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Buch-Reviews
Schneegrab (Holmberg, Bo R.)
 |  | Auflage: September 2005 Erscheinungsjahr: 2005 ISBN: 3-453-43142-1 Verlag: Heyne Genre: Thriller & Krimis
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2 Reviews
Im Ångermanland des schwedischen Spätwinters 1849 kommt es zwischen den Landstreichern und Gelegenheitsdieben Isak Villander und Grels Persson zum Streit um gestohlenes Geld. In Notwehr muss Persson seinen Partner töten. Da dies ohne Zeugen geschah, glaubt der misstrauische und obrigkeitsfeindliche Mann, sich nicht verantworten zu müssen, und versteckt die Leiche in einer Schneewehe, wo sie erst einige Wochen später gefunden wird.
Die Spur ist buchstäblich kalt, als Harald Morell, der in seiner Funktion als Amtmann die ausgedehnte Pfarrei Anundsjö polizeilich beaufsichtigt, und sein Gehilfe Johan Anundsson an den Ort der Bluttat gerufen werden. Weder Opfer noch Täter wurden gesehen, was die Ermittlungen schwierig macht. Pflichtbewusst befragen Morell und Anundsson trotzdem die Bauern, Knecht und Mägde, die in der dünn besiedelten Gegend ihr karges Auskommen fristen.
Im Armenhaus von Anundsjö keimt in der Pflegerin Greta Sigurdsdotter inzwischen ein schrecklicher Verdacht auf. Die Zahl der Insassen hat sich in diesem harten Winter stark erhöht, was vom neuen Hilfspfarrer Erik Sondelius wegen der damit einhergehenden Steigerung der Unterhaltskosten mit Missfallen zur Kenntnis genommen wird. Gleichzeitig wütet unter den Alten und Kranken eine seltsame Seuche, die sowohl tödlich endet als auch primär dann auftritt, wenn der Herr Hilfspfarrer das Abendmahl austeilt.
Die Anwesenheit des Amtmanns wirkt für Greta wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Bevor sie sich allerdings ein Herz gefasst und Morell informiert hat, liegt sie erstochen im Schnee. Morrell selbst ist es, der aufmerksam wird, doch bis er endlich begreift, was sich in Anundjsö abspielt, bleibt genug Zeit für weitere Verbrechen aus Logik & Leidenschaft …
Ein Historienkrimi, der zudem in Skandinavien spielt – auf dem aktuellen deutschen Buchmarkt muss diese Kombination wie eine doppelt sichere Bank wirken. Was aus dem hohen Norden kommt und mit Verbrechen zu tun hat, wird in Deutschland zuverlässig gelesen. Dieses Vertrauen ist erfreulich oft gerechtfertigt; auch in diesem Fall ist es so. "Schneegrab" ist ein spannendes Buch, das zudem in seinem historischen Umfeld funktioniert.
Allzu oft machen sich die Verfasser von Geschichten, die in der Vergangenheit spielen, ihre Sache einfach und nutzen die Geschichte als reine Folie für eine Allerweltshandlung. Wird das übertrieben, bemerkt sogar der Laie die daraus resultierenden Misstöne und ist verstimmt. Bigotter Kirchenmann – schöne Rittertochter – tapferer Handwerksbursche – geiler Landvogt: Zwischen den Eckpunkten dieses Klischee-Quadrats spielen sich solche Geschichten häufig ab.
"Schneegrab" spielt nicht nur in der dunklen Jahreszeit, sondern präsentiert darüber hinaus einen düsteren Blick auf das historische Landleben. Von fröhlich verschmitzten, naiv unterhaltsamen Bauersleuten fehlt hier jede Spur. Das Leben ist einfach und entbehrungsreich. Die Sprache unterstreicht es: Holmberg erzählt in sehr kurzen Sätzen. Das Verbrechen kommt ebenfalls schnörkellos daher. Raffinierte Mordgeschichten finden keinen Platz in dieser Umgebung. Dem steht eine noch rudimentäre Kriminalistik gegenüber, die komplexen Ermittlungen nicht gewachsen ist. Morell vertritt in erster Linie das Gesetz in seinem Amtsbezirk. Muss er ihm Genüge verschaffen, ist es nötig, auf Bauern zurückzugreifen, die sich in der kalten Jahreszeit als Hilfsgendarmen ein finanzielles Zubrot verdienen. Unter solchen Umständen sind keine kriminalistischen Meisterleistungen à la Sherlock Holmes zu erwarten. Stattdessen ersetzen ganz selbstverständlich Drohungen und Prügel ausgefeilte Verhörmethoden.
