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Buch-Reviews

Nobelpreis, Der (Eschbach, Andreas)

Auflage: September 2005
Erscheinungsjahr: 2005
ISBN: 3-7857-2219-2
Verlag: Lübbe
Genre: Thriller & Krimis

2 Reviews

Bestsellerautor Andreas Eschbach – so nennen ihn Verlage und Fans gleichermaßen begeistert. Mit "Der Nobelpreis" liegt der neueste Roman vor, der diesmal keinerlei Elemente aus Herrn Eschbachs Ursprungsgenre, der Science-Fiction enthält, sondern ein hochklassiger Thriller ist.

Über Andreas Eschbach gibt es viel zu sagen, aber vor allem zählt, dass er hervorragende Romane schreibt. Er ist gebürtiger Deutscher, wohnt aber seit einiger Zeit mit seiner Familie in der französischen Bretagne. Für seine Romane erhielt er regelmäßig Auszeichnungen, zuletzt schaffte er es mit seinem Romanerstling "Die Haarteppichknüpfer" über den Großen Teich – die Amerikaner, sehr zurückhaltend, was die Übersetzung fremdsprachiger Romane angeht, veröffentlichten ihn als edlen Hardcover unter dem Titel "The Carpetmakers".
Weitere Infos unter http://www.andreaseschbach.de.


Der Nobelpreis

Für Hans-Olof Andersson ist der Nobelpreis eine Institution, für deren Glaubwürdigkeit er alles tun würde. Er schlägt ein enormes Bestechungsgeld aus, als er als Mitglied des Nobelkomitees für Medizin für eine bestimmte Kandidatin stimmen soll (was er allerdings ohnehin beabsichtigt hatte). Der Nobelpreis käuflich? Unvorstellbar! Da greifen die Hintermänner der Bestechung zu einer anderen Maßnahme und entführen des Professors Tochter. Hans-Olof versteht diesen Angriff auf den Nobelpreis als unduldbaren Übergriff und geht zur Polizei. Wie er jedoch feststellen muss, ist ein Polizeibeamter direkt involviert – unmöglich kann er sich den Beamten anvertrauen. Bleibt als letzter Ausweg sein ungeliebter Schwager Gunnar Forsberg, der als Industriespion im Gefängnis sitzt.

Auf Bewährung bringt Olof ihn heraus und überträgt ihm die Suche nach seiner Tochter Christina. Hochprofessionell gelingen Gunnar nächtliche Besuche bei wichtigen Personen der verdächtigten Firma (Wer würde wohl am meisten vom manipulierten Nobelpreis profitieren? Doch wohl die Firma, bei der der Träger arbeitet!) und dort selbst, doch auf unglückliche Weise scheint die Polizei einen Riecher für ihn zu besitzen, so dass ihm oft nur knapp die Flucht gelingt. Über Christina lässt sich allerdings wenig herausfinden. Stattdessen kommt Gunnar einer ganz anderen Geschichte auf die Spur.


Für den Leser

Wie Herr Eschbach immer betont, ist auch dieser Roman wieder ganz anders als seine Vorgänger. Für die Geschichte ist ein wunderschöner erzählerischer Trick unabdinglich: Der Perspektivenwechsel zwischen Hans-Olof und Gunnar. Das kommt völlig überraschend und bewirkt außerdem eine Änderung in der Erzählung selbst und ihrem Stil. Man kann in ihrem Ton Teile der Lebenseinstellung der beiden Erzähler erkennen: Olofs gleichmäßige, etwas phlegmatische Stimme gegen Gunnars sprunghafte, aufmerksame und lebensfreudige. Dabei sind beide Personen sehr selbstüberzeugt und sehen Fehler nur bei Anderen, vor allem Gunnar fällt hier auf. Er macht natürlich alles richtig – bis er fast auf die Nase fällt, glaubt er auch daran.

