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Buch-Reviews
Haus der blinden Fenster (Straub, Peter)
 |  | Auflage: August 2004 Erscheinungsjahr: 2004 ISBN: 3-453-43000-X Verlag: Heyne Genre: Horror & Unheimliches
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2 Reviews
Break on through to the other side*
Ein Serienmörder versetzt die Jugendlichen der Kleinstadt Millhaven in Angst und Schrecken. Den 15-jährigen Mark Underhill, der gerade seine Mutter verloren hat, jedoch beschäftigt etwas ganz anderes: Er ist besessen von dem verfallen aussehenden und verlassenen Haus, das an die Rückseite seines eigenen Hausgrundstücks grenzt, getrennt nur durch eine hohe Mauer. Er meinte, hinter den schmutzigen Fensternscheiben ein Mädchen gesehen zu haben, und sein Freund Jimbo hat darin angeblich einen dicken Mann mit silbernen Augen gesehen. Eines Nachts brechen sie zusammen in das Gebäude ein und machen eine grausige Entdeckung.
* Meine Überschrift zitiert den Titel eines Songs von The Doors, ca. 1967/68.
Der Autor
Peter Straub zählt neben Stephen King, John Saul und Dean Koontz zu den herausragenden amerikanischen Horror-Autoren. Er wurde in Milwaukee, Wisconsin (wo viele deutsche Auswanderer wohnten), geboren und lebte ein Jahrzehnt lang in England und Irland. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und hatten 1994 eine Weltauflage von zehn Millionen bereits weit überschritten. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut.
Zusammen mit Stephen King schrieb er "Der Talisman" und dessen Fortsetzung "Das schwarze Haus". Seine eigenen Romane sind ebenfalls - meistens - bei Heyne erschienen:
Schattenland
Geisterstunde
Das geheimnisvolle Mädchen / Julia / Die fremde Frau
Der Hauch des Drachen
Wenn du wüsstest
Koko und die Fortsetzung "Der Schlund" (Romane mit Tim Underhill)
Mystery
Reise in die Nacht / Hellfire-Club (später umbenannt)
Mister X / Schattenbrüder (später umbenannt)
Schattenstimmen
Esswood House
Die Storysammlungen "Haus ohne Türen" und "Magic Terror" sind ebenfalls sehr zu empfehlen.
Handlung
Als der Schriftsteller Tim Underhill, den wir schon von Straubs Romanen "Koko" und "Der Schlund" sowie aus diversen Erzählungen kennen, einen Anruf von seinem Bruder Philip bekommt, fliegt er sofort nach Millhaven, das irgendwo im Hinterland von Chicago in Wisconsin liegen muss. Philips Frau ist gestorben, heißt es, und die Beerdigung ist schon am nächsten Tag. Doch Philip ist ein aufgeblasener Wichtigtuer, ein richtiges Arschloch: der stellvertretende Schuldirektor der Quincy-Schule. Und so braucht Tim eine Weile, bis er herausbekommt, dass Nancy sich umgebracht hat. Ebenfalls eine Tatsache, die Philip auf die Palme bringt, weil er sie als Verrat an sich empfindet. Wie sich sein Sohn Mark dabei fühlt, ist ihm völlig schnuppe. Er ist ein ausgemachter Idiot.
Dafür wendet sich nun Tims Interesse umso stärker Mark zu, dem fünfzehnjährigen Halbwüchsigen, der ihm schon ein paar witzige E-Mails schickt hat. Er war es, der seine Mutter tot in der Badewanne gefunden hat - ein schreckliches Ereignis, das ihn aber zunächst nicht aus der Bahn zu werfen scheint. Er hängt mit seinem besten Freund Jim herum und fährt mit ihm Skateboard. Dass in Millhaven ein Serienmörder umgeht, der es auf Jungen zwischen 14 und 16 abgesehen hat, scheint ihn nicht sehr zu berühren. Es herrscht eben Ausgangssperre ab 22:00 Uhr, na und?