Mit seinen Figuren macht es Bo Holmberg sich und seinem Publikum generell nicht einfach. Kompromisslos platziert er "Schneegrab" in eine Landschaft und unter Menschen, die gleichermaßen unzugänglich und abweisend sind. Die Pfarrei Amundsjö gilt sogar im Jahre 1849 als zivilisationsferner Ort. Die Menschen bleiben unter sich; jede/r kennt jede/n aber jede/r kontrolliert jede/n auch. Seit Jahrhunderten verläuft das Leben in seinem Trott. Wer geboren ist, weiß bereits, wie er oder sie leben und sterben wird: nämlich wie seine oder ihre Ahnen und nach vielen Jahren harter Arbeit. Die Menschen sind in ein festes Netz wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verpflichtungen eingebunden. Kinder setzt man in die Welt, damit sie einem im Arbeitsalltag zur Hand gehen und im Alter versorgen. Frauen heiraten früh, führen den Haushalt, werden Mütter. Zu sagen haben sie wenig, zu arbeiten umso mehr. Man wird in seinen Stand geboren und wird in ihm sterben; ein Aufstieg ist unwahrscheinlich.
Ebenso unmöglich ist es, der eigenen Familie zu entkommen. Lisbet Zackrisdotter wünscht sich ein selbst bestimmtes Leben, das sie in bescheidenen Verhältnissen als Magd oder Zofe führen müsste. Stattdessen sieht sie sich an den pflegebedürftigen Vater gefesselt; für ihn und für die Menschen in Lisbeths Umgebung ist dies eine absolute Selbstverständlichkeit. Sie selbst traut sich nur in ihrem stillen Kämmerlein, an Ausbruch zu denken. Selbst als der alte Zackris dann tot ist und Lisbet ziehen kann, bleibt ihr ein schlechtes Gewissen.
Auch Johan Amundsson könnte sich ein Leben vorstellen, das nicht wie das seines Vaters und seiner Vatersväter als Bauer verlaufen müsste. Doch Johan ist außerstande, dies zu artikulieren; seine Eltern bleiben ahnungslos – es ist wohl auch besser so, da sie aus allen Wolken fallen würden. Seine Verlobte Annika leidet unter den Nachstellungen ihres ehemaligen Liebhabers Daniel Persson. Dieser kann einfach nicht begreifen, dass er seine "Rechte" auf die Frau verwirkt hat. In dieser Welt entscheiden die Männer, wen "ihre" Frauen zu lieben bzw. wem sie zu gehorchen haben.
Ein Leben gegen die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze und Normen birgt das hohe Risiko in sich, ausgeschlossen zu werden, was in dieser Zeit und in diesem harten Land durchaus ein Todesurteil sein kann. Not und Elend sind nur allzu reale Drohungen; ein soziales Netz gibt es nicht bzw. nur in Ansätzen; wer nur einigermaßen bei Kräften ist, lebt lieber auf der Straße, als sich in eines der wenigen, überfüllten, schmutzigen Armenhäuser zu begeben. Dort hausen die Alten, die Kranken, die Schwachen; sie, die ganz unten auf der gesellschaftlichen Leiter stehen und auf Almosen angewiesen sind, vegetieren als lästig gewordene Mitesser vor sich hin. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Verbrechen von Amundsjö aktuelle Bedeutung: Wer jene mordet, die zu versorgen nur noch Pflicht ist, bleibt unbemerkt und wähnt sich sogar in dem Irrglauben, ein nützliches Werk zu tun. Auch hier fällt der Mörder schließlich nur auf, weil er sich zu sicher fühlt und jegliche Zurückhaltung fahren lässt.
Bo Roland Holmberg wurde am 5. Februar 1945 im nordschwedischen Ådalen geboren. 1965 machte er sein Abitur und studierte dann in Uppsala. Nach dem Militärdienst heiratete er 1975 und zog nach Bredbyn ins Ångermanland, wo er als Lehrer in der Oberstufe Schwedisch und Englisch lehrte.