Andreas Eschbachs Kreativität zeigt sich deutlich in einer Szene, in der Gunnar außergewöhnlich knapp der Polizei entkommt: In einer nächtlichen Arztpraxis ausweglos festsitzend, täuscht er den Beamten den Beischlaf mit einer populären Persönlichkeit vor und gibt sich selbst als Arzt aus. Entscheidendes Element ist für die Abwiegelung des Misstrauens der Männer der hastig versteckte, aber lang genug sichtbare triefende Penis des "Arztes".

So überraschend eine derartige Beschreibung auch kommt, Herr Eschbach versteht sein Fach: Als Bühnenbildner, Regisseur und Schauspieler im Theater der Fantasie benutzt er alle Mittel, um seine Geschichte in die Vorstellung des Lesers zu transferieren.

Was außerdem macht diesen Roman so gut? Wahrscheinlich spielt auch die Technik eine große Rolle, die Flüssigkeit, der Spannungsaufbau, der sich durch die häufigen Rückschläge Gunnars manifestiert. Und Herr Eschbachs professionelle Recherche, denn wenn man den sachlichen Informationen zum Beispiel über den Nobelpreis glauben kann, offenbart sich zu einem großen Medienereignis dieser Monate ein toller "BILD"-Fehler: Der in Kalifornien hingerichtete Gangster. Ob diese Hinrichtung nun moralisch vertretbar oder abzulehnen ist, wurde an anderen Stellen diskutiert. Hier geht es um den Nobelpreis, für den der Gangster gleich mehrfach nominiert gewesen sein soll. Herr Eschbachs Recherche ergab, dass diese Informationen unter Verschluss bleiben. Darauf ist auch ein wichtiger Handlungspunkt zurückzuführen, ohne den die Geschichte so nicht funktionieren würde. Künstlerische Freiheit von Herrn Eschbach oder mediale Fehlinformation? Leicht lässt sich auf Letzteres Tippen.

Die Geschichte lädt zum Miträtseln ein. So erscheint es doch plausibel, dass der vorbildliche Hans-Olof, der ja für die entsprechende Kandidatin stimmen wollte, durch den gescheiterten Erpressungsversuch dazu gebracht werden sollte, ihr seine Stimme zu verweigern. Aber wäre das sinnvoll? Herr Eschbach spinnt ein feines Netz aus falschen Fährten, die zum Teil extra für den Leser angelegt erscheinen, da sie von den Protagonisten missachtet werden, uns jedoch so deutlich vor Augen liegen. Schließlich kommt aber doch alles ganz anders.


Fazit: Andreas Eschbach sagte sinngemäß, wenn man noch ein Buch in diesem Jahr oder Jahrzehnt lesen wolle, solle man Wolfgang Jeschkes "Cusanus-Spiel" lesen. Diese Aussage trifft weitaus eher auf den "Nobelpreis", seinen eigenen neuen Roman zu. Das ist garantiertes Lesevergnügen für jedermann.

Tobias Schäfer [15.01.2006]

Eschbach goes Schwedenkrimi

Hans-Olof Andersson, Mitglied des Nobelpreiskomitees, lässt sich nicht bestechen. Doch genau das versuchen Unbekannte. Er soll für eine bestimmte Kandidatin stimmen. Als der Ehrenmann Andersson sich weigert, entführen sie seine Tochter Kristina. Was niemand weiß: Gunnar, der Bruder seiner verstorbenen Frau, ist ein knallharter Einbrecher und Industriespion, der keine Gnade kennt, wenn es um seine letzte lebende Angehörige geht. Er stürzt sich in die Ermittlung. Doch mit dem, was er herausfindet, hätte niemand gerechnet … (Verlagsinfo)

Der Autor

Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, bevor er als Software-Entwickler und Berater arbeitete. Schon als Junge schrieb er seine eigenen Perry-Rhodan-Storys, bevor er mit "Die Haarteppichknüpfer" 1984 seine erste Zeitschriftenveröffentlichung landen konnte.