Kaum ist Tim Underhill nach der Beerdigung wieder abgeflogen - er hat Mark nach New York City eingeladen -, da erhält er nach einer Woche schon wieder einen Anruf von Philip. Mark wird vermisst. In den Verhören, denen er Marks engsten Freund Jimbo unterzieht, stellt sich heraus, dass Mark von einem bestimmten Haus in der Nachbarschaft geradezu besessen war. Das ist seltsam, denn er und Jim hatten dieses Haus nie zuvor bei ihrem Skaten bemerkt, dabei befindet es sich direkt hinter Marks eigenem.
Die Fenster sind schmutzig, die Veranda verfallen, die Fassade ist angekokelt, als habe es gebrannt. Aber der Rasen ist gemäht, was dem verlassenen Eindruck widerspricht. Bei ihren Erkundungsmissionen erspähen Mark und Jimbo erst einen großen Mann in schwarzem Mantel, dann ein Mädchen. Mark hält es nicht aus und bricht kurzerhand ein. In einem Versteck findet er ein Fotoalbum, das den Cousin seiner Mutter in jungen Jahren zeigt: Damals war Joseph Kalendar noch nicht der Serienkiller, der seine Frau, seine Tochter Lily und unzählige junge Frauen umbrachte, bevor man ihn 1980 schnappte. 1985 wurde er von einem Mithäftling getötet. Und dreimal darf man fragen, wo Kalendar, Marks Großonkel, seine Opfer tötete und quälte - genau in diesem Haus.
Als Tim Underhill mit Hilfe der Polizei und eines befreundeten Hackers nach Joseph Kalendar und Mark Underhill sucht, stößt er nicht nur auf eine lange verborgen gehaltene Unterwelt, die das wohlanständige Millhaven Lügen straft, sondern auch auf den Serienkiller, der gerade jetzt das Städtchen in Furcht und Schrecken versetzt.
Mein Eindruck
Zuerst dachte ich, dass Peter Straub schon wieder eine seiner ältesten Geschichten auf neue Weise erzählt. In "Der Talisman" und "Das schwarze Haus" muss ein Junge, der später nochmals das Gleiche durchmacht, durch ein Haus, das als Pforte dient, in die schreckliche Anderswelt reisen, um seine Mutter - oder andere Lieben - zu retten. Diese Anderswelt wird von schrecklichen Mächten beherrscht, die alles unternehmen, um den Erfolg dieser Mission zu vereiteln.
"Haus der blinden Fenster" ist im Ansatz so ähnlich, aber zunächst keineswegs Fantasy, sondern purer Thriller, mit Anklängen an Horror. Der Kern, um den sich alles dreht, ist natürlich das titelgebende Haus, in dem nicht nur die finsteren Geheimnisse der Vergangenheit versteckt sind, sondern in dem sich auch eine Pforte in eine andere Dimension öffnet. Mark entdeckt die Geheimnisse nicht nur seiner eigenen Familie - dass nämlich seine Mutter eine Kalendar war und der Massenmörder ihr Cousin, vor dem sie Mark beschützen wollte -, sondern auch die finstere Unterwelt seiner Heimat Millhaven, quasi ihre Nachtseite. Das Symbol dafür ist der "Schattenmann".
Ein CSI-Thriller
Da gab es einen Psychopathen, den man als solchen in seiner Straße kannte. Der alte Homosexuelle Omar Hillyard kann Tim Underhill dazu eine packende Story erzählen. Und da gibt es - makabre Wiederholung der Ereignisse - jetzt schon wieder einen Psychotiker, nur dass dieser nicht Frauen, sondern Jungs verfolgt und brutal ermordet. Hat sich der Unbekannte etwa Joseph Kalendar zum Vorbild erkoren? Folgt man Tim Underhills privaten Ermittlungen, so wird daraus ein richtig guter Thriller. Leider werden seine Bemühungen a) durch den bornierten Philip abgeschmettert und b) durch die unfähige Polizei ignoriert (außer dann, als Underhill handfeste Beweise liefert). Die ach so braven Bürger Millhavens scheinen unfähig, sich gegen eine Bedrohung aus ihrer Mitte zur Wehr zu setzen.
