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Buch-Reviews

Wolfsmond (Der Dunkle Turm V) (King, Stephen)

Auflage: 1. Auflage November 2003
Erscheinungsjahr: 2003
ISBN: 3-453-87414-5
Verlag: Heyne
Genre: Horror & Unheimliches

2 Reviews

Ihre Reise durch die Mittwelt, eine parallele Welt, die durch mysteriöse Portale mit unserer Erde verbunden ist, hat den Revolvermann Roland Deschain von Gilead und seine drei durch Dimension und Zeit zu ihm gekommenen Gefährten Susannah (aus 1964), Jake (1977) und Eddie Dean (1987) ein Stück näher an den mystischen "Dunklen Turm" gebracht, der das symbolische Zentrum des geordneten Universums darstellt. Die Mächte des Chaos versuchen unter dem Einfluss des Scharlachroten Königs diesen Turm in ihre Gewalt zu bringen. Gelingt ihnen das, ist die Welt, wie wir oder die Bewohner von Mittwelt sie kennen, verloren - dann herrscht der König mit Schmerz und Tod.

Zur Zeit ziehen Roland und die Seinen durch ein Grenzland im Westen der Mittwelt. Hier leben die Menschen nach eigenen Gesetzen und Regeln und fahren gut damit. Der Alltag ist hart, der Boden karg, gefährliche wilde Bestien streifen durch die Nacht. Aber die Männer und Frauen, die in oder um die kleine Stadt Calla Bryn Sturgis leben, kennen es nicht anders und sind zufrieden.

Doch nun kündigt sich Böses an: Die "Wölfe von Calla" sind wieder auf einem ihrer seltenen, aber unbarmherzigen Raubzüge. Söldner des Bösen sind es, die in Werwolf-Gestalt für noch grässlichere Herren kämpfen, munkelt man. Sie ziehen durch das Land und fordern von den Farmern Ausrüstung, Verpflegung - und Zwillingskinder! Diese werden einer unbekannten Prozedur unterzogen, die sie als hirnlose, in groteske Höhe wachsende "Minder" zu ihren Familien zurückkehren lässt.

Tian Jaffords will seinen Nachwuchs nicht den Wölfen opfern. Er ruft seine Mitbürger zum Widerstand auf. Pere Donald Callahan, der Dorfgeistliche, stellt sich auf seine Seite. Die Männer von Calla sind keine Kämpfer und scheuen die Gewalt. Doch Callahan, der einst aus den USA des Jahres 1983 nach Mittwelt kam, kennt eine Alternative. Er hat von Roland und seinen Gefährten erfahren und weiß, dass die Revolvermänner von Gilead verpflichtet sind, den Schwachen ihrer Welt zu helfen, wenn diese sie darum bitten.

Die uralte Verpflichtung wird von Roland ernst genommen, obwohl nicht alle Bewohner der Calla hinter ihm stehen. Viele fürchten die Rache der Wölfe oder haben keine Kinder, die in Gefahr sind. Außerdem gibt es Verräter, die für die Wölfe spionieren. Der Feind weiß Bescheid, bevor die eigentliche Schlacht beginnt. Ohnehin kämpfen Roland und seine Gefährten an zwei Fronten: Im fernen New York gilt es die geheimnisvolle Rose, Symbol für den Fortbestand der universellen Ordnung, vor den Schergen des Scharlachroten Königs zu schützen ...


"Wie man Überdruss und Ideenarmut zum Programm erhebt": Auch das wäre ein passender Titel für diese Besprechung. Schon längst hat sich Stephen King entweder geistig von seinem einstigen literarischen Lieblingskind, der "Saga vom Dunklen Turm", verabschiedet, oder sich in den filzigen Schlingen des Monumentalwerkes verheddert; vermutlich trifft beides zu. Aber die Fans heulen nach Fortsetzung, Verträge wurden geschlossen. So muss King wohl oder übel immer wieder ran, um sich neue Episoden einer inzwischen recht sinnfreien Reise aus dem Hirn zu wringen.

Zwanzig Bände hatte der Verfasser ursprünglich angedroht; sieben werden es letztlich bleiben, denn King hat die Notbremse gezogen. Freilich sind die Teile 4 und jetzt 5 auf ein Seitenmaß angeschwollen, welches das Gesamtwerk, sollte sich King nicht disziplinieren, zum Stapel getürmt zu einem ganz eigenen Turm formen wird.