Danach dauerte es noch elf Jahre bis zur Romanfassung von "Die Haarteppichknüpfer", anschließend folgten der Actionthriller "Solarstation" und der Megaseller "Das Jesus-Video", der mit dem renommierten Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman des Jahres 1998 ausgezeichnet und fürs Fernsehen verfilmt wurde.

Seitdem sind die Romane "Eine Billion Dollar", "Perfect Copy", "Exponentialdrift", "Quest", "Die seltene Gabe", "Das Marsprojekt 1+2" sowie "Der Letzte seiner Art" erschienen, einige davon zudem als Hörbuch. Auch das Sachbuch "Das Buch der Zukunft" gehört zu seinen Publikationen. Eschbach hat mehrere Anthologien herausgegeben und eine Reihe von literarischen Auszeichnungen erhalten. Heute lebt er mit seiner Familie als freier Schriftsteller in der Bretagne.

Handlung

Der schwedische Medizinprofessor Hans-Olof Andersson ist eines von fünfzig Mitgliedern des Nobelpreiskomitees. Eines Tages zeigt ihm jemand einen Koffer voll Banknoten: Er bekäme drei Millionen schwedische Kronen, wenn er für die spanische Medizinprofessorin Sofia Hernández Cruz stimme. Entrüstet weist Ehrenmann Hans-Olof das lukrative Angebot zurück und erzählt seinem Kollegen Bosse Nordin davon. Der hält ihn für schön blöd. Man brauche sich ja bloß mal die Autos auf dem Parkplatz vor dem Nobel-Stiftungshaus anzusehen: Nobelkarossen fahren nur ganz bestimmte Leute, nämlich solche, die nicht ganz so pingelig wie Hans-Olof seien … Auch der Vorsitzende des Komitees sieht sich nicht zum Handeln veranlasst. Hans-Olof denkt sich: Na schön, wenn die es so haben wollen.

Doch er hat nicht mit einem weiteren Kontakt gerechnet. Man hat seine 14-jährige Tochter Kristina entführt. Wenn er den bekannten Wünschen entspreche, werde ihr nichts passieren. Andernfalls jedoch… Was bleibt Hans-Olof anderes übrig? Zunächst willigt er ein. Als er bei der Polizei Anzeige wegen Erpressung erstatten will, bemerkt er unter den Polizisten den Geldboten. Offenbar ist auch die Staatsmacht bereits unterwandert.

Doch er stellt nervös Nachforschungen an und findet heraus, dass die Professorin Hernández Cruz seit einem Jahr für den Schweizer Konzern Rütlipharm arbeitet. Könnten dessen schwedische Manager hinter der Entführung stecken? Doch was hätte Rütlipharm davon? Die Medizinprofessorin forscht an der Einwirkung von Hormonen auf das menschliche Zentralnervensystem, so zum Beispiel über das Phänomen der sexuellen Anziehungskraft. Hans-Olof schnaubt verächtlich, als er liest, dass sie dazu ihren Testpersonen – allesamt Studenten – Pornografie ausgehändigt hat, um die Reaktion zu analysieren. Wie primitiv!

Und eine solche Kandidatin soll dem Pionier der Aids-Forschung, Mario Gallo, vorgezogen werden? Es ist ein wahrlich trauriger Tag, als nicht weniger als 25 Mitglieder der Nobelpreisversammlung für Hernández Cruz stimmen. Die Preisträgerin ist natürlich erstaunt und erfreut. Doch statt sich über Kristinas Rückkehr freuen zu dürfen, erhält Hans-Olof einen weiteren Anruf. Er werde seine Tochter erst nach der Preisverleihung wiedersehen, um sicher zu stellen, dass der Preis nicht zurückgezogen oder irgendwie entwertet werde, etwa durch negative Presse.