Ein Akte-X-Thriller
Auch Tims Neffe Mark ist quasi ein Privatschnüffler, allerdings befindet er sich in einer Akte-X-Handlung statt in der von "CSI". Der Tod seiner Mutter und ein Aha-Erlebnis haben ihn besessen gemacht, das Geheimnis des verfallenen Hauses herauszufinden. Es ist, wie er entdeckt, nicht nur der Ort gewesen, wo Menschen gefoltert und gefangen gehalten wurden, sie wurden auch beobachtet - die Wände sind doppelt gezogen und von Geheimtreppen und -türen durchzogen. Kalendar war offenbar auch ein fähiger Schreiner.
Lost boy meets lost girl
Der eigentliche Grund für Marks Besuche in Haus Nr. 3323 ist allerdings - wen wundert's? - ein Mädchen, vielmehr eine junge Frau von 19 Jahren, die sich Lucy Cleveland nennt. Früher war sie vielleicht mal Lily Kalendar, die kleine Tochter von Joseph, die einmal vor ihm geflohen war, aber dann wieder eingefangen wurde. Sie nennt den anderen Bewohner des Hauses den "Schattenmann", und vor ihm will sie Mark retten. Der Haken bei der Sache ist jedoch, dass Lucy in einer anderen Dimension lebt. Jimbo beispielsweise kann Lucy nicht sehen, Mark hingegen schon. Um mit ihr zusammensein zu können, muss Mark die hiesige Dimension verlassen - eine schwierige Entscheidung zunächst, aber sobald er sich verliebt hat, nicht mehr.
Haben wir also wieder mal eine andere alte Story von Mister Straub zu ertragen - boy meets girl? Teils ja, teils nein. Denn Lucy Cleveland ist wieder einmal eine jener geisterhaften jungen Frauen, die Straub in "Das geheimnisvolle Mädchen", "Julia", "Die fremde Frau" und "Wenn du wüsstest" porträtiert hat, also vor langer Zeit (siehe die Daten auf Straubs Website peterstraub.net). Doch die Kommunikation mit unserer Dimension ist inzwischen viel einfacher geworden, schließlich gibt es das Internet. Das hebt diesen Handlungsstrang in die Sphäre des Cyberspace, den William Gibson schon 1983 bekannt gemacht hat (er wurde von einem anderen Autor erfunden). Deshalb ist das Auftauchen einer Website namens lostboylostgirl.org absolut folgerichtig. Tim Underhill wird im Stil der Zeit getröstet.
Fallstricke: der Erzählstil
Womit die meisten Leser ein Problem haben dürften, ist der extravagante Erzählstil des Autors. Der hat nun mal Philosophie studiert und kennt die großen Literaten aus dem Effeff, daher fällt es ihm leicht, eine Geschichte etwas anders und weitaus anspruchsvoller als seine Kollegen von der Paperback-Horror-Fraktion zu gestalten. Mit scheint, die Geschichte, die keineswegs linear erzählt wird, hat die Struktur einer Spirale.
Damit folgt sie nicht dem Pfeil der Zeit, der nur in eine Richtung zeigt, sondern der Arbeitsweise der Erinnerung, die sich oft in Kreisen strukturiert. Wenn die Kreisbewegung nicht an den Ausgangspunkt zurückführt, sondern darüber hinausweist, ergibt sich eine Spirale. Das hat mehrere Konsequenzen. Die gleichen Ereignisse werden von mehreren Personen auf unterschiedliche Weise betrachtet und folglich anders beleuchtet und gedeutet. Ob sich daraus andere Aktionen ergeben, ist noch dahingestellt. Aber für den Leser ist es etwas verwirrend und nervig, häufig von den gleichen Geschehnissen lesen zu müssen. Es ist ein doppelter Erkenntnisprozess: der von Mark, der zuerst das Haus und die Grenze erkundet, und dann von Tim, der ihm auf seinen Spuren folgt. Leider bedeutet dies, dass ständig die Perspektive wechselt: Mark, Tim und Jimbo. Geübte Leser kommen aber damit zurecht, schätze ich.
