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Interview

Interview mit Frank Haubold
Mit der Sternentänzerin zu den Schatten des Mars

Buchwurm.info:
Wie geht es Ihnen? Wo sind Sie? Was machen Sie gerade?

Frank Haubold:
Danke der Nachfrage, im Grunde gar nicht so schlecht, zumal es draußen tatsächlich doch noch Frühling geworden ist. Ich bin zu Hause und sitze - wie zumeist in den Abendstunden - am Computer. Im Moment denke ich darüber nach, welcher unfertige Text vielleicht doch noch zu retten ist.

Buchwurm.info:
Unsere Leser bei Buchwurm.info kennen Sie vielleicht noch nicht so gut. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?

Frank Haubold:
Ich bin 55 Jahre alt und schreibe seit rund 20 Jahren überwiegend Kurzgeschichten und Erzählungen. Nach dem Abitur habe ich Informatik an der TU Dresden studiert und nach ein paar Jahren Berufspraxis an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Ich bin verheiratet und lebe mit meiner Frau in einem Dorf namens Waldsachsen nahe der Stadt Meerane auf halber Strecke zwischen Gera und Chemnitz.

Buchwurm.info:
Wie kamen Sie zum Schreiben und was fasziniert Sie besonders am Genre der Sciencefiction und Fantasy?

Frank Haubold:
Ich denke, ich bin - wie vermutlich die meisten Autoren - irgendwann beim Lesen auf die Idee gekommen, eigene Texte zu verfassen. Man liest einen besonders gelungenen Roman oder eine Erzählung und denkt sich: Das möchtest du auch können. Es gehört allerdings eine gewisse Besessenheit dazu, diesen Wunsch dann auch in die Tat umzusetzen. Sciencefiction und Fantasy sind eigentlich Subgenres der Phantastik. Dieses Genre bietet dem Autor eine Fülle von Möglichkeiten, Dinge geschehen zu lassen, die normalerweise unmöglich scheinen. Daraus sollte man aber nicht den Rückschluss ziehen, dass phantastische Texte nichts mit der Realität zu schaffen haben.

Buchwurm.info:
Was war Ihr erstes Buch? Worum geht es darin und was hat Sie an diesem Thema besonders interessiert?

Frank Haubold:
Mein erstes Buch "Am Ufer der Nacht" handelt von einem jungen Mann namens Robert, der von unheimlichen Träumen heimgesucht wird. Erst nach und nach findet er heraus, dass sie einem bestimmten Muster folgen und ihn letztlich in die Lage versetzen, sich gemeinsam mit seinen Freunden einer drohenden Katastrophe entgegenzustellen. Die Handlung ist überwiegend frei erfunden, dennoch trägt der Protagonist einige autobiographische Züge und einige der geschilderten Ereignisse haben tatsächlich so oder ähnlich stattgefunden.

Buchwurm.info:
Ihr neuestes Buch ist "Die Sternentänzerin". Worum geht es in diesen Erzählungen und was war für Sie von besonderem Interesse an diesen Themen?

Frank Haubold:
Es handelt sich um eine Zusammenstellung von phantastischen Erzählungen aus den Jahren 2005 bis 2009, darunter die 2008 mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnete Geschichte "Heimkehr". Mein Favorit ist allerdings die titelgebende Erzählung, die den Lebensweg der russischen Tänzerin Lena Romanowa beschreibt, die bei einem Gastspiel in ihrem Heimatort durch ein Attentat schwer verletzt wird und erst viele Jahre später aus dem Koma erwacht. Mit unglaublicher Energie lernt sie wieder laufen und sogar tanzen und feiert schließlich ein unglaubliches Comeback zwischen den Sternen. Ich habe - auch aufgrund der aufwendigen Recherchen - sehr lange an dieser Geschichte gearbeitet, denke aber, es war der Mühe wert.

Buchwurm.info:
Sind Sie mit dem Erfolg Ihrer Bücher bislang zufrieden? Welche Publikumsreaktionen haben Sie am meisten gefreut? Welche fanden Sie unverständlich?