Hans-Olof ist entsetzt: Er muss weitere zwei Monate warten! Als er ab und zu mit seiner Tochter sprechen darf, kann er mitverfolgen, wie sie am Stockholm-Syndrom zu leiden beginnt. Dabei beginnt das Entführungsopfer mit seinen Kidnappern zunehmend zu sympathisieren und schließlich sogar auf ihre Seite überzulaufen. Er wagt nicht, sich auszumalen, wie sehr sie sich binnen zwei Monaten verändert haben könnte.

Aber es gibt noch einen letzten Strohhalm. Er besucht seinen Schwager Gunnar Forsberg im Gefängnis. Gunnar, 37, sitzt bereits sechs Jahre wegen Einbruchs und Industriespionage. Der Bruder von Hans-Olofs verstorbener Frau Inga hasst Hans-Olof dafür, dass Inga bei einem Autounfall starb, für den er ihn verantwortlich macht. Dennoch verspricht Hans-Olof ihm, ihn rauszuholen. Das ist mit dem Amnestie-Erlass der neuen Justizministerin auch kein Problem. Es ist der 1. Dezember: Bleiben noch zehn Tage bis zur Preisverleihung. Die Zeit drängt also. Über Handys bleiben Hans-Olof und Gunnar ständig in Kontakt.

(Von nun ab erzählt Gunnar den Rest der Geschichte.)

Als allererste Tat bricht Gunnar in die schwedische Zentrale von Rütlipharm ein. Bingo! Im Safe von Rütli-Landeschef Reto Hungerbühl stößt Gunnar zwar nicht auf Hinweise zu Kristinas Aufenthaltsort, aber auf Unterlagen über Testergebnisse zu einem neuartigen Medikament. Das Projekt mit dem Tarnnamen "Rasputin" ist mit einem Phänomen namens Juveniles Aggressions-Syndrom, kurz JAS, verbunden. Davon hat Gunnar noch nie gehört, aber er war ja auch sechs Jahre von der Welt abgeschnitten. Eine Diskette mit der Beschriftung "JAS" nimmt er mit. Darauf befindet sich, wie er festellt, eine einzige Datei "JAS.DOC". Dummerweise ist sie verschlüsselt. Er muss Dimitri, einen russischen Computerhacker finden. Dieser lebt allerdings im Untergrund.

Was Gunnar aber viel mehr stört, ist die Tatsache, dass er während seines Einbruchs von der Polizei beinahe auf frischer Tat ertappt worden wäre. Sind diese neumodischen Handy-Dinger etwa doch nicht abhörsicher, wie ihm Hans-Olof versichert hat? Oder hat man seine Anwesenheit bei Rütlipharm vom gegenüberliegenden Hochhaus bemerkt und die Polizei gerufen? Oder hat ihn sein Bewährungshelfer Per Falander verraten? Nur eins ist sicher: Er kann keinem mehr trauen.

Als er Dimitri endlich findet und dessen Software die stark verschlüsselte Datei knackt, erlebt Gunnar sein blaues Wunder: Für JAS finden Tests an Kindern und Jugendlichen statt – in Waisenhäusern wie jenem, aus dem er vor 25 Jahren zusammen mit Inga ausbrach. Diese bösen Erinnerungen machen Gunnar richtig wütend. Ist Kristina etwa in die Hände von skrupellosen Experimentierern gefallen?

Mein Eindruck

Die Story, die ich hier skizziert habe, klingt nach einem durchschnittlichen amerikanischen Wissenschaftsthriller. Aber auch ein Schwedenkrimi wäre nicht ganz abwegig, denn schließlich spielt die Handlung ausschließlich im Großraum Stockholm. Allerdings ist "Der Nobelpreis" keines von beiden, höchstens ein wenig davon. Denn der Autor führt den Leser auf geniale wie perfide Art und Weise hinters Licht, und die Geschichte entpuppt sich als etwas ganz anderes. Er demonstriert, wie relativ Wahrheit ist.