Und an einer Stelle wissen wir genau, was hinter der Badezimmertür auf Mark wartet, werden aber kurz davor abgehalten, weiterzugehen. Das baut Spannung auf. Als Mark dann durch die Tür tritt und seine tote Mutter findet, ist dies schon fast nicht mehr so schlimm - für uns, nicht für ihn. Eine weitere Manipulation der normalen Zeit-Wahrnehmung tritt ein, als Tim eine E-Mail erhält, die zwei Tage nach Marks Verschwinden abgeschickt wurde. Und durch Fernzugriff - eine zusätzliche Aufhebung der räumlichen Distanz - kann Tim in seinem Mail-Postfach feststellen, was Mark geschickt hat.
Die Aufhebung der Grenzen von Raum und Zeit ist das Merkmal eines geübten und kunstfertigen Schriftstellers. Dennoch schreibt er seine Story in absolut einfachen und allgemein verständlichen Worten, so dass keiner über sprachliche Probleme klagen kann. Die Probleme tauchen erst auf, wenn man versucht, das Erzählte richtig einzusortieren, denn das Gehirn will unbedingt alles in eine chronologische Reihenfolge bringen. Dieser Versuch ist wegen der begrenzten Merkfähigkeit des Gehirns zum Scheitern verurteilt, es sei denn, man macht sich Notizen und bringt diese in entsprechende Ordnung. Eine Hilfe sind immerhin die datierten Tagebucheinträge Underhills.
Der rote Himmel
Der Himmel über der Dimension der Anderswelt, in der Lucy Cleveland lebt, ist nicht blau, sondern rot. Dass dies so sein muss, wusste Tims Vater oder einer von dessen Saufkumpanen ganz genau. Tim erscheint es daher nur plausibel, dass Mark das seinem Freund so erzählt hat. "Red skies over paradise" - so hieß ein Song der Popgruppe Fischer-Z. Es ist auch der Titel des vierten Teils von "Haus der blinden Fenster". Zufall oder Notwendigkeit?
Der Leser fragt sich am Schluss, als der Garten des unheimlichen Hauses umgegraben wird: Ist Mark wirklich tot oder in eine andere Dimension gewechselt? Diese Frage will sich Tim, will sich Marks Vater nicht stellen. Und letzten Endes erweist sie sich als unwichtig. Folglich wird sie auch nicht beantwortet. Der Leser muss seine eigenen Schlüsse ziehen.
Unterm Strich
"Haus der blinden Fenster" ist sowohl ein Roman für Jungs von fünfzehn, die erwachsen werden (wollen bzw. sollen) als auch für Erwachsene. Obwohl die Sprache, in der die Story erzählt wird, einfach genug ist, hat jeder Leser so seine Probleme, dem Verlauf der Geschehnisse zu folgen. Die Erzählstruktur folgen den Ereignissen nicht chronologisch, sondern hebt, wie in der Erinnerung, die Grenzen von Raum und Zeit auf. Doch keine Angst: Straub ist noch meilenweit von James Joyce entfernt (was nicht heißen soll, dass Straub nicht dazu fähig wäre, einen zweiten "Ulysses" zu schreiben - aber wer wollte das schon tun?).
Diesmal rettet der jugendliche Held nicht seine Mutter - dafür ist es bereits zu spät. Er rettet sich selbst vor dem "Schattenmann" und wohl auch ein Mädchen, das unter diesem Finsterling zu leiden hatte. So entkommt - je nach Lesart - der jugendliche Held der Nachtseite jener Stadt Millhaven. Die Stadt sollte ihm eigentlich in ihrer Wohlanständigkeit Schutz und Unterstützung bieten, hat aber letzten Endes nur zwei Serienkiller hervorgebracht, die wie Wölfe unter Schafen wüteten. Der Durchbruch in die andere Dimension - ist das die Flucht in ein Paradies des Cyberspace, der Virtualität? Bedeutet dies Eskapismus oder Hoffnung für unsere Generation und unsere Kinder? Die Antworten sind im Buch versteckt, man muss sie - jeder für sich - selbst finden. Sie werden nicht auf dem Silbertablett serviert. Das unterscheidet einen Künstler wie Straub von den Groschenheftautoren.
