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Buch-Reviews
Verteufelter Heavy Metal (Erweiterte Neuausgabe) (Wehrli, Reto)
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3 Reviews
Dass Heavy Metal in Teilen unserer Gesellschaft nicht gerade den besten Ruf genießt, ist bekannt. Ebenso die Tatsache, dass Heavy-Bands ab und an für Skandale sorgen und damit Aufruhr seitens des Gutbürgertums auslösen, was immer wieder in zensorischen Eingriffen gipfelt. Doch was genau steckt dahinter? Mit dieser Frage beschäftigt sich Reto Wehrli im vorliegenden Buch "Verteufelter Heavy Metal".
Das Werk gliedert sich in zwei Hauptteile - "Grundlagen und Geschichte" sowie beispielhafte "Falldarstellungen". Abgerundet wird das Ganze durch viele beanstandete Songtexte und insgesamt 295 Abbildungen, darunter viele der im Text beschriebenen Corpora Delicti, womit man Reto Wehrlis Werk wohl ohne zu zögern ebenfalls in die Liste jugendgefährdender Kunst und Kultur aufnehmen müsste. Ein paar der Bilder weisen jedoch keine gute Qualität auf, da sie zu unscharf aussehen. Kuriose Folge dessen ist, dass die Abbildung manches wegen Gewaltdarstellung beanstandeten CD-Covers (z.B. CANNIBAL CORPSE) in diesem Buch aussieht, als wäre sie gerade deshalb unkenntlich gemacht worden, was aber vom Autor keinesfalls so beabsichtigt war.
Reto Wehrli arbeitet sehr viel mit Zitaten und hat für sein Werk eine sehr umfangreiche Recherche betrieben, was für hohe Objektivität und differenzierte Schilderungen sorgt.
Im Unterschied zur Erstausgabe wurde der Umfang sehr stark erweitert, es wurden mehr Bilder abgedruckt, und die strikte Trennung der beiden oben genannten Teile vorgenommen (in der Erstausgabe waren die Falldarstellungen in die jeweiligen Kapitel eingearbeitet). Hier wird man als Leser allerdings vor die Entscheidung gestellt, ob man sich zuerst in die allgemeinen Abhandlungen und dann in die Fallbeispiele vertieft oder ob man gemäß der Referenzierung der Beispiele immer hin und her pendelt. Bestimmte Sachverhalte tauchen daher auch doppelt auf, z. B. die empörte Aufregung von Tipper Gore über die Obszönitäten auf einem PRINCE-Album, welche die Gründung des PMRC (Vereinigung besorgter Mütter zur Säuberung der Gesellschaft von teuflischer Rockmusik) zur Folge hatte, oder der Selbstmord eines Jugendlichen, der zu dieser Tat angeblich durch den OZZY OSBOURNE-Song 'Suicide Solution' angestiftet wurde, und der dann sogar Gegenstand eines Gerichtsverfahrens gegen den Madman war.
Doch nun erst einmal ein paar Worte zum Aufbau von "Verteufelter Heavy Metal". Zunächst wird der Ursprung des Heavy Metal geklärt und der Autor nimmt eine grundsätzliche Charakterisierung dieser "Teufelsmusik" sowie von deren Anhängern vor. Gerade die Vergleiche zu anderen Genres wie Blues oder dem Horrorfilm machen die Einordnung sehr gelungen. Es werden die Anfänge der Zensurbestrebungen und ihrer Ursachen geschildert, und zum besseren Verständnis erfolgt auch noch eine Abhandlung über die "Psychologie des christlichen Fundamentalismus". Nachdem damit quasi die Grundlagen der Thematik geklärt sind, widmet Wehrli noch ein paar "Besonderheiten" eigene Kapitel. Da wäre zunächst das Phänomen des Backward Maskings (Rückwärtsbotschaften in Rocksongs), in dem er sowohl die typischsten Beispiele (ich sage nur 'Stairway To Heaven') für solche Anschuldigungen detailliert beschreibt, als auch die Wirksamkeit solcher Botschaften vom wissenschaftlichen Standpunkt aus untersucht. Ein weiteres Kapitel reflektiert Literatur von bekennenden Heavy-Metal-Gegnern, deren Thesen er nicht nur auf argumentatorisch hohem Niveau entkräften kann, sondern denen er gleichzeitig auch noch ungenügende Detailkenntnisse und ein oberflächliches, unwissenschaftliches Vorgehen nachweist. Auch dem NS-Black-Metal wird ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem sehr detailliert auf die Vorgänge in Skandinavien als auch im deutschen Raum in den neunziger Jahren eingegangen wird.
Bei den Falldarstellungen, in denen sehr viel Detailwissen wiedergegeben wird, tauchen natürlich auch die hierzulande bekanntesten Beispiele von Zensur und öffentlicher Entrüstung auf; es seien hier exemplarisch die Indizierung von CANNIBAL CORPSE-Covern, die im Zuge der Schulschießereien von Littleton respektive Erfurt massiv angefeindet und dafür (mit-)verantwortlich gemachten Bands MARYLIN MANSON, RAMMSTEIN und SLIPKNOT, oder auch die Playgirl-Nacktfotos eines Peter Steele (im Buch übrigens mehrfach gemächtig abgebildet) genannt. Es sei in diesem Zusammenhang auch gleich darauf verwiesen, dass hier beileibe nicht nur Heavy-Metal-Bands abgehandelt werden, vielmehr werden alle mit Zensurbemühungen in Berührung gekommenen Künstler und damit verschiedenste Musikstile anhand von Beispielen reflektiert, wobei die ältesten vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammen.
