bestseller-Listen. Wilson ist der typische Bürger des Taschenbuch-Gettos, das er wohl niemals verlassen wird - ein Geheimtipp auf ewig, was schade ist, denn obwohl wir wahren Freunde der etwas anderen Unterhaltung schon wissen, wo wir unseren Stoff finden können, wird es der Durchschnitts- oder Gelegenheitsleser weniger leicht haben, Jack im Meer der Routine-Thriller & Herz-Schmerz-Krimilein zu finden.

Wer sich über Leben und Werk des F. Paul Wilson informieren möchte, sei ausdrücklich vor der angeblich "offiziellen" Website (deren Adresse ich hier vorsichtshalber nicht angebe) gewarnt; hier hat sich seit 1998 (!) rein gar nichts mehr getan. Mit wesentlich mehr Aufwand und Liebe zum Detail präsentiert sich dagegen http://www.repairmanjack.com/ , die auch auf die Non-Jack-Titel Wilsons ausführlich eingeht, eine brauchbare Biografie des Verfassers liefert und vor allem das geniale Schaubild "The Grand Unification" präsentiert, welches genau zeigt, wo welcher Roman im komplexen Gefüge des Wilsonversums steht.

Die "Repairman Jack"-Serie erscheint auf Deutsch im Blanvalet-Verlag:

1. "The Tomb" (1984, dt. "Die Gruft") Goldmann TB Nr. 8064; Neuausgabe angekündigt als Festa-Horror-TB Nr. 1516 für August 2006
2. "Legacies" (1998, dt. "Der Spezialist") - Blanvalet TB Nr. 35194
3. "Conspiracies" (1999, dt. "Im Kreis der Verschwörer") - Blanvalet TB Nr. 35477
4. "All the Rage" (2000, dt. "Tollwütig")
5. "Hosts" (2001; "Todesfrequenz") - Blanvalet TB Nr. 35881
6. "The Haunted Air" (2002; "Das Ritual") - Blanvalet TB Nr. 36097
7. "Gateways" (2003; "Todessumpf") - Blanvalet TB Nr. 36247
8. "Crisscross" (2004; dt. "Der schwarze Prophet") - Blanvalet TB Nr. 36378
9. "Infernal" (2005; noch kein dt. Titel)

Michael Drewniok [06.04.2006]

 

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