In den frühen 1980er Jahren begann Holmberg zu schreiben. Er entwickelte sich rasch zu einem höchst produktiven Autor, der inzwischen mehr als zwanzig Romane, Kinderbücher, Theaterstücke und Filmdrehbücher verfasst hat. Trotzdem blieb er seinem Lehrerjob treu, auch wenn er nach einem Umzug seit 1995 nur mehr halbtags tätig ist.
2002 veröffentlichte Holmberg "Liemannen" (dt. "Rabenseelen") den ersten historischen Krimi um Harald Morell, den "länsman" von Anundsjö, der von komplexen Kriminalrätseln ebenso überfordert wird wie von seinem schwierigen Privatleben. Er gewann mit diesem Roman die "Flintyxan 2002" für den besten Historienkrimi des Jahres und setzte die Reihe zügig fort. (Über Leben und Werk des Schriftstellers informiert – zwar knapp aber immerhin auch in einer englischen Version - http://www.borholmberg.com.)
Die Harald-Morell-Romane …
… erscheinen im Wilhelm Heyne Verlag:
(2002) Rabenseelen ("Liemannen")
(2003) Schneegrab ("Snögrav")
(2004) Brandwache ("Brandvakt") – TB Nr. 43166 (erscheint im Juni 2006)
(2005) "Väktersax" (noch kein dt. Titel) Michael Drewniok [20.04.2006]
Der Autor:
Bo R. Holmberg wurde 1945 in Ådalen geboren. Er ist heute als Lehrer in Bredbyn im Ångermanland tätig, dort lebt er auch mit seiner Frau Dorotea und seinen drei Kindern. Bo R. Holmberg ist mit seinen Kinderbüchern auch in Deutschland sehr erfolgreich.
Sein erster Kriminalroman "Rabenseelen" wurde von der Presse mit Begeisterung aufgenommen und mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet.
Mehr Infos zum Autor findet man hier.
Story:
Die kleine Pfarrei Anundsjö im Jahre 1849: Im selbst für die frostigen Witterungsverhältnisse ungewöhnlich tiefen Schnee wird eine Leiche entdeckt, deren Arm aus dem Schnee herausragt. Schon tagelang muss der erstochene, ziemlich große Mann unter der Schneedecke versteckt gewesen sein, bis er schließlich nach leichtem Abtauen gefunden wird.
Polizeiamtmann Harald Morell macht sich gemeinsam mit seinem jungen Helfer Johan Anundsson auf die Suche nach dem Mörder. Dabei stoßen sie nur auf wenige hilfreiche Informationen, weil die Spur des Täters ganz aus Anundsjö herauszuführen scheint. Dann verschwindet eines Tages die Altenpflegerin Greta Sigurdsdotter, und die Beamten vermuten das Schlimmste. Tatsächlich wird auch sie gefunden, nachdem die erneut heftigen Schneefälle nach acht Tagen endlich beendet sind. Die Art und Weise der schrecklichen Tat scheint ähnlich; auch Gretas Arm ragt aus dem Schnee empor, und auch sie hat Wunden, die auf Messerstiche schließen lassen.
Für Länsmann Morell, der sich gleichzeitig auch um seine zutiefst depressive Frau und seinen neugeborenen Sohn kümmern muss, steht fest, dass es zwischen den beiden Mordfällen einen Zusammenhang gibt, und als sie schließlich den Hauptverdächtigen Grels Persson gefangen nehmen, ist der Fall für Morell eigentlich schon abgeschlossen. Persson gesteht schließlich den ersten Mord und bezeichnet sein Handeln als Notwehr. Jedoch bestreitet er, auch Greta umgebracht zu haben, doch da Morell dem Verbrecher, der auch wegen verschiedener Raubdelikte angeklagt wird, nicht glaubt, bleibt dieser bis zur Verhandlung in Haft. Dann jedoch taucht die neue Altenpflegerin Lisbet im Hause Morells auf und erzählt ihm von ihren Beobachtungen und Vermutungen. Auf einmal zieht auch Morell die Unschuld Perssons in Erwägung, auch wenn die neue Wahrheit sehr seltsam klingt ...