Einige der Fallbeispiele kommen ob ihrer Charakteristik für die Thematik dieses Buches sehr umfangreich daher (das sind vor allem die von den SEX PISTOLS, MADONNA und MICHAEL JACKSON), die trotz ihrer Länge stets sehr interessant zu lesen sind, zumal sie zumeist ein recht differenziertes Bild (im Gegensatz zum durch die Medien verbreiteten Kurzeindruck des jeweiligen Künstlers) zeichnen und auch mit psychologischen Interpretationsversuchen und Verhaltensdeutungen nicht hinter dem Berg halten. Vereinzelt sind auch kritische Töne des Autors gegenüber den Künstlern zu hören (beispielhaft seien hier das exzentrische Getue von GUNS 'N ROSES-Sänger Axl Rose und der "unreife Satanismus" derer von BELPHEGOR genannt), insgesamt sind die Darstellungen aber sehr objektiv gehalten.
Auch sehr aktuelle Geschehnisse wurden bereits in die Neuauflage eingearbeitet (z. B. JANET JACKSON und der "Nipplegate"-Skandal), am zeitnahsten ist allerdings die "Entgleisung" von Prinz Harry, der als Faschingskostüm eine Rommel-Uniform mit Hakenkreuz trug, was Wehrli zu einer Bemerkung ob der prophetischen Gabe der SEX PISTOLS veranlasste. Als besonders spannend empfand ich persönlich hingegen gerade die Beispiele der Künstler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da der Autor hier einen interessanten Kontrapunkt zur heutigen Zeit setzt, indem gezeigt wird, womit man damals bereits Provokationen und Empörung auslösen konnte.
Ein paar kritische Bemerkungen müssen jedoch auch getroffen werden, denn bei Reto Wehrli haben sich hie und da ein paar Ungenauigkeiten eingeschlichen. Bei den Ausführungen zum Thema Songtexte offenbart der Autor m. E. ein etwas zu eingeschränktes Sichtbild. Die Feststellung, dass es im Heavy Metal keine Songtexte gibt, die eine positive und optimistische Grundaussage beinhalten und vielleicht sogar Hoffnung oder Romantik propagieren, halte ich in dieser Deutlichkeit für falsch. Natürlich sind solche Lyrics klar in der Minderheit gegenüber den Schilderungen vom zwanglosen Ausleben von Sex, Drugs & Rock 'n' Roll sowie Beschreibungen von Chaos, Vernichtung und Tod - nichtsdestoweniger gibt es einige (auch sehr bekannte) Bands, deren Songtexte konträr dazu stehen. Das beschränkt sich dann auch nicht auf die christlichen White-Metal-Bands, es sei nur einmal auf Gruppen wie SAVATAGE oder PAIN OF SALVATION verwiesen.
Bei der Thematisierung der in den Lyrics zum Ausdruck gebrachten Gesellschaftskritik hätte der Autor zudem auch ruhig darauf eingehen können, dass sich eben jene Kritik nicht nur am Spießbürgertum bzw. an den aufdiktierten Normen und der Scheinheiligkeit der "heilen Welt der Etablierten" fest macht, sondern durchaus auch "massenkompatible" Kritik zur Sprache kommt, die der textlichen Thematisierung von Tod, Zerfall und Verderben sogar zum Teil entgegensteht. Als Beispiel (viele andere wären möglich) sei hier nur einmal die aktuelle KREATOR-Scheibe "Enemy Of God" erwähnt, auf der mit Kriegstreibern wie George W. Bush aufgeräumt und generell die Lösung von politischen Konflikten mittels Gewalt angeprangert wird.
Auch die Charakterisierung (oder vielleicht sollte ich es eher Psychoanalyse nennen) des typischen Metallers empfinde ich als etwas zu oberflächlich und einseitig. Obgleich Heavy-Metal-Fan zu sein, für die meisten Betroffenen nicht nur den Musikgeschmack, sondern das Lebensgefühl reflektiert, wäre hier eine differenzierte Reflexion angebracht gewesen. Es ist schon ziemlich gewagt, bestimmte Charakter- und Wesenszüge sowie Verhaltensmuster zu definieren und zu behaupten, dass sich in dieses Schema der überwiegende Teil der Metal-Anhänger einordnen lasse. Außerdem scheint mir der Autor den gemeinen Metalfan zu sehr in der Gruppe der Jugendlichen anzusiedeln, die nach Orientierung und eigenen (nicht von außen aufdiktierten) Wertvorstellungen im Leben suchen. Dabei lässt er die Tatsache unter den Tisch fallen, dass Heavy Metal nicht wie noch in den achtziger Jahren als "Teenie-Mucke" kategorisiert werden kann. Natürlich zeichnet sich der Heavy Metal durch eine gewisse rebellische Attitüde aus, zu sehr verallgemeinern sollte man hier dennoch nicht. Auch wird Heavy Metal nicht mehr ausschließlich von Weißen produziert, auch wenn diese natürlich nach wie vor die absolute Mehrheit darstellen. Die Ausführungen zu den angesprochenen Punkten sind somit zwar durch eine unbestreitbar gekonnte Argumentationsführung, allerdings auch durch eine gewisse Einseitigkeit gekennzeichnet.