Frank Haubold:
Erfreulicherweise sind die meisten Reaktionen positiv, aber das allein bestimmt nicht den (wirtschaftlichen) Erfolg eines Buches. Dazu bedarf es medialer Präsenz, eines bekannten Namens und eines gewissen Werbeetats seitens des Verlages. Was ich schreibe und bislang veröffentlichen konnte, sind im Grunde Außenseiter-Publikationen. Mein größter Erfolg war zweifellos der Gewinn des Deutschen Science-Fiction-Preises 2008 in beiden Kategorien mit dem Roman "Die Schatten des Mars" und der Erzählung "Heimkehr", und natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut. Unverständliche Reaktionen auf einzelne Texte gibt es auch hin und wieder, wobei die Vorstellung ohnehin illusorisch ist, als Autor alle Erwartungen bedienen zu können.

Buchwurm.info:
Ist es für Sie wichtig, engen Kontakt zu Ihrem Publikum zu halten, beispielsweise auf Conventions oder in einem Verband? Bietet Ihnen das Internet dazu inzwischen bessere Möglichkeiten?

Frank Haubold:
Da ich nicht unbedingt zu den Reiselustigsten gehöre, besuche ich nur wenige Conventions, verdanke diesen Treffen aber eine Reihe durchaus interessanter Begegnungen. Der Hauptteil der Kommunikation findet allerdings im Internet und per Mail statt. Ich bin in einigen Foren aktiv (nicht nur im Bereich der Phantastik), betreibe eine eigene Homepage und halte Kontakt mit zahlreichen Autorenkollegen und Lesern.

Buchwurm.info:
Warum erscheint Ihr Band "Die Sternentänzerin" nicht in einem der "großen" Verlage wie Lübbe oder Heyne, sondern in einem fast unbekannten wie p.machinery? Hat dies bestimmte Vorteile?

Frank Haubold:
Der Hauptvorteil ist zweifellos Umstand, dass das Buch überhaupt erscheint. Großverlage wie Heyne haben kein Interesse an Anthologien oder Collections, weil sie sich angeblich schlecht verkaufen. Das bewahrheitet sich dann im Einzelfall auch im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung, da diese Bücher kaum beworben und schon gar nicht aktiv in die Buchhandlungen gebracht werden. Das war in den 90er Jahren noch anders, wo man in fast jeder Buchhandlung auf die eine oder andere Heyne-Anthologie stieß. Heute läuft das Geschäft nach dem Motto: Nur nichts riskieren. Das ist aber kein Phänomen, das sich auf das Verlagswesen beschränkt.

Buchwurm.info:
Sie veröffentlichen beim EDFC. Welche Bedeutung hat dieser Klub für Sie und für die Szene der phantastischen Literatur in Deutschland?

Frank Haubold:
Der EDFC Passau ist zweifellos einer der ältesten und renommiertesten Fantasy-Clubs in Deutschland, der über viele Jahre seine Mitglieder mit einer Fülle von Publikationen bedienen konnte, die von den Magazinen "Fantasia" und "Quarber Merkur" über Sekundärliteratur bis hin zu einer kleinen, aber exklusiven belletristischen Reihe reichte. Bedingt durch Mitgliederschwund und Mittelknappheit erscheinen die EDFC-Publikationen seit einiger Zeit allerdings nur noch in elektronischer Form, was nicht nur aus Autorensicht zu bedauern ist.

Buchwurm.info:
Können Sie von Ihren Veröffentlichungen leben oder haben Sie noch einen anderen Broterwerb?

Frank Haubold:
Vom Erlös seiner Bücher leben zu können, ist eine angenehme Vorstellung, die aber nicht nur bei mir mit der Realität kollidiert. Es gibt wohl kaum einen mühsameren Broterwerb als den eines freischaffenden Schriftstellers. Da ich nur ungern unter Brücken schlafen möchte, arbeite ich tagsüber in einer Klinik als Abteilungsleiter im Bereich Medizintechnik und Informatik. Das regelmäßige Einkommen garantiert mir auf der anderen Seite eine gewisse Unabhängigkeit bei meiner schriftstellerischen Tätigkeit, was kein geringer Vorzug ist.

Buchwurm.info:
Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?

Frank Haubold:
Wenn ich nicht gerade schreibe oder Texte redigiere, bin ich gern mit dem Fahrrad unterwegs, mache Urlaub im Süden und spiele - wenn auch mehr schlecht als recht - zwölfsaitige Gitarre. Musik (zwischen Doors und Pink Floyd) höre ich allerdings meist nur im Auto.

Buchwurm.info:
Was würden Sie sich für die Szene der phantastischen Literatur in Deutschland (SF, Fantasy, RPG etc.) wünschen, wenn Sie drei Wünsche frei hätten?

