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Buch-Reviews
Zeitmaschine, Die (Wells, H. G.)
 |  | Auflage: März 2002 Erscheinungsjahr: 1996 ISBN: 3-423-12234-X Verlag: dtv (Deutscher Taschenbuch Verlag) Genre: Fantasy / Science-Fiction
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1 Review
Richmond an der Themse, ein Vorort Londons, im Jahre 1891: Einem genialen, leider namenlos bleibenden Forscher und Erfinder (1) ist es gelungen, das flüchtige Wesen der Zeit zu begreifen. Sein Wissen setzt er sogleich in die Praxis um und baut der Welt erste Zeitmaschine. Ohne sich mit vorsichtigen Versuchen aufzuhalten, begibt sich unser Held sogleich beherzt auf eine Reise in die ferne Zukunft. Die holprige Fahrt endet im Jahre 802.701 n. Chr. - etwas abrupt, aber zunächst glücklich und im Paradies auf Erden, in das der Mensch nun endlich dank des Fortschritts zurückgekehrt zu sein scheint. England hat sich in ein sonnig-warmes Utopia verwandelt, dessen menschliche Bewohner, die ätherischen Eloi, ein Leben ohne Krieg, Hunger, Arbeit oder ähnliche Plagen führen. Allerdings ist doch nicht alles Gold, was da glänzt: Der Fortschritt ist teuer erkauft worden. Als der tägliche Überlebenskampf überflüssig wurde, begann die Menschheit zu degenerieren. Von uralten, aber zuverlässigen Maschinen mit Nahrung und Kleidung versorgt und in einer Welt des ewigen Sommers lebend, haben sich die Eloi bedingungslos dem sorglosen Müßiggang ergeben und darüber jegliche Initiative verloren.
Die Furcht ist übrigens nicht ausgestorben in diesem Paradies, das durchaus seine Schlange kennt: Des Nachts steigen deformierte, affenähnliche, albinotische Kreaturen aus Schächten und unterirdischen Kavernen hinauf an die Oberfläche und jagen die Eloi, um sie zu fressen: Die Morlocks sind die zweite, grotesk mutierte Menschenrasse. Einst waren sie verantwortlich für die Versorgung und Wartung der großen Maschinen, und dieser Tätigkeit gehen sie auch heute noch nach, obwohl sie es nur noch instinktiv tun, da nach Äonen in der Dunkelheit ihr Intellekt längst verkümmert ist. Die Restintelligenz reicht aber aus, dem Reisenden seine Zeitmaschine zu entführen. Verzweifelt stöbert dieser in den Ruinen der versunkenen Zivilisation nach Hilfsmitteln oder Waffen, um gegen die Morlocks vorzugehen. Auf die Eloi kann er dabei nicht zählen, obwohl er inzwischen in der jungen Weena sogar eine Gefährtin gefunden hat. Die Morlocks lauern dem Paar auf, und nur der Reisende kann ihnen entkommen - und endlich die Zeitmaschine wiederfinden. Die wütenden Morlocks zwingen zur planlosen Flucht, die den Reisenden 30 Millionen Jahre in die Zukunft und in eine Zeit führt, da alles Leben auf der Erde erloschen ist ...
Die "Frühgeschichte" der Science-Fiction verwirrt den Literaturhistoriker nach wie vor durch viele ungeklärte Fragen. Einige Fixpunkte stehen indes fest, und das Jahr 1895 gehört ganz sicher in die Chronologie des Genres. In diesem Jahr verkaufte ein junger Nachwuchs-Schriftsteller sein erstes Werk, einen Kurzroman mit dem Titel "The Time Machine". Von "Science Fiction" war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede; dieser Begriff wurde erst drei Jahrzehnte später und auf einem anderen Kontinent geprägt. Aber "Die Zeitmaschine" ist SF - ganz besondere SF sogar, denn Herbert George Wells (1866-1946) war derjenige, der quasi im Alleingang die meisten der noch heute grundlegenden Motive ins Leben rief. Binnen weniger Jahre "erfand" er nicht nur die Zeitreise, sondern u. a. auch die außerirdische Invasion ("The War of the Worlds", 1898; dt. "Der Krieg der Welten") oder den Genetik-Thriller ("The Island of Doctor Moreau", 1896; dt. "Die Insel des Dr. Moreau") (2).