Es ist allerdings festzuhalten, dass dies die absolute Ausnahme darstellt, und die Argumentationen insgesamt sehr fundiert und für den Leser nachvollziehbar sind. Sprachlich liest sich das Werk hingegen recht unterschiedlich. Mitunter schmeißt der Autor mit komplizierten Fachbegriffen nur so um sich, so dass wohl der eine oder andere Leser nur unter Zuhilfenahme des Dudens den gesamten Sinn erfassen kann. Hier scheint sich der Autor ein bisschen in hochtrabenden Wortkonstruktionen sonnen zu wollen. Auf der anderen Seite hat die Wortwahl stellenweise aber auch schon fast Straßenslang-Charakter, wobei man über solche phantasievollen Umschreibungen wie bspw. "nymphomanischer Wanderpokal" (als Bezeichnung für die jugendliche MADONNA, S. 465) durchaus herzhaft lachen kann.
Gerade bei den Falldarstellungen kommt die Sprache immer wieder auf die Werbewirksamkeit von politischen Boykottaufrufen oder gesetzlichen Zensurmaßnahmen für die betroffenen Künstler und darauf, wie vorhersehbar die Reaktionen auf eine gelungene Provokation doch immer wieder ausfallen und sogar Inhalt von geschickt kalkulierten Marketingstrategien sind. Aber auch der umgekehrte Fall ist typisch, wie dem sehr interessanten Abschnitt "Zensur durch marktwirtschaftliche Lenkungsmaßnahmen" zu entnehmen ist, der die schleichende Zensur durch Boykott thematisiert.
Zu den Fallbeispielen ist noch zu sagen, dass die Liste natürlich noch beliebig hätte verlängert werden können, was aber sinnvoll gewesen wäre, da sie bereits jetzt fast 400 Seiten umfasst (und damit über die Hälfte des gesamten Buches) und sich zudem die Skandale sowieso ständig wiederholen. Vielleicht hätte man auf die gerade in Deutschland doch recht populären Fälle der Bands EISREGEN (deren Alben in schöner Regelmäßigkeit verboten und damit Livekonzerte nahezu unmöglich gemacht werden) oder MOTÖRHEAD (die von Kritikern immer mal wieder in die rechte Ecke gedrängt wurden, obwohl man Mastermind Lemmy Kilmister wohl viel eher ein gesteigertes historisches Interesse bescheinigen muss) eingehen können, aber insgesamt sind es wohl eher schon zu viel Skandalschilderungen als zu wenige.
Andererseits birgt die komprimierte Zusammenfassung der Beispiele und deren Unteilung in den angloamerikanischen Raum sowie den Bereich Deutschland/Frankreich/Schweiz hochinteressantes Vergleichspotenzial. So werden gerade in den USA jegliche Form von Sexualität, Satanismus (im deutschen Raum tendenziell nur vergleichbar mit dem Freistaat Bayern), sowie "unpatriotische Auswüchse" in der Kunst gegeißelt, während es im deutschspachigen Raum eher Gewaltdarstellungen sind und Dinge, die mit der unrühmlichen Geschichte Deutschlands zusammenhängen (und zwar solche, die ganz im Gegensatz zur USA zu "patriotisch" bzw. nationalistisch anmuten). Müßig zu erwähnen, dass die Gewichtung dabei des Öfteren sehr merkwürdig erscheint. So musste z. B. für das SODOM-Album "Til Death Do Us Unite" ein Alternativcover angefertigt werden, das nüchtern betrachtet weit mehr Anlass zur Beanstandung geboten hätte. So ist auch der Autor der Meinung, dass ein Überdenken der gesellschaftlichen Wertbilder dringend angesagt scheint, wenn es besser ist, einen bis an die Zähne bewaffneten Knarrenheinz aufmarschieren zu lassen, als den Bauch einer schwangeren Frau zu zeigen. Auch der "Nipplegate"-Skandal um JANET JACKSON passt in diese Ecke. Hier gibt Wehrli ein Zitat von Lewinsky (nicht Monica) wieder: "Durch Amerika, wo Mord und Totschlag lange nicht so obszön sind wie ein unverhülltes sekundäres Geschlechtsmerkmal, ging ein Aufschrei der Empörung. Im Land der Heuchler, wo man gegen einen Krieg wenig einzuwenden hat, solange die Leichen seiner Opfer nur züchtig bekleidet bleiben, übten sich die Moralapostel in Entrüstung" (S. 538) (aus "Die wirklich wichtigen Dinge" von C. Lewinsky). Nothing more to say ...
Ähnlich im deutschsprachigen und amerikanischen Raum ist jedoch die meistens sehr oberflächliche Auseinandersetzung der Kritiker mit dem beanstandeten Material, die auch oftmals in schlichter Fehlinterpretation kumuliert. Sogar die Leipziger Popper DIE PRINZEN wurden wegen ihres Songs 'Bombe', der nun wirklich absolut unzweifelhaft ein Anti-Nazi-Statement abgibt, angefeindet, was beweist, wie wenig differenziert und vor allem sachlich ungenau sich manche Menschen mit Kunstprodukten verschiedener Art auseinandersetzen, bevor sie diese verdammen. Auch diese Thematik kommt in Wehrlis Buch immer wieder zur Sprache. In diesem Zusammenhang sei auch auf die absolut nachvollziehbare Logik verwiesen, dass durch den Heavy Metal real existierende Probleme und Missstände nicht hervorgerufen werden, sondern auf sie aufmerksam gemacht wird. Aber das Prinzip, dass der Bote für die überbrachten schlechten Nachrichten zu büßen hat, ist ja nun wahrlich kein neues, weil damit so herrlich von der schmerzhaften Realität abgelenkt werden kann.