"Getretener Quark wird breit, nicht stark" - eine alte Binsenweisheit, die hier einmal mehr Bestätigung findet. Wer meinte, nach Turmband 4 - "Glas" - könne es unmöglich noch schlimmer kommen, muss sich hier eines Schlechteren belehren lassen. Es stört nur beiläufig die Unmöglichkeit, als nicht Eingeweihter noch in die Geschichte "einzusteigen" - der Verfasser selbst warnt in seinem Vorwort allzu wagemutige Leser: Es gilt sich durch vier Bände zu kämpfen, will man den Anschluss finden.

Gravierende Kritik richtet sich gegen die Kluft zwischen Ambition und Ausführung. Lässt man sich durch Kings Wortgedonner oder seine allgegenwärtigen Andeutungen auf angeblich gewaltiges Geschehen im geheimnisvoll multidimensionalen Gefüge des Universums (das bei ihm eher ein Multiversum ist) nicht beeindrucken, kann man "Wolfsmond" in zwei simpel gestrickte Handlungsstränge zerlegen.

Da ist zum einen die Fortsetzung der Reise zum Dunklen Turm. Obwohl es inzwischen angeblich eilt, ihn zu erreichen, bevor der böse Gegner sich seiner bemächtigt, bummeln Roland & Co. recht gemächlich durch Zeit und Raum. Sie haben mehr als genug damit zu tun, das immer schwerer werdende Gepäck unbewältigter Konflikte mit sich zu schleppen, das ihnen King in den vergangenen vier Bänden aufgebuckelt hat. Identitätskrisen, üble Flashbacks, Streitigkeiten, diverse Besessenheiten - ständig sucht eine neue Plage unsere kleine Schar heim, die stets ausführlich diskutiert werden muss.

Strang Nummer Zwei ist wahlweise als genialer Schachzug oder als bodenlose Unverfrorenheit zu bewerten. King macht gar keinen Hehl daraus, dass der Kampf gegen die Wölfe der Calla eine (sacht) ins Fantastische verfremdete "Hommage" an den Westernklassiker "The Magnificent Seven" (dt. "Die glorreichen Sieben") aus dem Jahre 1960 ist: Die friedlichen Bewohner eines abgelegenen Dorfes werden regelmäßig von Banditen überfallen. Um sich zu wehren, heuern die Bürger eine Schar professioneller Revolvermänner an, die den Schurken nach vielen Schlachten und unter großen Verlusten den Garaus macht.

Zwar weist King darauf hin, dass sich auch Hollywood diesen Stoff bereits "entliehen" hatte (er basiert auf Akira Kurosawas "Die sieben Samurai" von 1954), aber er kann anders als die Macher der US-Version ganz sicher nicht für sich beanspruchen, aus der Vorlage etwas Originelles geschaffen zu haben. Also versucht er es erst gar nicht bzw. will seine Leser auf seine Seite ziehen, indem er sie mit allerlei Insider-Mätzchen ablenkt. So finden wir unter den Bewohnern der Calla viele, die in Gestalt und Benehmen den Figuren klassischer Westernfilme und -geschichten gleichen. Einige tragen sogar bekannte Namen; so heißt ein prominenter Dorfbürger Wayne D. Overholser - im "realen Leben" ein bekannter Verfasser von Wildwest-Romanen. Und "Calla Bryn Sturgis" erinnert an John Sturges, der "Die Glorreichen Sieben" inszeniert hat.

Weil es inzwischen kaum noch möglich ist, sich im Gestrüpp der "Turm"-Saga zurecht zu finden, schaltet King immer wieder Rückblenden - und noch mehr Rückblenden. Ständig komplizierter wird das Geschehen. King täuscht auf diese Weise eine Tiefe vor, die seine Geschichte bei kritischer Betrachtung einfach nicht (mehr) hergibt.

Womit die Verflechtungen gerade erst anfangen. King hat damit begonnen, nicht nur die "Turm"-Saga", sondern auch sein eindrucksvolles Gesamtwerk zu einem eigenen Kosmos zu formen. Er bezieht sich immer wieder auf Ereignisse, die nicht in der Mittwelt ihren Ursprung nahmen. So ist Pater Callahan, den unsere Reisenden in der Calla treffen, eine Figur aus "Salem's Lot" (1975; dt. "Brennen muss Salem"). Plötzlich mischen auch die Vampire aus dem Marstenhaus beim Kampf um den Turm mit. King scheint es gleichgültig zu sein, wie bemüht das wirkt.