Die Erzähler

Wenn uns Hans-Olof Andersson am Anfang von seinen Gewissensbissen erzählt, an einer manipulierten Nobelpreisabstimmung teilzunehmen, so müssen wir das für bare Münze nehmen. Wie sich zeigt, ist Gunnar Forsberg der alleinige Erzähler, und er gibt diesen Part so wieder, wie Hans-Olof ihn ihm erzählt hat. Dass damit etwas nicht stimmen könnte, fällt Gunnar erst sehr spät ein.

Denn Gunnar ist leicht zu durchschauen. Er liebt seine Nichte Kristina in ebenso hohem Maße wie er Hans-Olof, seinen Schwager, nicht ausstehen kann. Er glaubt fest daran, dass er selbst ein kompetenter Einbrecher und Industriespion ist. Okay, er muss ein wenig Technik-Knowhow nachholen, zum Beispiel was Handys und Computer angeht, aber dafür gibt es ja Experten, nicht wahr? Leider stellt er Hans-Olofs Auskunft über die Abhörsicherheit von Handys nicht in Frage, was sich als Fehler erweist. Und er hätte besser noch ein paar ander Fakten nachgeprüft.

Gunnar behauptet zwar stets im Brustton der Überzeugung, er wolle sich als Profi stets selbst vom jeweiligen Zielobjekt überzeugen, aber die grundlegenden Annahmen prüft er nicht. Seine Annahmen stehen auf tönernen Füßen. Der Grund für seine Betriebsblindheit sind seine starken Gefühle, die er für Kristina und Hans-Olof hegt. Aber das merkt er erst ziemlich spät.

Über Naivität

Zum Beispiel dann, als er Kristinas hübsche Klassenlehrerin Birgitta Nykvist kennen lernt. Gunnar sagt sich bei ihrem Anblick: blond, blöd und mit großem Balkon. Die Tatsache, dass sie ihn zum Kuchenessen in ihre Wohnung einlädt – ihn, einen völlig Fremden! – schreibt er ihrer "endlosen Naivität" zu. Am liebsten würde er ihre Naivität ein für allemal beenden, um sie aus ihrem schulischen Reservat auf den Boden der grässlichen Wirklichkeit zu holen. Als ob ihm das eine besondere Befriedigung verschaffen wurde. Als sie ihm erklärt, dass sie ihn mit einer bestimmten Absicht eingeladen habe, ist er verblüfft.

Seine eigene Naivität zeigt sich an Per Falander, seinem jetzigen und früheren Bewährungshelfer. Falander hat Gunnar als Industriespion eingesetzt und sich seinen Anteil an den Einnahmen geben lassen. Dass Gunnar ihm von Rütlipharm erzählt und danach einige Dinge schief laufen, hätte ihm eigentlich zu denken geben sollen. Er hätte sich fragen sollen, für wen Falander jetzt arbeitet.

Dass sich jeder Mensch (so auch Gunnar) seine eigene Weltsicht zimmert und diese mit Klauen und Zähnen verteidigt (so etwa Brigitta), erkennt Gunnar an seinem Zimmernachbarn in der schmuddeligen Pension, wo er jetzt wohnt. Toller Lillequist ist ein superchristlicher Verschlüsselungswissenschaftler, der überall eine kodierte Botschaft der Satanisten erblickt, z. B. in Zeitungen. "Die Welt wird vom Teufel regiert", sagt er, und wenn es sich Gunnar genau überlegt, hat er wohl Recht. Leider ist diese Sache zweischneidig: Toller hält Gunnar für einen Satanisten und holt die Polizei.

Der unzuverlässige Berichterstatter

Dass diese Ich-Erzählung von Gunnar wiedergegeben wird, macht sie keinen Deut verlässlicher. Denn wie sich zunehmend herausstellt, ist Gunnar ein unzuverlässiger Berichterstatter, wie ihn sich Henry James nicht besser hätte ausdenken können. Gunnar verschweigt uns eine ganze Menge seiner eigenen Untaten, so etwa das, was er seiner eigenen Schwester Inga angetan hat, nachdem sie Hans-Olof geheiratet hatte.