Eine Bemerkung sei bei dieser Gelegenheit noch zum Abschnitt über die BÖHSEN ONKELZ erlaubt. Wenn sie tatsächlich nicht als (ehemalige) Neonazi-Kapelle zu bezeichnen sind, wie es der Autor behauptet, dann stellt sich natürlich die Frage, warum sich die Frankfurter Band dennoch mehrfach genötigt sah, sich von der eigenen Vergangenheit deutlich zu distanzieren.
Auch die Assoziation, dass die alleinige Betrachtung des Textes des FALCO-Songs 'Jeanny' lediglich an einen schleimigen Verführer, der ein Mädchen anbaggert, erinnert, kann ich nicht so richtig teilen, was natürlich nicht bedeuten soll, dass ich die moralische Entrüstung in Bezug auf diesen Song teile oder gutheiße. Hier gilt wie für so viele andere Beispiele auch, dass deutlich extremere Songtexte unbeanstandet durch die Jugendschutzkontrollen kommen, sofern sie nur in englischer Sprache verfasst sind. Wahrscheinlich sind die verantwortlichen Personen in der Bundesprüfstelle der englischen Sprache einfach nicht mächtig oder gestehen diese Fähigkeit dem jugendlichen Hörer schlicht nicht zu.
Als sehr wichtig erachte ich es, dass dem Leser bei der Lektüre genug Raum gelassen wird, selbst zu entscheiden, wie er den verschiedenen Provokationen und Skandalen persönlich gegenübersteht. Es erfolgt auch nicht zwangsläufig eine Reinwaschung der betroffenen Künstler. Es geht dem Autor in erster Linie darum, Fakten darzustellen, Vergleiche anzubringen und gesellschaftliche Vorgänge zu hinterfragen. Im Blickpunkt steht somit die Beschneidung von künstlerischer Freiheit im Allgemeinen, die Wertung der eigentlichen skandalträchtigen "Aktionen" erfolgt nur ansatzweise (und kann dann sowohl als Entlarvung einer stumpfsinnigen Provokation als auch als gelungenes Aufzeigen eines Spiegelbildes der Gesellschaft geschehen), was für mich einen entscheidenden Aspekt darstellt. Ob eine Provokation positiv oder negativ in Inhalt und Ausdruck ist, liegt somit im Auge des Betrachters bzw. Lesers, und genau diese mündige Entscheidungsfreiheit wird dem Bürger durch staatliche Zensurmaßnahmen ja abgesprochen. Das ist auch ein wesentlicher Punkt, der durch dieses Werk verdeutlicht werden soll.
Fazit: Schon allein aufgrund des immensen Umfangs (700 Seiten + Anhang) und der intensiven Recherche zu diesem Buch ist "Verteufelter Heavy Metal" als Referenzwerk für dieses Thema zu bezeichnen. Hier bekommt der Leser eine Menge geboten und kann sich weit mehr als nur einen bloßen Überblick verschaffen. Ich kann dieses Buch somit jedem empfehlen, dessen Interesse über das bloße Hören der Musik hinausgeht.
http://www.telos-verlag.de/ Stephan Voigtländer [19.06.2005]
Nur sekundär eine Musikhistorie, sondern eine Geschichte der Musikrezeption – dies unter dem Gesichtspunkt der nie endenden Schlacht zwischen den Vertretern der Kunstfreiheit und ihren Gegnern, die genau diese als Quelle aller Übel werten, welche die Gesellschaft plagen. Die Darstellung stellt den Hard- und Heavy-Metal-Rock in den Mittelpunkt der Betrachtung, beleuchtet aber streiflichtartig auch andere Spielarten der Musik, die seit dem II. Weltkrieg ins Blickfeld offizieller und selbst ernannter Zensoren gerieten. "Verteufelter Heavy Metal" gliedert sich dabei in zwei große Blöcke. Im Kapitel "Grundlagen und Geschichte" bereitet Verfasser Wehrli die Bühne für seine Darstellung vor, indem er die allgemeine Entwicklung von Ross (= Musik) und Reiter (= Musikzensur) in ihrer (zwangs-)symbiotischen Beziehung seit dem II. Weltkrieg schildert.
Dann rekonstruiert "Ein Phoenix aus der Asche der Jugendkultur: Heavy Metal" die Geschichte eines Musikgenres, das als solches erst knapp vier Jahrzehnte alt ist, dessen Wurzeln indes weiter zurückreichen, als Fan & Feind sich wahrscheinlich vorstellen können. "'Stampfen, Toben, Fäusteschwingen' – Eskapismus als Lebensrealität" geht dem Heavy Metal psychologisch auf den Grund und präpariert zwei grundsätzliche Richtungen heraus. Da ist die "dionysische", deren Anhänger sich dem Rausch der Musik hingeben und dabei auf und vor der Bühne nicht selten auch körperlich völlig vorausgaben. Völlig konträr dazu stehen jene Schwermetaller, die "ihre" Musik als (auch gelebten) Ausdruck des körperlichen und moralischen Zerfalls sowohl der Gesellschaft als auch des Individuums werten und sich entsprechend düster, manchmal geradezu "satanisch" geben. "Schwer und leicht, schwarz und weiß" geht den unterschiedlichen "Arten" des Heavy Metal nach, der seinerseits eigene Subgenres bildet. "'Recognize your age – it’s a teenage rampage!'" wirft – mit allen Problemen, die eine Kategorisierung stets aufwirft - einen Blick auf die Fans, die in der Regel jung, weiß und männlich sind, obwohl diese Regel inzwischen wie selbstverständlich mehrfach außer Kraft gesetzt wurde.