Längst lappt das "Turm"-Universum umgekehrt in die "normalen" King-Werke hinein. "Black House" (2001; dt. "Das Schwarze Haus") ist sogar fast eine "inoffizielle" Episode. "Hearts of Atlantis" (1999; dt. "Atlantis") knüpft ebenfalls Gemeinsamkeiten. "Glas" spielte u. a. in der Welt von "The Stand" (1978/90; dt. "Das letzte Gefecht"). Weitere Querverbindungen aufzulisten überlasse ich denen, die solche Nitpicker-Spielereien schätzen. (Ganz zu schweigen von der Fahndung nach kingfremden "Gaststars" wie den "Schnaatz" aus den "Harry Potter"-Abenteuern.) Das Ergebnis straft den Aufwand Lügen. King leistet hier eine Fleißarbeit, die er lieber in eine straffe Handlung investieren sollte.

Bleiben bei allem Gemurre eigentlich auch positive Aspekte? Selbstverständlich, denn King war und ist ein gewandter Geschichtenerzähler, der sein Handwerk beherrscht. Zuverlässig stößt man genau dann, wenn man den "Wolfsmond" eigentlich schon in einem einsamen Winkel des Bücherschranks untergehen lassen möchte, auf eine fesselnde Passage, die den Verfasser auf der Höhe zeigt. Recht souverän weiß er zudem die Genres zu mischen: "Wolfsmond" ist Fantasy, Science-Fiction, Horror, Western, Thriller, Liebesgeschichte ... Die Liste dürfte unvollständig sein.

Im großen Finalkampf zieht das Tempo an. Da spürt man endlich den alten King-Zauber wieder. Hoffentlich hält er an, denn es gilt. sich bald durch die beiden abschließenden Bände der "Turm"-Saga zu kämpfen. King setzt zum Befreiungsschlag an und wirft sie binnen eines Jahres auf den Buchmarkt. Anschließend haben er und wir endlich unsere Ruhe.

Roland von Gilead hat Arthritis. Susannah ist mit einem Dämonenbaby schwanger und wieder schizophren. Gatte Eddie macht sich berechtigte Sorgen. Nesthäkchen Jake wird erwachsen und begehrt gegen Ersatzvater Roland auf. Weiter keine besonderen Vorkommnisse in der Schar unserer Revolverhelden. Was immer diese bewegt, wir kennen es bereits, denn es sind nur Variationen (allzu) bekannter Seelenqualen.

Die Bewohner der Calla sind Statisten aus einem Italo-Western, der in den Kulissen der Cowboy-Seifenoper "Gunsmoke" (dt. "Rauchende Colts") gedreht wurde. Handfestes Landvolk, schlicht im Geiste, aber gut und mutig - dieses Lied singt King auf so vielen Buchseiten, dass man es rasch über hat. Er beherrscht die Klaviatur der menschlichen Alltäglichkeit so gut wie bisher, aber was nützt das, wenn es ihm misslingt, uns diese "Howdy"-Phrasen dreschenden Popanz-Pioniere wirklich nahe zu bringen?

Pater Callahan ist keineswegs die tragische Gestalt, die der Autor gern aus ihr gemacht hätte. Für den King-Historiker ist es zweifellos interessant zu erfahren, welche "Fortsetzung" die Ereignisse aus "Brennen muss Salem" nahmen. Hier dehnen sie sich allerdings über mehrere Rückblenden aus, die fast schon ein eigenes Buch füllen könnten. Mit dem eigentlichen Geschehen haben Callahans Erlebnisse grundsätzlich nichts zu tun, obwohl King schließlich eine dürftige Verbindung konstruiert.

Was sich sonst diesseits und jenseits der Dimensionsportale tummelt, ist so zahlreich, dass es schwerfällt den Überblick zu behalten. So wichtig ist es allerdings gar nicht. Zumindest die Bösen treten ohnehin in immer neuen Masken auf. Der King-Fachmann erkennt hier erneut manchen alten Bekannten. Immerhin gelingt dem Verfasser auch hier manchmal ein Glückstreffer: Service-Roboter Andy macht als Parodie auf den Blechmann aus "Der Zauberer von Oz" eine gute Figur. Und wie es aussieht, tritt King im Schatten des Turm womöglich höchstpersönlich in seine literarische Welt.

Michael Drewniok [26.06.2004]

Die surreale Jagd des Revolvermanns Roland von Gilead auf den Mann in Schwarz und seine Suche nach dem "Dunklen Turm" durch die westernähnliche Mitt-Welt begann bereits im Jahre 1982.

Stephen King spukten die Ideen zu seinem selbsterklärten Lieblingswerk schon seit seiner Jugend im Kopf herum. Man kann an der Serie, die alle 5-6 Jahre fortgesetzt wurde, auch gut stilistische Veränderungen Kings erkennen. Verglichen mit dem noch unausgegorenen ersten Band, in dem mit Roland eine der eindrucksvollsten Romanfiguren Kings entstand, ist der 5. Band "Wolfsmond" ("Wolves of the Calla") bereits ein Brilliant. Die abschließenden zwei Bände werden im Sommer bzw. Herbst 2004 erscheinen.