Das Wissen um die Tatsache, dass Wells mit der "Zeitmaschine" die SF-Bühne betrat, ist wichtig, wenn man heute zu einem angemessenen Urteil über dieses Werk gelangen möchte. Denn der Leser, der sich im 21. Jahrhundert zum ersten Mal und erwartungsfroh aber ungewarnt diesem Klassiker widmet, dürfte schon nach wenigen Seiten der Lektüre erst verblüfft und dann womöglich gelangweilt sein. "Die Zeitmaschine" ist nicht gerade ein Höhepunkt spannender Unterhaltungsliteratur - und das ist noch eine Untertreibung! Tatsächlich geschieht nach heutigen Maßstäben herzlich wenig, so dass sich selbst die knapp 160 nicht gerade eng bedruckten Seiten der aktuellen deutschen Ausgabe spürbar in die Länge ziehen können. Der junge H. G. Wells musste 1895 definitiv noch tüchtig an seiner Fähigkeit arbeiten, einen geschlossenen Handlungsbogen zu spannen. "Die Zeitmaschine" ist ein Erstlingswerk und einerseits zwar ein Feuerwerk inzwischen unsterblich gewordener Regeln und Situationen, aber andererseits seltsam unfertig und "roh".
Dem lesenden Publikum nähern sich die Schriftsteller der Jetztzeit längst anders. Wells konnte seinen Lesern 1895 noch eine theoretisch-trockene Einleitung über das Wesen der Zeit zumuten (3), ehe die eigentliche Geschichte einsetzte. Das wird heutzutage wohlweislich en passant und als Element der Handlung ins Geschehen integriert. Aber selbst als die Zeitreise endlich beginnt, hält sich die Freude des Lesers in Grenzen. In der Rückschau hat Wells einen vermeidbaren Fehler begangen, indem er seine Geschichte ziemlich abrupt in einer fernen Zukunft beginnen lässt. Der Kinofilm von 1960 bedient sich der Dramaturgie des allmählichen und dadurch wesentlich intensiveren Spannungsaufbaus geschickter, indem er diesem Großen Sprung über 800.000 Jahre ein "Sprünglein" über wenige Jahrzehnte in eine Zukunft vorschaltet, die sich von der "Startzeit" zwar unterscheidet, aber noch deutliche Bezüge zur Vergangenheit aufweist. Auf diese Weise kann sich der Zuschauer (bzw. Leser) mit dem Phänomen der Zeitreise viel besser vertraut machen.
Aber H. G. Wells plante auch gar nicht das erste und ultimative Zeitreise-Abenteuer. "Die Zeitmaschine" ist primär eine Parabel, verpackt in Unterhaltung, um eine recht bittere Pille schmackhafter zu machen. Denn sauer ist die Medizin zweifellos, die Wells seinen Lesern verabreichen wollte. Was heute "nur" noch als SF-Klassiker gefeiert wird, war einst vor allem eine deutliche Kritik an den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen im Großbritannien des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Offiziell sonnte sich das Empire, das sich den Großteil der bekannten Erde untertan gemacht hatte, im Glanze eines scheinbar grenzenlosen Fortschritts. Naturwissenschaft und Technik überschlugen sich fast in der Entwicklung neuer und wunderbarer Entdeckungen und Erfindungen, die das Unmögliche möglich machten. Die Komplettierung des Wissens um die Welt schien unmittelbar bevorzustehen, und nicht einmal der Himmel schien eine Grenze darzustellen.
H. G. Wells sah allerdings schon weiter und hinter die Kulissen dieser schönen neuen Welt. Als Kind kleiner und nur mäßig erfolgreicher Geschäftsleute bewahrte er sich Zeit seines Lebens einen scharfen Blick für soziale Ungerechtigkeiten. So war ihm schon 1895 sehr wohl bewusst, dass der scheinbare Fortschritt des modernen Großbritannien keineswegs allen Bürgern zugute kam. Stattdessen klaffte die Schere zwischen Reich und Arm weiter auseinander denn je. Hellsichtig erkannte Wells im Zeitalter der Industrialisierung die Gefahr der Entstehung einer neuen, recht- und gesichtslosen Arbeiterklasse, die - im rußigen Finstern gigantischer Fabriken schuftend - den Reichtum einer kleinen, dem gerechten Teilen abholden Oberschicht in nie gekanntem Maße steigern mussten. Diese geknechteten Arbeiter sind die Vorfahren der Morlocks, ihre Herren die der Eloi; eine Analogie, die nicht zwischen den Zeilen der "Zeitmaschine" entsteht, sondern von Wells konkret angesprochen wird.