Das folgende Kapitel ("Eine Frage der Etiketten? Das PMRC und die Folgen") ist eine Chronologie der Heavy-Metal-Zensur. Auch sie ist relativ jung, steht aber fest auf den Schultern älterer Tugendwächter, die jegliche Art von "sittenloser" Musik mit Misstrauen und Abscheu betrachten. Zum ewigen Zweikampf zwischen den Parteien trug der Heavy Metal insofern prominent bei, als ihm das "Parents Music Resource Center" (PMRC) seine Existenz verdankt, welches seit 1985 prominent besetzt, gut organisiert, konservativ finanziert und auf breiter Front gegen den verhassten "Feind" vorgeht. "Jäger des verlorenen Schamgefühls – konservative Opposition gegen moderne Musik" forscht nach den psychologischen Motiven, welche die Gegner "harter" und "unanständiger" Musik umtreibt. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich der Verfasser im Kapitel "Der Satan kommt von hinten: 'Backward Masking'" exemplarisch mit einer alten Lieblingshysterie der Kulturfundamentalisten: Spiele man die Schallplatten bestimmter Musik-Finsterbolde rückwärts ab, so höre man angeblich Aufrufe zum Kampf für den Teufel und wider das Gute.
Auch Kultur(g)eiferer sind sich durchaus der Tatsache bewusst, dass sie gewisse Kreise der ihnen hörigen Schäflein nicht mit der plump geschürten Angst vor Schwefel & Verdammnis, sondern nur "wissenschaftlich" erreichen. Die Werke entsprechender "Fachleute" finden weite Verbreitung, welche Wehrli ebenso geduldig wie überzeugend als absurd entlarvt. "Untersuchungsergebnisse" werden so lange wiederholt, bis sie sich verselbstständigt und in "Fakten" verwandelt haben. "Am Anfang war das letzte Wort: Bücher wider die Teufelsmusik" stellt einige der "bedeutendsten" dieser Werke aus den letzten 25 Jahren vor.
"Auswüchse aus dem Untergrund – Die Geburt des NS-Black-Metal": Wo Satan persönlich mit seinen Jüngern rockt, sind selbstverständlich die Nazis nicht weit. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, politisch unkorrekt zu provozieren. Schlimm kann’s werden, wenn die gotischen Nazirocker und ihr Publikum tatsächlich an den selbst verzapften Unfug glauben. Ausführlich rollt Wehrli spektakuläre Kriminalfälle auf, die exemplarisch für Skandinavien und den wilden Osten Deutschlands die verhängnisvollen Reaktionen von Dummheit, Verblendung und Gruppenzwang demonstrieren.
Im zweiten Teil von "Verteufelter Heavy Metal" listet der Verfasser eine lange Reihe von "Falldarstellungen" auf. Zunächst greift sich Wehrli in "Wer zensiert was? Die Unterschiedlichkeit des Unzulässigen" die aktivsten Gruppen in den USA und Deutschland heraus und konterkariert ihre Aktivitäten und Intentionen mit den Verhältnissen in Japan, wo eine andere Kultur einen aus westlicher Sicht fremdartigen, buchstäblich sträflich freien Umgang mit plakativer & expliziter Gewalt und Gewaltsexualität ermöglicht. Der Vergleich illustriert gleichzeitig die Fragwürdigkeit moralischer Fixpunkte: Weder im Westen noch im Fernen Osten ist bisher die blanke Anarchie ausgebrochen.
Die beiden ausführlichsten Kapitel des Buches beschäftigen sich anschließend sehr detailliert mit konkreten Zensurfällen. Dem angelsächsischen Raum ("Gegen Sex, Gewalt und Satanismus: Musikzensur in den USA und in Großbritannien") wird dabei der mitteleuropäische Kernbereich gegenübergestellt, in dem der Verfasser und die meisten seiner Leser ansässig sein dürften. ("Böse Worte, wilde Bilder – Musikzensur in der BRD, Schweiz und in Frankreich"). Kaum zu zählen ist hüben wie drüben des Großen Teichs die Zahl der Musiker und Musikgruppen, die den rabiaten Tugendbolden vor den Flintenlauf gerieten. Darunter finden sich erwartungsgemäß jene, die planmäßig auf Konfrontationskurs zum "guten Geschmack" gehen. Wer sich "Sex Pistols", "Megadeth" oder "Slayer" nennt, kalkuliert den Volkszorn ein, der die Bekanntwerdung beschleunigt. Erstaunlicherweise fanden sich auch harmlosere Zeitgenossen wie die Beatles oder gar der Klampfenzupfer John Denver auf dem Index wieder: Wer nach Zensur schreit, findet selten die Zeit, das Kritisierte genau unter die Lupe zu nehmen und nach eventuellem Hintersinn zu fragen. Fundamentalisten sind geradlinige, dem Intellektuellen eher abholde Leute, die Mehrschichtigkeit nicht schätzen. Deshalb irren sie oft und verdammen völlig unverdächtige Künstler – wo Gott hobeln lässt, fallen manchmal Karrierespäne.