King höchstpersönlich empfiehlt in dem fünfzehn Seiten langen Vorwort, das einen Überblick über die bisherige Handlung des Turmzyklus gibt, aber dennoch nicht ausreicht, um die Charaktere und Zusammenhänge dem Neueinsteiger wirklich nahezubringen:

Wer die Vorgängerbände "Schwarz", "Drei", "Tot" und "Glas" nicht kennt, der kann Wolfsmond nicht allzu viel abgewinnen. Er verdirbt sich selbst den Spaß! In der Tat ist der Dunkle Turm von King für sich und seine Fans geschrieben worden: Auch Wolfsmond enthält wieder zahlreiche Referenzen auf und sogar Charaktere aus anderen Werken Kings. Diese Kritik ist, wie das Buch, nur für Kenner des Turmzyklus gedacht. Alle anderen sollten etwas anderes lesen oder den Zyklus von vorne beginnen.


Die Handlung von "Wolfsmond" ist schnell erzählt: King hat mit dem aus "Brennen muss Salem" bekannten Pater Callahan eine neue Figur ins Spiel gebracht und die Weichen für die finalen Bände gestellt, der Großteil der Geschichte beschäftigt sich mit den Überfällen der namensgebenden Wölfe ("Wolves of the Calla") auf das Mitt-Welt-Farmernest Calla Bryn Sturgis.

Dort werden seit langer Zeit fast ausschließlich Zwillingspärchen geboren. Einigen der Zwillinge steht ein grausiges Schicksal bevor: Knapp alle 20 Jahre verkündet der Kurierroboter Andy den Angriff der Wölfe. Die Wölfe sind menschenähnliche Wesen mit Masken und futuristischer Bewaffnung, die mit ihren grauen Pferden auf Menschenraub gehen. Das geraubte Kind kehrt einige Wochen später zurück – "minder" im Sprachgebrauch der Calla: Sie können oft kaum noch sprechen, sind unfruchtbare, lallende Idioten. Sie wachsen unheimlich schnell zu gigantischer Größe heran und sterben früh. Teilweise nutzt man sie als Zugtiere für Pflüge, damit sie einen Beitrag zu ihrer Ernährung leisten und nicht nur gefüttert werden müssen.

Die Dörfler suchen Hilfe; der nächste Überfall steht an und Pater Callahan gibt ihnen einen Rat: Wenn man selbst zu schwach ist, sich gegen die Wölfe zu wehren, muss man Killer anheuern. Roland und sein Ka-Tet befinden sich in der Nähe und werden von den Bewohnern um Hilfe gebeten…

Während Roland noch die Verteidigung der Calla plant, birgt Callahans Kirche ein dunkles Geheimnis: die mächtigste Zauberkugel der Hexe Rhea, die "schwarze Dreizehn". Diese schickt seine Begleiter "flitzen": Sie tauchen im New York des Jahres 1977 auf. Dort wollen Schergen des Turms ein Grundstück von Calvin Tower kaufen, auf dem die "Rose" wächst, die Manifestation des dunklen Turms in dieser Welt.

Nur Susannah bleibt meist in Mitt-Welt: Sie ahnt noch nicht, was Roland den anderen nach und nach mitteilt: Sie ist schwanger – aber nicht von Eddy, scheinbar trägt sie die Brut eines Dämonen in sich. Nachts ergreift eine andere Persönlichkeit, Mia, von Susannahs Körper Besitz und füttert den Dämonenembyro mit rohem Fleisch, frisst Frösche und Ratten.

Der aus "Brennen muss Salem" bekannte Pater Callahan erzählt von seinen Erfahrungen mit Vampiren: Sie haben ihm großes Leid zugefügt und seine Freunde angefallen, während er von ihnen gebissen, aber nicht zum Vampir gemacht wurde. Er hat dadurch besondere Fähigkeiten gewonnen und Erfahrung mit der "schwarzen Dreizehn" und dem durch sie verursachten "Flitzen". So kämpft das nun um Callahan verstärkte Ka-Tet in Mitt-Welt gegen die Wölfe und versucht in New York durch eine kleine Zeitreise mit Hilfe von Susannahs Vermögen das Grundstück mit der Rose zu erwerben… Erschwerend kommt hinzu, dass man diese über ihren Zustand aufklären muss und die Geburt des Dämonenkinds in Kürze bevorsteht. In letzter Minute vor dem Angriff können Jake und sein Bumbler Oy das wahre Wesen der Wölfe herausfinden und ihnen mit Rolands Hilfe eine Falle stellen.