Seine Brisanz gewann dieses Bild durch Wells‘ Darstellung der Eloi als einerseits überzüchtete Nichtsnutze, die andererseits dem Terror der Morlocks selbst verschuldet ausgeliefert sind; Herren und Sklaven werden einst ihre Rollen tauschen, bleibt die soziale Gerechtigkeit weiterhin eine Phrase, so Wells‘ düstere Prognose. Interessant ist dabei der differenzierte Entwurf der Morlocks. Diesen wird (anders als in den Kinofilmen von 1960 und 2001) keineswegs die Rolle des tumben Bösewichtes zugewiesen. Stattdessen sind die Morlocks doppelt verdammt - zunächst in den Untergrund und ins gesellschaftliche Abseits verdrängt, dann in ihrem unfreiwilligen Exil zu primitiven, blutrünstigen Kannibalen heruntergekommen: Hier offenbart sich H. G. Wells als (gemäßigter) Sozialist und aktives Mitglied der 1884 gegründeten (und noch heute aktiven), linksliberalen "Fabian Society", die sich den Kampf für soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben hat. (Klar, dass dieser Aspekt von Hollywood sogleich eliminiert wurde!)
So ist "Die Zeitmaschine" auch oder sogar vor allem ein Dokument dieses lebenslangen Kampfes, den H. G. Wells immer wieder didaktisch in sein Werk einfließen ließ. Nicht immer will sich das Belehrende mit dem Unterhaltsamen harmonisch mischen, Mehr als ein Jahrhundert später haben sich die Fronten im Krieg zwischen "Reich" und "Arm" (und ein Krieg ist es in unserer globalisierten Gegenwart mehr denn je) zudem verschoben, so dass Wells‘ Kreuzzug (so paradox es klingen mag) inzwischen von der Zeit eingeholt wurde. Stattdessen stechen nun die Verwerfungen der ohne "richtiges" Ende ausfasernden Handlung und die logischen Fehler deutlicher ins Auge. Der Wissenschaft verdanken wir z. B. die Erkenntnis, dass die Sonne keineswegs schon in 30 Millionen Jahren erlöschen und dadurch das irdische Leben tilgen wird. Dafür kann Wells nichts, der als astronomischer Laie auf dem Wissensstand seiner Zeit aufbauen musste, und was wichtiger ist: Seine Vision vom Ende der Zeit fasziniert noch heute durch die Wortgewalt, mit der sie beschworen wird (4). Nur ganz kurz widmet sich Wells dem Abstecher in die allerfernste Zukunft, doch es sagt viel über die zeitlose Klasse der "Zeitmaschine" aus, dass diese wenigen Seiten die "offizielle" Fortsetzung - verfasst (bzw. auf mehr als 700 Seiten ausgewalzt) zum 100. Jahrestag 1995 vom SF-Routinier Stephen Baxter - turmhoch überragen.
Fazit: "Die Zeitmaschine" ist mit Fug und Recht ein Klassiker der Science-Fiction, darf aber heute nicht mit zu hohen bzw. den falschen Erwartungen gelesen werden, da vieles, was für den Zeitgenossen 1895 noch neu war oder als Sensation galt, längst von der Realität eingeholt wurde. Als Autor war Wells zweifellos seiner Zeit voraus - aber keineswegs ein volles Jahrhundert. Wer dies bei der Lektüre berücksichtigt, wird allerdings durch ein Stück SF-Geschichte belohnt, das stilistisch die Mehrheit der Wells-Epigonen geradezu grausam in den Schatten stellt.
Anmerkungen:
(1) Erst im Film von 1960 wird ihm - wie originell - der Name "George" verliehen.
(2) Nicht zu vergessen "The Invisible Man" (1897; dt. "Der Unsichtbare"), "The Food of the Gods" (1904; dt. "Menschen, Göttern gleich") oder "In the Days of the Comet" (1906; dt. "Im Jahre des Kometen").
(3) Siehe da: H. G. Wells entpuppt sich damit auch als Erfinder des "Technobabble" à la "Star Trek" - und versteigt sich im unsinnigen Bemühen, die Zeitmaschine "logisch" zu erklären, sogleich in dieselben berüchtigten, weil ellenlangen und sterbenslangweiligen Exkurse, die später den Aufenthalt in den Maschinenräumen der diversen "Enterprises" zur Qual werden lassen.
(4) Ich habe Vergleichbares (außer natürlich bei Olaf Stapledon) nur noch bei William Hope Hodgson (1874-1918) in "The House on the Borderline" (1908, dt. "Das Haus an der Grenze") oder "The Night Land" (1912, dt. "Das Nachtland") gelesen - und es ist ziemlich klar, von wem dieser "inspiriert" wurde!
Michael Matzer hat bei uns auch die Hörbuchfassung der "Zeitmaschine" besprochen. Michael Drewniok [01.07.2005]
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