Abgerundet wird das Werk durch die Diskografien der vorgestellten Musiker und Gruppen sowie ein eindrucksvolles Verzeichnis der Quellen, aus denen der Verfasser schöpfte.
"Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden." Also sprach weise schon 1872 Wilhelm Busch. Damit hat er freilich nur ein Element von vielen beschrieben, das den Tugendwächtern und –bolden dieser Welt ein Dorn im Auge bzw. Ohr ist. Die empörende Dreiheit ist erst komplett, wenn sich zum Geräusch der als Lied vorgetragene Text sowie das Auftreten der Musikanten & Sänger gesellen.
Der fundamentalistische Kritiker oder Zensor müsste eigentlich ein glücklicher Zeitgenosse sein: Er – und nur er (oder sie) – kennt den Weg zum menschlichen Heil – und vor allem seine unzähligen schlüpfrigen Abwege! Wenn man nur auf ihn (oder sie) hören würde, dann wäre es schlagartig vorbei mit Zank und Hader, losem Sex, dem Ungehorsam gegenüber Gott, den Eltern oder anderen Autoritäten und überhaupt allen Schlechtigkeiten dieser Welt. Aber leider schleicht stets der Teufel um das Menschenhaus. Mit allerlei Schlichen lockt er die moralisch Schwachen in seine Fänge. Neben langen Haaren & kurzen Röcken, zuchtlosen Filmen, Comics, Computerspielen etc. setzt er dabei vor allem auf Rockmusik.
Doch der Fundamentalist i s t stets auch Zensor. Statt dem sündigen Treiben, das anderen Mitmenschen so viel Vergnügen bereitet, den Rücken zu kehren, fühlt er sich verpflichtet, ihm ein Ende zu machen. Dabei werden weder Kosten noch Mühen gescheut. Im Gegenteil: Widerstand reizt Zensoren erst recht, sie sind geradezu süchtig danach, denn wie könnte man das Böse besiegt sehen, wenn es nicht vor einem auf dem Boden liegt? Ausgeblendet bleiben dabei unangenehme Wahrheiten: Nicht provokative Musik produziert Aussteiger & Amokläufer, sondern politisches, wirtschaftliches und soziales Fehlverhalten, das nach Jahren der Vernachlässigung "Problemgruppen" hervorbringt, die nur mit enormen Zeit- und Geldaufwand erreicht werden können. Da ist es einfacher, schneller und billiger, nach Sündenböcken zu suchen. Sie werden von Fundamentalisten stets rasch gefunden.
Über die seltsame Mischung aus Märtyrer-Masochismus, Bigotterie, Scheuklappendenken und Selbstgefälligkeit, welche die meisten Zensoren erfüllt (nicht zu vergessen ihre Humorlosigkeit, denn wer nicht selbstständig denkt, argwöhnt jederzeit verspottet zu werden), sowie die Verschränkungen zwischen Zensur, Skandal & Medien ließe sich an dieser Stelle noch lange philosophieren. Es soll unterbleiben, zumal Reto Wehrli wahrlich erschöpfend Auskunft gibt. Er überwältigt seine Leser nicht selten damit. Noch jeder Teilsatz ist gespickt mit wichtigen, interessanten oder wenigstens unterhaltsamen Fakten. An den Grenzen der Musik macht der Autor längst nicht Halt. Film, Fernsehen, die Presse, Computerspiele – die Medien der Information und der Unterhaltung bezieht Wehrli ein. Seine Leser überzeugt er, seine Gegner schaltet er aus, indem er das Geflecht seiner Beweisführung so eng knüpft, dass beide Gruppen darin zappeln – die einen freiwillig, die anderen wie gewohnt voreingenommen und abwehrend.
Dabei ist Wehrli zwar gegen Zensur, aber nicht generell gegen Kontrolle. Die tatsächlichen Auswüchse des Heavy Metal, die über die Provokation hinaus gegen gültige und grundlegende Gesetze verstoßen, leugnet er nicht. Doch dem stehen die wesentlich intensiveren Verstöße der Regelsüchtigen gegenüber, die um der "Wahrheit" willen skrupellos politisieren, agitieren, Tatsachen verdrehen und offen lügen. Die ausgefeilten Mechanismen der Zensur werden den Lesern vor Augen geführt. Im Vergleich mit dem bizarren Wildwuchs in den USA darf sich der deutsche Freund der lauten Musik noch glücklich schätzen. Aber auch hierzulande gibt es jenen Zensurfilz, der sich auf wirksame Verbindungen in Politik, Kirche und Kultur stützen kann.
Manchmal geht der Psychologe mit dem Verfasser durch. Diverse lehrbuchhafte Einschübe besonders in den einleitenden Kapiteln hätte er sich sparen bzw. sie allgemein verständlicher ausdrücken sollen. Freilich schlösse dies die Gefahr ein, den Zensuranhängern in die Hände zu spielen: Wehrli weiß, dass er sie niemals überzeugen oder zum Verstummen bringen kann, aber er weigert sich, ihnen auch nur eine argumentative Hintertür für ihre Bild- und Tonstürmerei zu lassen.