Originaltitel: Lost boy lost girl, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Uschi Gnade Michael Matzer [09.04.2005]
Schon zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit kehrt Tim Underhill, Erfolgsschriftsteller aus Manhattan, in seine Heimatstadt Millhaven zurück, der er vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hat. Zunächst hatte sich Nancy, die Gattin seines ungeliebten Bruders Philip, auf grausame Weise umgebracht. Wenig später verschwindet Mark, ihr Sohn, Tims Neffe, mit dem er sich gut versteht. Er ist nicht der erste Jugendliche, der vermisst wird. In Millhaven treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der offenbar die Kontrolle über sich zu verlieren beginnt und die Taktfrequenz seiner Attacken stetig steigert.
Marks tatsächliches Schicksal ist wesentlich bizarrer. Vor kurzem erregte ein verlassenes Haus auf einem Nachbargrundstück seine Aufmerksamkeit. Es zieht ihn wie ein Magnet an und stößt ihn gleichzeitig ab: Hier ist spürbar Furchtbares geschehen, das die Wände des Gebäudes wie eine Batterie aufgeladen hat. Michigan Street 3323 – dies war vor vielen Jahren die Adresse von Joseph Kalendar, der als einer der schlimmsten Psychopathen und Serienmörder aller Zeiten in die amerikanische Kriminalgeschichte einging. Man hatte ihn erst nach Jahren des Foltern und Mordens erwischt. In einer Anstalt für geistesgestörte Verbrecher wurde er 1985 von einem Mithäftling umgebracht.
Was Mark zunächst nicht weiß: Kalendar war ein Cousin seiner Mutter. Es gibt eine seltsame Verbindung zwischen ihr und dem toten Mörder. Dies war der Grund für den Selbstmord Nancys, die ihre alte Schuld nicht länger ertragen konnte: Sie hätte einst dem üblen Treiben ihres Cousins vorzeitig ein Ende machen können, war aber furchtsam zurückgewichen. Mark ist stärker, er will es mit Kalendar aufnehmen, zumal er bald entdeckt, dass dieser seine ebenfalls ermordete Tochter noch immer in den Folterhöhlen des Hauses Nr. 3323 gefangen hält und quält. Während Tim Underhill und die Polizei einen sehr realen Unhold jagen, dringt Mark immer tiefer in die schrecklichen Geheimnisse des alten Hauses ein. Aber nicht Kalendar ist es, der ihn schließlich vor jene Entscheidung stellt, die zu seinem Verschwinden führt …
"Haus der blinden Fenster" (der Originaltitel "Lost Boy Lost Girl" wird der Geschichte wesentlich gerechter) ist eine bemerkenswert gelungene Mischung aus Thriller und Gruselgeschichte. Wo man die Grenze zieht, bleibt dem Leser überlassen. Die phantastischen Elemente sind eindeutig, sie lassen sich nicht rational auflösen. Auf der anderen Seite spielt sich vieles von dem, was sich scheinbar ereignet, wohl nur in den Köpfen der Figuren ab. "Haus der blinden Fenster" ist wie so oft bei Peter Straub ein Roman, der um die Themen Schuld, Sühne & das Böse an sich kreist und dabei auf Genregrenzen keine Rücksicht nimmt. Darin gleicht er dem Schriftsteller Henry James (1843-1916), mit dem Straub – auch was die literarische Qualität angeht – oft verglichen wird. "The Turn of the Screw" (1898; dt. "Die Drehung der Schraube") weist in der Tat dieselbe unwirkliche Atmosphäre realer und übernatürlicher Bedrohung auf wie "Haus der blinden Fenster".