Bewertung:
"Schneegrab" ist ein Krimi, der sich einfach liest, durch seine chronologische Abfolge stets nachvollziehbar bleibt und diesbezüglich auch wenig Tiefgang beinhaltet. Aber das ist auch nicht die Intention des Autors. Bo R. Holmberg hat nämlich eine Geschichte über ganz einfache Menschen geschrieben; Bauern, Mägde, Knechte und das arme Volk stehen im Mittelpunkt seines neuen Romans "Schneegrab", und alleine aus der Stellung und der oftmals damit verbundenen Armut lassen sich für dieses Buch auch schon diverse Tatmotive ableiten, die man während der 350 Seiten immer wieder im Hinterkopf behalten sollte.
Doch "Schneegrab" ist nicht ausschließlich Krimi, dieses Werk ist auch in gewissem Maße eine Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft Schwedens zur Mitte des 19. Jahrhunderts, und genau hierbei setzt Holmberg schließlich auch die Glanzpunkte. Holmberg beschreibt das simple Gefühl der Geborgenheit, erörtert die Schlichtheit der Liebe zweier ganz einfacher Menschen, er philosophiert über die Dunkelheit und den Winter in seiner Heimat und schlussendlich zeichnet er auch noch ein authentisches Bild der damaligen Umgangsformen nach, das einerseits erschreckend, andererseits aber auch erstrebenswert klingt. Die Charaktere in Holmbergs Roman geben sich mit dem wenigsten zufrieden, werden aber zu reißenden Tieren, wenn man ihnen ausgerechnet dies noch nimmt. Das Leben als Ein und Alles, so erfährt man es im Alten- und Armenhaus von Anundsjö, so verkörpern es einfache Mägde wie Lisbet, die Tochter des plötzlich verstorbenen Herrn Olofsson, die ermordete Greta Sigurdsdotter, der Polizeigehilfe Johan Anundsson samt seiner Verlobten Annika, aber auch der lediglich aus Überlebenstrieb stehlende Gauner Grels Persson.
Es gibt einige Momente im Buch, da vergisst man die grausamen Morde und taucht selber in diese Zeit ein, denkt dabei über sein eigenes Umfeld nach und beginnt zu hinterfragen, warum der Mensch eigentlich nie zufrieden ist. Dies ist ein Thema, das Holmberg unterschwellig (vielleicht sogar unbewusst) in den Kapiteln von "Schneegrab" versteckt hat, das sich aber auch irgendwie als roter Faden durch das Werk zieht.
Davon einmal abgesehen, ist das Buch aber natürlich auch ein spannender Krimi, bei dem es um die Schicksale der Betroffenen geht. Da wäre der Komissar Harald Morell, dessen Frau nach drei Fehlgeburten endlich einen Sohn gebar, seitdem aber fast geistesabwesend in ihrem Bett liegt. Sie kann ihr Kind nicht stillen, so dass Harald eine Magd für diese Aufgabe hinzuziehen muss. Das Dilemma, eigentlich glücklich über das Kind, andererseits aber auch traurig über das geistige Ableben der eigenen Gattin zu sein, trägt Morell schließlich auch in sich, als er nach dem Mörder von Greta sucht. Als er glaubt, ihn gefunden zu haben, wird Harald aus Wut und Bosheit richtig aggressiv und brutal und schlägt wohl teilweise auch aus einer Verzweiflung heraus auf ihn ein.
Es sind diese Momente, die aus diesem Krimi eine ganz besondere Geschichte machen und mich schließlich doch zu der Aussage führen, dass Holmberg eine sehr tiefgreifende Story kreiert hat, zu der die simple Stilistik und das umgangssprachliche Schriftbild fast schon konträr sind. Dies hat jedoch auch eine ganz spezielle Wirkung, denn so findet man sich schnell in die Handlung ein, begreift aber dennoch, dass hinter "Schneegrab" mehr als nur ein Kriminalroman steckt. Was soll ich sagen, mich hat das Buch auf eine ganz eigene, schwer zu beschreibende Art und Weise berührt. Ich liebe diese Geschichten, in denen ganz einfache Leute die Hauptrollen übernehmen, und in dieser Hinsicht ist "Schneegrab" wirklich eine Ausnahmeerscheinung.
Der schwedische Krimi hat ja aufgrund der ureigenen Mentalität der dort lebenden Menschen ohnehin eine Sonderstellung inne, und mit diesem Buch hat er diese noch weiter ausbauen können. Björn Backes [27.09.2005]
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