Weitere Kritik könnte sich gegen allzu ausführliche Abschweifungen richten. Die Fallbeispiele beschränken sich nur selten auf echte Zensurepisoden, sondern stellen oft regelrechte Musikerbiografien dar, die mit dem Thema nur mehr als Rande zu tun haben. Hier wird es dann oft sehr anekdotenhaft, was aber – dies sei eigens betont – primär den puristischen Kritiker stören wird, nicht aber den auch in dieser Hinsicht bestens informierten und unterhaltenen Leser.
Angesichts der deprimierend gut geschmierten Maschine, zu der sich die moderne Zensur – unter welchem Namen auch immer sie auftreten mag – entwickelt hat, stellt sich die Frage, wieso ein Werk wie das hier vorgestellte überhaupt erscheinen konnte. Fast 300 Fotos, Cover und andere Abbildungen zeigen primär das, was verboten wurde und ist: drastische Nacktheit, exzessive Gewalt, Satanismus, neonazistische Dummgockelei. Der Sachbuch-Bonus mag zusammen mit der vergleichsweise kleinen Auflage dieses Buches dafür gesorgt haben, dass es sowohl von der Zensur als auch vor allem von den Tugendwächtern geduldet oder übersehen wurde. Das könnte sich ändern, sollte sich der Bekanntheitsgrad des Werkes so steigern, wie es ihm zukommt. Es wird interessant sein zu verfolgen, ob "Verteufelter Heavy Metal" letztlich in denselben Sog stupider Vorurteile und Verfolgungen gerät, dem sich jeder potenzielle Sündenbock ausgesetzt sieht, welcher gegen den Strom des Establishments schwimmen will.
http://www.telos-verlag.de/ Michael Drewniok [25.05.2005]
Reto Wehrli hat sich nunmehr mit der überarbeiteten Zweitausgabe seines Buches "Verteufelter Heavy Metal" selbst übertroffen und sich ein eigenes Denkmal gesetzt. Über 700 Seiten voll akribischer Recherchenarbeit, die in ebenso sorgfältig formulierten Thesen zu Ende gedacht werden. Reto Wehrli legt definitiv kein dröges Sachbuch vor, sondern eine umfassende Aufbereitung des Zeitalters der harten Musik, beginnend im Blues und endend in den Brachialgenres der gegenwärtigen Zeitgeschichte.
Der Autor:
Reto Wehrli, lizenzierter Experte der Allgemeinen Psychologie, begann sich bereits sehr früh, Mitte der Achtzigerjahre, mit der Materie der aufbrausenden Metalszene zu beschäftigen. Obwohl er selbst von sich behauptet, kein Metalfan zu sein, oder zumindest einer, der in der Entwicklung der Szene Ende der Siebziger / Anfang der Achtziger stehen blieb, verfolgte er dennoch die Verwurzelungen und Verselbstständigungen der Szene beziehungsweise ihrer Subgenres mit großem Interesse. Seit jener Zeit wartete der Autor nur darauf, dass irgendjemand eine wissenschaftliche Aufbereitung des Themas auf den Markt bringt. Doch die Zeit verstrich und nichts passierte. Also ging Wehrli seinen akademischen Weg und nahm nach Aneignung der wissenschaftlichen Konzepte und Mittel die Sache selbst in die Hand. Ergebnis war das im August 2001 veröffentlichte Sachbuch "Verteufelter Heavy Metal", das allerorts gute bis überschwängliche Kritiken einheimsen konnte. Bereits Monate vor der eigentlichen Zeitplanung war die Erstausgabe restlos vergriffen, wodurch sich Wehrli nach Rücksprache mit seinem Verleger an eine tiefreichend überarbeitete Version des Erstlings machte.
Die Struktur:
Alles hat seinen Anfang, so auch die Musikrichtung, die wir alle so inständig lieben. Wehrli strukturiert sein Werk "Verteufelter Heavy Metal" eng nach der Zeitgeschichte des harten Rock. Dabei werden die begründenden Genres wie der Blues mit in die Entstehungsgeschichte einbezogen, die sich fortlaufend als Selbstgänger erweisen sollte. Wehrli arbeitet im ersten Drittel detailliert die Motivation der Szene auf, die die Entwicklung einer solchen global minderheitlichen Subkultur überhaupt erst ermöglichte. Dabei werden die wichtigsten Eckpfeiler und Daten des Genres genau unter die Lupe genommen, zu denen mit Sicherheit die Bandgründung von BLACK SABBATH, die NWoBHM (New Wave of British Heavy Metal) oder die Kirchenbrände in Norwegen Anfang der Neunzigerjahre gehören.
In diesem Zusammenhang lässt Wehrli die Botschaften der Künstler, wie auch die oftmals von Kritikern hineininterpretierten Botschaften nicht unbeachtet. Vielmehr geht er sehr tief reichend auf diesen doch eklatant bedeutsamen Aspekt der Heavy-Metal-Geschichte ein. Zensur wird zu einem großen Thema und die konservative Opposition gegen die Metalströmung zu einem Schwerpunkt des Buches. Katholische Traditionalisten, evangelische Fundamentalisten, Zeugen Jehovas, aber auch die Apostel bundesdeutscher Sittenwächter werden aufgrund ihrer oftmals - peinlicherweise für sie auch hinreichend belegten - ignoranten Haltung gegenüber einer Popkultur mit umfassenden Kapiteln bedacht. Dabei kommen auch die bedauernswerten Beispiele des Heavy Metal - wie die thüringische (pseudosatanistische – die Band ABSURD) und norwegische Strömung (die Kirchenbrände) der beginnenden Neunzigerjahre - zum Tragen, die fernab allen plakativ zur Schau getragenen Okkultismushangs, der Musik eine neue, schädigende Seite hinzufügten. Somit spannt Wehrli seinen Bogen von den BEATLES und dem mit ihnen verbundenen Aufkeimen des Rock 'n' Roll bis hin zum NS-Black-Metal und beleuchtet dabei nicht nur spektakuläre, juristisch belegbare Oberflächenprozesse, sondern auch Präzensur durch die Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten.