Der Roman erweist sich als Dekonstruktion einer Geschichte, der wir glauben können. Tatsächlich besagt der Roman, dass die ganze Welt eine Geschichte ist, nämlich ein Modell von Wirklichkeit, das sich jeder selbst zusammenbastelt. Ironsicherweise ist es genau die bislang so scheel angesehene Professorin Sofia Hernández Cruz, die sich damit beschäftigt, wie das Gehirn Realität und Wahrheit erzeugt. Nämlich durch Modelle aufgrund von Daten, die in bestimmten Nervenzellen gespeichert sind.

Modelle sind notwendig

Der Knackpunkt ist jedoch der, dass das individuelle Realitätsmodell umso komplexer und "realistischer" wird, je mehr Neuronen sich vernetzen und ihre Informationen austauschen. Geschieht dies spontan, so nennt man dies gemeinhin einen "Geistesblitz", manchmal auch "Epiphanie". Der traurige Aspekt dieser Funktionsweise besteht darin, dass wir umso mehr Illusionen abstreifen müssen, je "realistischer" wir sein wollen. Birgitta kann beispielsweise ohne diese ihre Illusionen nicht mehr arbeiten, denn sie würde sich ständig Sorgen machen, was ihr oder jemandem, den sie liebt, als nächstes zustoßen könnte. "Realität" ist also auch eine Gratwanderung zwischen Euphorie und Suizidgefährdung durch Paranoia. Jeder muss wählen, wo er oder sie sich am wohlsten fühlt.

(Dass der religiöse Glaube ebenfalls ein Realitätsmodell anbietet, ergibt sich aus dem Gesagten, aber es wird in Gestalt des Satanistenhassers und Verschwörungstheoretikers Toller Lillequist gleich wieder ad absurdum geführt. Das ist ziemlich schade, denn sicherlich gibt und gab es eine Menge Wissenschaftler, die forschten und dennoch an Gott glaubten, so etwa auch Albert Einstein. Er trieb die Erkenntnisfähigkeit mit bewiesenen Theorien voran, macht aber dann einen "Sprung des Glaubens", um an Gottes Existenz glauben zu können.)

Die Lösung des Dilemmas

Wie lässt sich das Dilemma, auf das uns der Autor mit der Nase stößt, auflösen? Einerseits sind Illusionen und Lügen in Form von Geschichten notwendig, andererseits lassen sie sich aber auch zwecks Manipulation missbrauchen. So wie zum Beispiel die Mitglieder des Nobelpreiskomitees manipuliert werden.

Das Buch ist die Antwort. Es hat die Absolutheit von "Wahrheit" und "Realität" dekonstruiert, nun muss es auch die Antwort bereithalten. Die Professorin liefert die erste Antwort: Man muss möglichst viele Informationsquellen miteinander vernetzen und dieses Wissen aus- und bewerten, um zu so etwas wie "Weisheit" zu gelangen. Die andere Antwort liegt im finalen Showdown zwischen Gunnar Forsberg und Hans-Olof Andersson. Ihr Dialog ist ein Streitgespräch, das viele Wahrheiten ebenso wie jede Menge Lügen aufdeckt. Das Instrument des erkenntnisorientierten Dialogs ist das zweite Mittel, das der Autor anbietet.

Gute Gesellschaft

In diesem Anliegen befindet sich Eschbach in guter Gesellschaft. Auch John Brunner selig (gestorben 1995) hatte sich diesem erkenntnistheoretischen Ansatz verschrieben. Der britische Krimi-, Science-Fiction- und Fantasy-Autor enthüllte in einer Handvoll innovativer SF-Romane wie "Morgenwelt" und "Schafe blicken auf", welche Fakten über genetische Manipulationen und ökologische Katastrophen sich aufdecken lassen, um ein völlig anderes Bild der Wirklichkeit zu enthüllen.

Und wo ist jetzt die arme Kristina abgeblieben, wird sich mancher fragen. Keine Sorge: Für sie hat der Autor kein so schreckliches Schicksal vorgesehen, wie es oben von Gunnar ausgemalt wurde. Selber lesen!