Viele, viele Fragen wirft Straub auf. Manche beantwortet er, andere können wir uns selbst zusammenreimen. Nicht wenige bleiben jedoch offen. Ist der Sherman-Park-Killer der wiedergeborene Joseph Kalendar? Ist er ein Mensch, der von dessen Geist besessen ist? Wird Nancy Underhill wirklich vom Geist der Kalendar-Tochter, die sie einst feige im Stich ließ, in den Tod getrieben? Bildet sie sich das in ihrer inneren Angst nur ein? Wird auf dem privaten Friedhof des Sherman-Park-Killers doch die Leiche Marks zum Vorschein kommen, den sein Onkel in der "anderen Welt" wähnt? Worum handelt es sich bei dieser "anderen Welt" eigentlich genau? Ist sie das Jenseits, eine fremde Dimension, eine parallele Erde?
Straubs komplexer Schreibstil verstärkt geschickt die Unsicherheit, die der Leser mit den Figuren teilt. Wir erleben Zeitsprünge in Vergangenheit und Zukunft. Die Perspektive wechselt; manchmal erzählt Tim Underhill, dann wird er vom (unsichtbaren) Verfasser beobachtet, der vor allem im Mittelteil die Handlung fast gänzlich Mark Underhill überlässt. Manche Ereignisse werden parallel geschildert, wobei die Interpretation sehr unterschiedlich ausfallen kann: Tim und Mark sehen die Welt nicht mit denselben Augen.
Das verwunschene Haus, in dem es aufgrund eines lange in der Vergangenheit liegenden Unrechts umgeht, ist in gewisser Weise längst ein Klischee der Phantastik. Auf jeden Fall ist es schwierig, ihm heutzutage neues Leben einzuhauchen. Auch hier leistet Straub gute Arbeit. Auf dem Grundstück Nr. 3323 lastet wahrlich ein Haus gewordener Albtraum. Wiederum wurzelt das Grauen ausschließlich in der menschlichen Seele; für Außerirdische, Trolle, Vampire und andere Ausgeburten des klassischen und halbwegs gemütlichen Horrors ist kein Platz in Straubs Welt/en. Auch das Paradies, in dem Mark und seine Lucy sich wiederfinden, entpuppt sich als Stätte zwar ungewöhnlicher aber deshalb nicht weniger bedrohlicher Gefahren.
Seit jeher glänzt Peter Straub mit ausgefeilten Figurenzeichnungen. Hier ist er wieder – Timothy Underhill, Straubs anderes Ich, sein fiktiver Stellvertreter, den er gegen allerlei eingebildete und echte Dämonen kämpfen lässt, seit er ihn 1988 zum ersten Mal gegen den "Blue Rose"-Mörder antreten ließ (in "Koko"), dessen Geheimnis erst 1993 in "The Goat" (dt. "Der Schlund") gelüftet werden konnte. Seither hielt sich Underhill verständlicherweise Millhaven (das Spiegelbild Milwaukees im US-Staat Wisconsin, der realen Heimatstadt Straubs) fern, an das sich für ihn viele unerfreuliche Erinnerungen knüpfen.
Zu schaffen macht ihm auch die provinzielle Enge der kleinen Stadt, die vortrefflich verkörpert wird durch seinen Bruder Philip. Der hat sich scheinbar im biederen Establishment etabliert und ist doch die personifizierte Unzufriedenheit. Seiner Familie bereitet Philip wenig Freude, er ist gefühlskalt, egoistisch, unsensibel, untauglich als Ehemann und als Vater.
Mark, sein Sohn, ist eher nach Onkel Tim geraten. Mit seinen fünfzehn Jahren steckt er tief in der Pubertät, was seinen Alltag nicht einfacher macht. Seine Gefühle sind außer Kontrolle, seine Hormone laufen Amok. So wird er zum idealen Opfer für das Haus an der Madison Street. Zunächst voller Furcht über das, was er dort entdeckt, wird Mark zum jungen Ritter, der seine Prinzessin Lucy vor dem Drachen Kalendar retten will. Dafür zahlt er einen hohen Preis. Andererseits ist sein Schicksal angesichts der trüben Zukunft, die ihm sein reales Leben bietet, womöglich eine Verbesserung. Wie schon gesagt muss Mark jedoch feststellen, dass auch die "andere Seite" keineswegs frei von Bedrohungen ist.