Dem Thema "sublime Botschaften" und "backward masking" (Einbau rückwärts abgespielter Sprechtexte in Rocksongs) widmet Wehrli ein komplettes Kapitel und gibt einen kurzen Überblick über die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die es zu dem Thema gibt. Einen sehr spannenden Bereich bearbeitet Wehrli im anschließenden Teil seines Werkes, der Auseinandersetzung mit den bisher erschienen Lektüren wider den Heavy Metal. Gnadenlos und teilweise augenzwinkernd deckt der Schweizer Fehler der jeweiligen Autoren auf, die manchmal sogar zur Verbreitung irgendwelcher Albenklappen- oder Bookletttexte führten, die weltweit überhaupt nicht existieren. An dieser Stelle sei nicht zu viel erwähnt. Es entbehrt aber nicht einer gewissen Heiterkeit, wie die teils hanebüchenen Aussagen der federführenden Wortgeber der jeweiligen Antigruppierungen geschichtlich belegbar demontiert und entblößt werden.
Der Ansatz des Sittenschutzes nebst Falldarstellungen und die damit einhergehende Zensurthematik bildet einen weiteren Schwerpunkt. Zunächst geht Wehrli die Problematik anhand einiger globalen Beispiele an und vertieft diesen Aspekt dann in gezielt ausgewählten Fällen, die Zusammenhänge zwischen Heavy Metal, Sex, Gewalt und Satanismus suggerieren. Er arbeitet dabei flächendeckend, bedenkt solch unterschiedliche Künstler wie JERRY LEE LEWIS, IRON MAIDEN oder SLAYER wertfrei, jedoch nicht, ohne vielerorts auf die Unlogik der jeweiligen Zensuransätze hinzuweisen.
Wehrli beschränkt seine Recherchen dabei nicht auf einen bestimmten Kontinent, sondern widmet eine besonders ausgiebige Besprechung dem europäischen Markt und dessen schwermetallischen Aushängeschildern. So werden natürlich, aber nicht ausschließlich, plakative Schockbands wie ROCKBITCH oder BELPHEGOR unter die Lupe genommen. Wehrli widmet sich schlussendlich auch polarisierenden Künstlern wie zum Beispiel ROBBIE WILLIAMS, den FANTASTISCHEN VIER oder RAMMSTEIN, die nur wenig oder gar nichts mit Heavy Metal zu tun haben.
Fazit:
Es ist wirklich kein leichtes Unterfangen, die schreiberische und recherchierte Dichte dieses Werkes umfassend darzustellen. Reto Wehrlis "Verteufelter Heavy Metal" ist mit Sicherheit nicht nur die ausgiebigste Auseinandersetzung mit dem Thema Heavy Metal, sondern auch die weitreichendste Argumentationshilfe für all diejenigen, die sich manchmal mit den stereotypen Vorwürfen jedweder Sittenwächter konfrontiert sehen. Wehrli arbeitet die einzelnen Fallbesprechungen umfassend auf, setzt die Denkansätze des vordergründig wertfreien Jugendschutzes in Verbindung mit den Resultaten der jeweiligen Rechtsprechung und deckt dabei mehr als einmal unlogische und unpassende Handlungen internationalen Rechts auf. Desweiteren ergänzt der Autor seine immens erfolgreiche Erstauflage mit kulturwissenschaftlichen Querbezügen, bei denen sich vor allem der Schwerpunkt Japan als sehr interessant herausstellt, schlägt Brücken zu anderen Medien und wirft dabei auch weit reichende Blicke auf Splattermovies und japanische Mangas.
Zudem verwendet Wehrli zahlreiche Fotographien und Lyrics, die im direkten Zusammenhang mit den jeweiligen Themenschwerpunkten aufgearbeitet werden. Abgerundet wird das Werk durch eine Diskographie der im Buch genannten Bands.
Es bleibt am Ende ein rundum gelungenes Werk, das hoch informativ die Geschichte des Heavy Metal aufarbeitet und sich liebevoll detailgetreu mit ihr auseinandersetzt. "Verteufelter Heavy Metal" ist die Grundlage und das definitive Standardwerk zum Thema Musikzensur.
Das Beste an Wehrlis Buch ist aber die Aussicht, dass der Autor auch weiterhin am Ball bleiben wird, um das Thema Heavy Metal noch intensiver auszuleuchten. Man merkt ihm regelrecht an, dass er sich in das Metier hineingefressen hat. Somit haben alle Fans dieser Musikrichtung wenigstens einen Wortführer, der sich würdig mit der Materie beschäftigt. Doch eines sollte der Schweizer wohl besser unterlassen: Die Seitenzahl wie bei der jetzigen Neuauflage (fast) verdoppeln. Bei 1400 müsste nämlich auch ich an den Grenzen der Aufnahmefähigkeit die Segel streichen ...
http://www.telos-verlag.de/ Alex Straka [13.04.2005]
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