Um auf den Punkt zu kommen: Wolfsmond ist der bisher beste Teil der Turm-Saga – auch wenn einige herbe Wermutstropfen den Spaß trüben.

Erzähltechnisch und vom Schreiberischen ist Stephen King auf dem Gipfel seines Schaffens; keiner der Vorgänger konnte so geschickt ein so surreales Szenario wie das der Wölfe und der Calla einführen, ohne dabei in verwirrenden Längen und Belanglosigkeiten auf der Stelle zu treten. Pater Callahan ist eine überraschende, aber gelungene Ergänzung des Ka-Tets um Roland – mit dem Bumbler Oy und ihm mittlerweile ein Sextett.

Der Teil um die Vampire und Callahans Geschichte wird sich leider nur Kennern des Romans "Brennen muss Salem" zur Gänze erschließen, kann aber auch ohne Kenntnisse als eigenständige Horror-Geschichte überzeugen.

Kritik muss ich an unnötigen Spielereien Kings üben: Die Wölfe werden wunderbar geheimnisvoll aufgebaut, erst hatte ich eine Horde Rocker der Hell's Angels vor Augen, dann Zombies auf Motorrädern, später… Einfach klasse gemacht. Dann entzaubert King alles, und das auf eine sehr enttäuschende Weise: Erst wird einem die nie genau geschilderte Figur des Kurierroboters Andy als ein blauäugiger C3-PO aus Star Wars serviert, dann werden die Wölfe zu Witzfiguren degradiert: Ihre Bewaffnung haben sie aus den Arsenalen der Jedi-Ritter und sogar von Harry Potter geklaut, ihre Masken und Kostüme aus Marvel Comics. Die surreale Atmosphäre erhält so einen üblen, kitschig-billigen Touch.

Der zweite Kritikpunkt ist der Zusammenhang zum Dunklen Turm selbst: Die Calla ist ein Nebenkriegsschauplatz, das Geheimnis und die Ursache für das Erscheinen der Wölfe bzw. ihre Ziele werden in einem einzigen Satz abgehandelt! Offensichtlich diente sie nur als interessante Nebenhandlung zur bei weitem nicht so interessanten Haupthandlung. Der Grundstückskauf in New York und das "Flitzen" - im Original übrigens ein von King geschaffenes Kunstwort, "TODASH" - hätten wohl kein Buch füllen können, ebenso wenig wie Susannahs Dämonenkind. Die Handlung um den Turm geht erst mit dem Cliffhanger am Ende weiter – darüber verrate ich hier aber weiter nichts, um nicht zu viel vorweg zu nehmen.


Fazit: Schriftstellerisch der beste Band des dunklen Turms, spannender und angenehmer zu lesen als seine Vorgänger. Die schiere Belanglosigkeit der Handlung mit Bezug zum Turm selbst kann nach Jahren des Wartens Fans frustrieren, King muss in den letzten beiden Bänden ordentlich Gas geben, wenn er zu einem zufrieden stellenden Ende kommen will. Die oft vulgäre und direkte Ausdruckweise ist man von King's Romanen schon gewohnt, die geballte Masse der Hommages an unsere moderne Gesellschaft und ihre Helden wie Harry Potter und die Jedi-Rittern und viele andere hätte er sich jedoch besser sparen sollen.

Kritik hörte ich vereinzelt an der Übersetzung, kann diese jedoch nicht teilen: Das Kunstwort "TODASH" für das "Flitzen" konnte man kaum äquivalent übersetzen, ansonsten hat Wulf Bergner hervorragende Arbeit geleistet. Hervorzuheben ist die Umschlaggestaltung durch die Werbeagentur Haupmann und Kampa: Wie Kupfer glänzen Titelbild und Beschriftung, das Buch selbst ist sehr gut gebunden und in gleicher Farbe beschriftet. Da kann man es verzeihen, dass der 939 Seiten (Amazon.de gibt fälschlicherweise 850 an) dicke Wälzer die nicht ganz treffende Übersetzung "Wolfsmond" für "Wolves of the Calla" erhalten hat und eine Sonnenfinsternis die Szenerie beleuchtet. Selten habe ich ein schöneres Cover gesehen!

Die edle Aufmachung macht das Buch zum idealen Geschenk für jeden King-Fan, es stellt in meinen Augen trotz erwähnter Schwächen den bisher besten Roman um den dunklen Turm dar.


Homepage des Autors: http://www.stephenking.com

Michael Birke [08.12.2003]

 

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