Am Schluss hat es der Autor so hingekriegt, dass der Leser noch nie eine spannendere Preisverleihung des Nobelpreises gesehen hat. Wird Sofia Hernández Cruz den höchstdotierten Wissenschaftspreis der Welt aus den Händen des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf entgegennehmen oder ihn zurückweisen und den König und dessen Nation brüskieren? Gunnar hat alles Menschenmögliche versucht, um Letzteres herbeizuführen. Doch war das klug?

Humor

Eines der unnachahmlichen Markenzeichen von Eschbachs Romanen ist ihr spezieller Humor. Dieser äußerst sich sowohl sprachlich als auch in der Handlung. Gunnar betritt z. B. die Rezeption von Rütlipharm als Pizzabote (wie schon der Held in "Eine Billion Dollar"), setzt sein "debilstes Gesicht" auf und bewundert die Telefonanlage der Empfangsdame. Diese Anlage ist so groß, dass sie aussieht, "als könne man damit einen Weltkrieg kommandieren". Allein schon der Name "Rütlipharm" ist ein Witz.

In der Handlung erfolgt ein komödiantischer Höhepunkt nur wenig später, als sich Gunnar nach gelungenem Einbruch dennoch vor der angerückten Polizei verstecken muss. Er wird entdeckt, aber nicht als Gunnar Forsberg, sondern als Zahnarzt, der gerade ein Schäferstündchen mit einer "Dame der Gesellschaft" hat (nachts um drei?). Die Dame ist zwar nie zu sehen (und auch nicht zugegen), aber Gunnar spielt seine Rolle des ertappten Liebhabers so überzeugend, dass sich die Bullen und der Hausmeisters übertölpeln lassen.

Aus dem weiter oben Gesagten ergibt sich, dass es jede Menge Ironie zu belächeln gibt, denn ob Gunnar der Naive ist oder seine Umgebung, allen voran Birgitta und Hans-Olof, muss man selbst herausfinden und entscheiden. Man merkt häufig, dass es dem Autor ungeheuren Spaß gemacht haben muss, unterhaltsam zu erzählen und den Leser an der Nase herumzuführen.

Unterm Strich

"Der Nobelpreis" ist ein unterhaltsamer, spannender und penibel recherchierter Krimi, der aus den üblichen Mustern für Wissenschaftsthriller und Schwedenkrimis (Marke Marklund oder Mankell) ausbricht und eine ernst zu nehmende Aussage über die heutige Welt macht. Die Erzählweise ist auf Spannung und Action ausgerichtet, lässt aber auch Erotik und Humor nicht vermissen. Im Finale gibt es eine Menge Aha-Erlebnisse, der Epilog schließt alle Handlungsfäden zufrieden stellend ab.

Ich kann die Konstruktion dieses komplexen Romans nur bewundern. Nicht nur wendet sich die Wahrheit der Geschichte – siehe oben – um 180 Grad, nein, auch die Hintergrundstory Gunnars und Hans-Olofs wird lückenlos nachgeliefert und wirft ein neues Licht auf das Erzählte. Der aufmerksame Leser wird natürlich schon nach der Hälfte des Buches seine Schlüsse ziehen können, was los ist, aber ob die alle so zutreffend sind, dürfte erst das Finale erweisen.


Hinweis: Zu folgenden Werken Andreas Eschbachs liegen Rezensionen auf Buchwurm.info vor:

Die Haarteppichknüpfer
Quest
Exponentialdrift
Das Jesus-Video (Hörbuch)
Der Letzte seiner Art
Der letzte seiner Art (Hörbuch)
Das Marsprojekt
Die blauen Türme (Marsprojekt 2)
Eine Billion Dollar
Perfect Copy - Die zweite Schöpfung
Die seltener Gabe
Die Rückkehr (Perry Rhodan 2295)

Michael Matzer [13.12.2005]

 

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