Stets bleibt unklar, ob es wirklich Joseph Kalendar ist, dessen Geist noch immer nicht ablassen will von seiner krankhaften Menschenquälerei. Womöglich ist es der reale Sherman-Park-Killer, der sich mit dem berühmten "Kollegen" identifiziert und in dessen Haut schlüpft. Weil er uns niemals direkt unter die Augen tritt, ist Kalendar jemand, der für Angst und Schrecken sorgt – ein Schreckgespenst, das viel von dem verkörpert, was man sich unter einem Serienmörder vorstellt: eine schattenhafte Gestalt, die wie ein Mensch aussieht, aber eigentlich keiner mehr ist, sondern etwas Atavistisches, Düsteres, ein Wolf unter Schafen, aber ein gut getarnter, der Jagd auf seine ahnungs- und hilflosen Mitbürger macht.
Atmosphäre und interessante, eindringliche gezeichnete Figuren - Diese beiden Aspekte sind Straub deutlich ebenso wichtig wie die Handlung. Das Ergebnis mag den notorischen Koontz-, Hohlbein- oder Lumley-Fan irritieren, womöglich abschrecken, aber wer sich auf "Haus der blinden Fenster" einlässt, erlebt Peter Straub in einer Form, die er seit Jahren schmerzlich vermissen ließ.
Peter Straub wurde am 2. März 1943 in Milwaukee im US-Staat Wisconsin geboren. Der kleine Peter stellte schon früh ein kluges Köpfchen unter Beweis; er brachte sich u. a. selbst das Lesen bei. Sein verheißungsvolles Leben wurde fast von einem schweren Autounfall beendet, dessen körperliche und geistige Folgen Straub viele Jahre zu schaffen machten. Auf diesen Unfall führt Straub seine ständige Beschäftigung mit dem Einbruch unverhofften Schreckens in die normale Welt zurück.
Der Schulzeit an der Milwaukee Country Day School folgte ein Studium der Anglistik an der University of Wisconsin, das Straub an der Columbia University fortsetzte und abschloss. Er heiratete, arbeitete als Englischlehrer, begann Gedichte zu schreiben. 1969 ging Straub nach Dublin in Irland, wo er einerseits an seiner Doktorarbeit schrieb und sich andererseits als "ernsthafter" Schriftsteller versuchte. Während die Dissertation misslang, etablierte sich Straub als Dichter. Geldnot veranlasste ihn 1972 zur Niederschrift eines ersten Romans ("Marriages"; dt. "Die fremde Frau"), den er (mit Recht) als "nicht gut" bezeichnet. Aber er war im Geschäft. Ein befreundeter Verleger riet ihm, es mit Unterhaltungsliteratur zu versuchen. Straub folgte dem und schrieb "Ghost Story" (1979; dt. "Geisterstunde"), seine Interpretation einer klassischen Rache aus dem Reich der Toten. Der Erfolg dieses Buches (das 1981 auch verfilmt wurde), bedeutete Straubs Durchbruch als Schriftsteller. Mit "Shadowland" (1980; dt. "Schattenland") und "Floating Dragon" (1983; dt. "Der Hauch des Drachens") festigte er seinen Ruf – und erregte die Aufmerksamkeit von Stephen King, mit dem er sich bald anfreundete. Die beiden Schriftsteller verfassten 1984 gemeinsam den Bestseller "The Talisman" (dt. "Der Talisman"), dem sie 2001 mit "Black House" (dt. "Das schwarze Haus") eine ebenso erfolgreiche Fortsetzung folgen ließen.
1979 kehrte Straub in die USA zurück. Zunächst in Westport, Connecticut, ansässig, zog die Familie – zu der inzwischen zwei Kinder gehörten – nach New York, wo sie bis heute lebt. Straubs Werke wurden vielfach preisgekrönt; akademisch penibel zählt der Autor seine Meriten auf http://www.peterstraub.net die eigenen Meriten auf. Diese Website ist ebenso informativ wie kurios und verrät einen intellektuellen Mann, der über einen gesunden Sinn für hintergründigen Humor verfügt. Michael Drewniok [06.03.2005]
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