Frank Haubold:
O je, auch das ist keine einfache Frage. Natürlich würde ich mir wünschen, dass jüngere Menschen mehr Sciencefiction oder überhaupt phantastische Literatur lesen, was dann auch dazu führen könnte, dass sich die großen Publikumsverlage in diesem Bereich stärker und vielleicht auch kompetenter engagieren. Ebenso wünschenswert wäre eine Abkehr vom gegenwärtigen Schubladendenken auch innerhalb der Phantastik-Szene, das dazu führt, dass viele SF-Anhänger kaum Horror oder Weird Fiction lesen und umgekehrt. Und fern der Realität würde ich gern Merlin, dem Magier, oder Graf Dracula dabei zusehen, wie sie all die überflüssigen König-Artus- und Vampir-Schinken in Bäume zurückverwandeln.

Buchwurm.info:
Wagen wir einen Ausblick. Woran arbeiten Sie gerade? Wann erscheint Ihr nächstes Buch?

Frank Haubold:
Wie bereits angedeutet, arbeite ich derzeit an mehreren Projekten, von denen die meisten allerdings noch nicht spruchreif sind. Unter Umständen ergibt sich demnächst die Möglichkeit zu einer Publikation in Großbritannien - eine Sammlung von Horrorgeschichten in Zusammenarbeit mit einer englischen Kollegin. Außerdem arbeite ich daran, meine im Januar bei Atlantis erschienene Erzählung "Die Gänse des Kapitols" zu einem Roman, einer klassischen Space Opera, zu erweitern. Außerhalb des Genres plane ich gegenwärtig eine Anthologie unter dem Arbeitstitel "Der Traum vom Meer", die aber noch in den Kinderschuhen steckt. Aktuelle Informationen, Rezensionen und Leseproben sind auf meiner Homepage www.frank-haubold.de zu finden.


Bibliographie

Buchausgaben:

"Am Ufer der Nacht" (1997), Roman in Erzählungen.
"Der Tag des silbernen Tieres" (mit Eddie M. Angerhuber, 1999), EDFC Passau. Unter anderem mit der Erzählung "Das Große Rennen", 2. Platz beim Deutschen Science-Fiction-Preis 2000.
"Das Tor der Träume" (Phantastische Erzählungen, 2001), EDFC Passau. Der Erzählungsband wurde für den Deutschen Phantastik-Preis 2002 nominiert, zwei Geschichten für den Deutschen Science-Fiction-Preis und für den Deutschen Phantastik-Preis.
"Das Geschenk der Nacht" (Phantastische Erzählungen, 2003), EDFC Passau. Zwei Geschichten wurden für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2004 nominiert, die Story "Die weißen Schmetterlinge" zusätzlich für den Deutschen Phantastik-Preis 2004 (2. Platz).
"Wolfszeichen" (Phantastische Erzählungen, 2007), Edition Lacerta. Zwölf unheimliche Kurzgeschichten und Erzählungen aus den Jahren 1997 bis 2007.
"Die Schatten des Mars" (Episoden-Roman, 2007), EDFC Passau. Illustrierte Liebhaberausgabe (Hardcover, Leinen), ausgezeichnet mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis 2008
"Die Sternentänzerin" (Collection, 2009), p.machinery Murnau. Zehn Science-Fiction-Erzählungen aus den Jahren 2005 bis 2009, Illustrierte Paperback-Ausgabe.

Als Herausgeber (Auswahl):

"Das schwerste Gewicht" (Jahresanthologie 2005, EDFC Passau)
"Die Jenseitsapotheke" (Jahresanthologie 2006, EDFC Passau)
"Die Rote Kammer" (Jahresanthologie 2008, EDFC Passau)
"Das Experiment" (Jahresanthologie 2009, EDFC Passau)

Erzählungen (Auswahl):

Der Garten der Persephone (2001), in "Reptilienliebe", Heyne
Der Mann auf der Brücke (2001), in "Weihnachtszauber", Lübbe
Die Stadt am Fluß (2005) in "Der ewig dunkle Traum", BLITZ-Verlag
Die Legende von Eden (2005) in "Die Legende von Eden", Shayol
Das Orakel (2006) in "Plasmasymphonie", Shayol
Die Tänzerin (2007) in "Der Moloch", Shayol
Heimkehr (2007) in "S.F.X.", Wurdack
Die Gänse des Kapitols (2010) in "Weltraumkrieger", Atlantis

Michael Matzer [04.05.2010]

 

 

 

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